Nüchterne Auslese

Samuel Helbling über MA Comis 2003 und den zweiten Frühling des Internets

Samuel Helbling über MA Comis 2003 und den zweiten Frühling des InternetsDie digitale Revolution ist zwar ausgeblieben. Doch nach einem steilen Aufschwung und einem ebenso steilen Abschwung ist die Internetwirtschaft inzwischen auf einen stabilen Wachstumspfad eingeschwenkt. Als Basistechnologie ist das Netz der Netze nicht mehr wegzudenken. Und mit ein paar Jahren Verspätung sind sogar einige Versprechungen der wilden Gründerzeit wahr geworden. So hat sich das Internet neben TV, Radio und Presse als Massenmedium etabliert. Rund 600 Millionen
Menschen nutzen es weltweit. Als die Onlinestudie MA Comis 1999 erstmals durchgeführt wurde, surfte erst jeder dritte Deutschschweizer im Internet. Heute sind es rund doppelt so viele. Tendenz weiterhin steigend (siehe Seite 20).
Das Internet befindet sich in einer Phase der Konsolidierung. Allmählich schält sich heraus, was Bestand hat. Nachdem das Netz in der Anfangsphase vor allem für Information, Kommunikation und Unterhaltung genutzt wurde, spielt heute die Transaktion als vierte Komponente eine immer grössere Rolle. In den letzten fünf Jahren ist der Anteil der Deutschschweizer Webuser, die via Internet eingekauft haben, stetig gestiegen, von 43 auf 68 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einer Zunahme von 341000
Personen. In der Reisebranche, im Auktionsgeschäft, im Handel mit Büchern, Tickets und Musik ist das Internet längst nicht mehr wegzudenken. Diesen Erfolgsgeschichten stehen aber viele Versprechungen gegenüber, die sich nicht einlösen liessen. Versicherungen und Neuwagen haben sich bis dato als untauglich für den Vertrieb via Internet erwiesen. Lebensmittel, Online-
Broking und -telefonieren fristen ein kümmerliches Dasein. Und auch als Werbeträger steht das Internet
immer noch am Anfang.
Die Euphorie über die Netzwirtschaft ist inzwischen nüchternem Kalkül in einer reifen Branche gewichen. Diesen ergebnisoffenen
Prozess muss man sich gleichwohl nicht darwinistisch vorstellen. Denn es sind die Menschen, die letztlich darüber entscheiden, wie sie das Internet nutzen wollen: als künftige Konsumenten, die Geld dafür ausgeben. Wer überlebt, entscheidet nicht die Natur, sondern der Kunde.
> Samuel Helbling, Chefredaktor

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