My Space für die Region

René Worni über Existenzfragen von Printmedien.

René Worni über Existenzfragen von PrintmedienIrgendwie scheinen die Verleger in Deutschland mit ihren Innovationen den Schweizer Kollegen stets um Nasenlängen voraus. Regionale Printmedien verbiegen sich dort nach allen Seiten und treiben crossmediale Verknüpfungen mitunter auf Spitzen, von denen man hier zu Lande (mit Ausnahmen) noch ein gutes Stück entfernt ist. Virtuelle Zirkel mit gemeinsamen Interessen, sogenannte Communitys, werden dabei mehr und mehr zur Existenzfrage.Dass sich Zeitungen neu legitimieren müssen, wie es jüngst am 15. Forum Lokaljournalismus im niedersächsischen Osnabrück hiess, ist bestimmt nichts Neues und überall in der Branche angekommen. Da überrascht wenig, dass sich etwa die Westfälische Allgemeine Zeitung (WAZ) die 34-jährige Bloggerin und Newcomerin des Jahres, Katharina Borchert, zur Leiterin der Online-Redaktion geholt hat (und laut Welt am Sonntag nicht den üblichen «Zampano aus der Printredaktion»). Doch die Berufung der Einzelkämpferin, die mit ihrem Lyssa-Blog in der Blogosphäre Massstäbe gesetzt hat, taugt als prominentes Beispiel dafür, wie sich die Branche verändert. Borchert werkelt im Auftrag von Geschäftsführer Bodo Hombach an einem ausgeklügelten Online-Portal für die vier Regionalblätter der WAZ-Gruppe. Medial weniger prominent ins Licht Gerückte sind derweil schon deutlich weiter. So zum Beispiel die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine (HNA), die zum Imperium des Münchner Zeitungskönigs Dirk Ippen zählt. Deutschlands fünftgrösster Verleger verficht – obwohl er die Presse als erstes Opfer der Digitalisierung betrachtet – ein quasi umgekehrtes Credo: Die Lokalzeitung ortet er im Zentrum, als Schnittstelle und Portal zur digitalen Welt. Bei der HNA macht man das eindrücklich vor: Da gibt es Mundart-Podcasts in den Idiomen der Verbreitungsgebiete, regionale Online-Videos, Feedbackforen und ein aufsehenerregendes lokales Wikipedia, ein Web-Archiv, an dem bereits 400 Laienautoren arbeiten. Die Region soll zur Community, einer Art regionalem My Space zusammenwachsen. – Aus helvetischer Perspektive mag man sich da fragen, ob es bloss am mangelnden Leidensdruck der hiesigen Branche liegt, warum hier zu Lande kaum von solchen Bestrebungen zu merken ist? Immerhin figuriert etwa an der Dufourstrasse massiver Online-Ausbau (vorab beim Blick) auf der Prioritätenliste.
René Worni, Redaktor

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