Nichts wie weg!

Sie werden uns noch fehlen – nicht nur in den Spitälern, auch den Medien. Der Dauerbrenner, die Deutschen, waren unser liebstes Feindbild. Von Jürg Altwegg

Die Idee zum Sammelband «Kuhschweizer und Sauschwaben», den ich vor rund einem Jahrzehnt zusammen mit Roger de Weck herausbrachte, keimte während einer Fussball-WM. In der Schweiz feierten alle Minderheiten aus der Migration die Siege ihrer Mutterländer mit Hupen und Fahnen. Nur die Deutschen schwiegen. Und das Klischee von den Schweizern, die in den Beizen jeden Sieg gegen die Deutschen bejubelten, als hätten sie eigenhändig Hitler gebodigt, war keineswegs aus der Luft gegriffen. Aber einen Autor zu finden, der sich den grassierenden Deutschenhass zu eigen gemacht hätte, erwies sich als ein Ding der Unmöglichkeit. Für alles Primäre, Primitivere und Populistische, das unser Verhältnis zu den Schwaben, gopferdammi nocheinmal, doch auch prägen darf, musste man auf den berühmten Weltwoche-Artikel von anno 1986 zurückgreifen, der Pressegeschichte machte. Titel: «Weltmeister ist, gottlob, Argentinien», Untertitel: «Warum die Schweizer ihren Nachbarn die Niederlage im WM-Final so herzlich gönnen.» Und natürlich war von den Nazis die Rede. Die Schweizer Illustrierte machte eine Titelgeschichte: «Hassen wir die Deutschen wirklich?». Ja. Und sie lieben uns. Haben uns zumindest lange geliebt.

Aus diesen beiden Gründen hat mir der Artikel von Christoph Plate in der NZZ am Sonntag sehr gefallen: Das war Klartext, deutsch und deutlich, vor allem deutsch. Titel: «Nichts wie weg». Plate hatte in der aussenpolitischen Redaktion der Zeitung gearbeitet, zehn Jahre lang, und «gerne». Doch kaum ist er nach geglückter Flucht zurück im heimischen Schwabenland und stellvertretender Chefredaktor der Schwäbischen Zeitung, kommen die Vorwürfe. Nach Steinbrück der zweite Deutsche ohne Komplexe.

Bemerkenswerterweise hatte selbst die SVP in den 25 Jahren ihrer Hegemonie die Deutschen lange geschont – obwohl sie im Zentrum ihrer Ideologie und ihres Schweiz-Bilds, die auf den Weltkrieg zurückgehen, stehen. Als ob es sich um ein Tabu handelte. Es ist dann auch geplatzt: Nach dem Triumph mit der Minarett-Initiative setzte die SVP auf die antideutsche Stimmung und machte in Zürich Wahlkampf mit ihr. Der «deutsche Filz» an den Hochschulen und in den Krankenhäusern wurde attackiert, «Berliner Zustände» mussten vermieden werden. Vor zwei oder drei Jahren wehrten sich die deutschen Professoren mit einer Anzeige in der NZZ. Jetzt gehen sie nach Hause. Schon bevor sie die Trendwende bei der deutschen Einwanderung thematisierte, hatte die NZZ am Sonntag zur Wahl in Deutschland ein Dossier über den Zustand der Beziehungen publiziert und verkündet: Normalisierung herrscht. Bereits wird der Exodus der Deutschen beklagt, und die NZZ am Sonntag bat ihren früheren Redaktor um eine Stellungnahme. Nun konnte Plate im eigenen Leibblatt alles loswerden, was er zuvor nicht gesagt hatte. Der Schweizer als Bünzli&Blocher hat ihn aus Zürich vertrieben. Engstirnigkeit, Antisemitismus und antideutsche Klischees zeichnen uns aus. Mangelnde Streitfreudigkeit und fehlende Selbstironie bescheinigt er einer ganzen Nation.

Und all das haben viele der Reaktionen bestätigt. Aber auch andersrum: reinste Fehleinschätzung, Herr Plate! Das Mitleid der Nachbarn, «wo sich unsere Kinder doch angefreundet hätten» (die nächste Generation als Hoffnungsträger), war reine Ironie, welche die teutonische Selbstironie überfordert hat. In Tat und Wahrheit haben sich die mitleidenden Nachbarn über den Wegzug des fremden Nestbeschmutzers in spe im voraus ehr- und redlich gefreut.

Jürg Altwegg ist Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf.
 

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