Mit Licht und Seele

Alain Schindler arbeitet seit 19 Jahren beim Lichtwerbe- und Beschriftungsunternehmen Westiform in Bern-Niederwangen, das seit 1959 der Gründerfamilie Imfeld gehört. Schindler ist mittlerweile Leiter der Westiform-Gruppe, Geschäftsführer der Schweizer und der deutschen Gesellschaften – und Teil der Familie, wie jeder der rund 400 Westiform-Mitarbeiter.  

Bei Westiform wird grösster Wert darauf gelegt, dass das Unternehmen ein Familienbetrieb ist: Man achtet aufeinander, arbeitet zusammen, respektiert sich, lässt unterschiedliche Meinungen gelten, schweigt Probleme nicht tot und findet für alles eine Lösung. Die Firma versteht sich als Motor, in dem jedes Rädchen und jedes Schräubchen auf das andere angewiesen ist. Sonst läuft nichts. «Auch ich bin nur ein Zahnrad im Getriebe», sagt Alain Schindler (48). «Zwar befinde ich mich als Leiter der Firmengruppe an einer zentralen Stelle des Räderwerks, aber eigentlich ist meine Position nicht wichtiger als die der Westiform-Mitarbeiter, die ihr Handwerk ausüben.»

Bescheidenheit, Dankbarkeit und eine positive Grundhaltung sind zentrale Charakterzüge von Alain Schindler. Er protzt nicht mit seinen Leistungen, seine Erfolge sind immer die der guten Leute im Unternehmen, der «Familie» eben. Und dafür ist Schindler dankbar, wie überhaupt für seine Arbeit, an der er offensichtlich Freude hat.

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«Westiform» ist abgeleitet vom Namen des amerikanischen Konzerns Westinghouse, aus dessen Neonsparte Westiform entstanden ist. Zunächst hiess das Unternehmen «Westineon», 1984 erhielt die Firma ihren heutigen Namen.

Dass sich Westiform als international agierendes Unternehmen den Luxus eines gleichermassen charismatischen wie zurückhaltenden Geschäftsführers gönnt, spricht für das Konzept «Familie»: «Bei uns wird sehr darauf geachtet, dass Mitarbeiter zu uns passen, sich wohl fühlen und an ihrem Arbeitsplatz gute Bedingungen vorfinden», betont Schindler. Dahinter steckt ein ebenso einfaches wie oft missachtetes Erfolgsrezept: Wer seinen Job gerne macht, ist auch kreativ, leistungsfähig und in der Lage, innerhalb weniger Wochen mit einem kleinen Team Grossprojekte auf die Beine zu stellen. Diese Kompetenz hat Westiform schon mehrfach unter Beweis gestellt. Binnen zwölf Wochen hat das Unternehmen das Besucherleitsystem des Emirates Palace Hotel in Abu Dhabi erdacht, hergestellt und installiert: 1000 Beschriftungselemente und 60 000 Einzelteile auf 200 000 Quadratmetern. In nur sechs Wochen baute Westiform für den Launch des Grossraumflugzeugs A380 ein begehbares Modellsegment des Superfliegers. Und bei der europaweiten Einführung der neuen Corporate Identity von Opel rüstete Westiform pro Arbeitstag mehr als zehn Autohäuser mit Leuchtschriften aus, zum Teil sogar in kyrillischer Schrift. «Dieses Projekt war wegen seiner Komplexität für mich eines der eindrücklichsten», erzählt Schindler. «Von den Vertragsverhandlungen über die Finanzierungs- und Logistikfragen bis zur Implementierung war es absolut faszinierend.»

Licht – beständig
Alain Schindler wird 1962 in Biel geboren und wächst in Düdingen bei Fribourg auf. Nach dem Gymnasium absolviert er eine kaufmännische Lehre sowie eine Weiterbildung zum Diplom-Controller. Ausserdem eignet er sich Managementwissen an. Von 1984 bis 1987 arbeitet Schindler in der Treuhandbranche, danach leitet er fünf Jahre lang das Finanz- und Rechnungswesen der Klopfstein-Firmengruppe in Laupen bei Bern.

Als Schindler 1992 als Leiter Finanz- und Rechnungswesen bei Westiform einsteigt, sind die Kinder von Westiform-Gründer Niklaus Imfeld noch nicht alt genug, um eine Führungsposition in der Firma zu übernehmen. 1959 hatte die Familie Imfeld die Neonabteilung des amerikanischen Unternehmens Westinghouse gekauft, das in der Schweiz Leuchtröhren produzierte, und die Firma Schritt für Schritt weiter ausgebaut. Heute arbeiten drei der vier Imfeld-Kinder im Unternehmen, der einzige Nicht-Imfeld im Führungsstab ist Schindler. In dieser Konstellation managt «die Westiform-Familie» drei Standorte in der Schweiz, zwei in Deutschland und je einen in Österreich, Frankreich, Tschechien, China und Japan.

«Ich arbeite fast schon mein ganzes Leben bei Westiform», sagt Schindler und lacht, um seinen Stolz zu überspielen. 1995, nach drei Jahren als Westiform-CFO, übernimmt Schindler zusätzlich das Controlling der Unternehmensgruppe, weitere zwei Jahre später die Stellvertretung des Direktors in Bern-Niederwangen. «Seit dieser Zeit sind Kundenprojekte und Führungsaufgaben meine Passion», erzählt er. «In diesen Segmenten habe ich mich dann weiterentwickelt und das Finanz- und Rechnungswesen verlassen.» 19 Jahre
ist Schindler nun dabei. Die Beziehung scheint frisch geblieben zu sein.

Auch privat ist Schindler einer von der stetigen Sorte: Seit bald 20 Jahren wohnt er mit seiner Frau und seinen beiden erwachsenen Töchtern in Schmitten bei Düdingen. Ausgleich zur Arbeit sucht der Familienvater in der Natur – beim Wandern, Joggen, Tennisspielen oder Schneeschuhlaufen. Ausserdem ist Schindler regelmässig auf der Piste anzutreffen, zwischenzeitlich auf dem Snowboard, seit drei Jahren wieder auf Skiern. Schnee gehört zu Schindlers Elementen. Bis zum zwanzigsten Lebensjahr fuhr er Skirennen und wäre am liebs-
ten Skirennfahrer geworden: «Ich hätte gerne einmal zuoberst auf dem Podest gestanden», gibt er zu. «Aber ich war einfach nicht gut genug.» Eine grosse Leidenschaft hat Schindler ausserdem für handwerkliche Arbeiten. Am liebsten bastelt er an seinem Haus herum, sobald der Winter vorüber ist, will er einen Schwimmteich anlegen. Dass dem Manager einmal die Ideen ausgehen, scheint ziemlich unwahrscheinlich.

Die Geschäfte von Westiform laufen gut. Dennoch: «Wir sind in einem schwierigen Umfeld tätig», betont Schindler. «Wir haben ein ausgesprochen breites Portfolio, von Lichtwerbung über Lichtkunst und Werbelogistik bis zum Digital Signage und eine grosse Anzahl von Mitbewerbern, insbesondere international. Darum müssen wir die Nase immer ganz vorne haben.» Vor allem mit der Entwicklung neuer, nachhaltiger Technologien versucht Westiform, am Ball zu bleiben. Nach dem Motto: «Es darf nicht einfach alles nur schön sein, es muss auch einen Sinn haben.» Anfang 2010 lancierte das Unternehmen das innovative Leuchtmittel ConturaLED. Dank eines Sensors leuchtet es immer nur knapp heller als seine Umgebung. Das spart bis zu 90 Prozent Energie. Coop und Axa Winterthur setzen bereits auf ConturaLED. Ausserdem hat das Unternehmen ein Verfahren entwickelt, bei dem im Tiefziehverfahren geformte Acrylglas-Elemente gleichmässig mit einer dünnen, lichtdurchlässigen Silberschicht bedampft werden können. So entstehen hochwertige Leuchtschriften für markenbewusste Firmen, mit denen sich Westiform insbesondere gegen Konkurrenz aus Billiglohnländern durchsetzen möchte. Ausserdem will Westiform in Zukunft mit seinen Lichtsystemen kommunizieren können: «Sie sollen nicht nur Licht abgeben», erklärt Schindler, «wir wollen auch wissen, wie lange und wie stark sie leuchten, in welchem Zustand sie sind, und wir wollen eingreifen können, bevor es mit der Lichtquelle ein Problem gibt. Die Technologie dafür haben wir bereits, aber wir müssen noch umfangreiche Tests machen. Ausserdem muss der Markt dafür reif sein. Das wird schätzungsweise in drei Jahren der Fall sein.»

Die Entwicklung intelligenter Produkte wird bei Westiform auch in Zukunft einen hohen Stellenwert geniessen. Schindler: «Für uns ist es ganz wichtig, dass wir unsere Technologieführerschaft weiter festigen können, insbesondere in den Bereichen Licht und Oberflächentechnologie, mit einem Fokus auf Nachhaltigkeit.» Mit einer Einschränkung, auf die Schindler grössten Wert legt: «Der Hauptgrund, warum wir erfolgreich sind, sind nicht Technologien, sondern unsere Mitarbeiter. Sie sind unser Kapital.» Westiform hat schon immer auf kreative Angestellte gesetzt. Seit 1980 lässt sich die Firma beispielsweise von der Schweizer Schriftikone Adrian Frutiger beraten, dem Entwickler der Post-Hausschrift und der Typo, die seit 2003 für alle Schweizer Strassenschilder eingesetzt wird. Bis 2002 war Frutiger Mitglied des Westiform-Verwaltungsrats, ein enger Freund der Familie Imfeld ist er bis heute.

Menschen im Mittelpunkt
Alain Schindler hat gern mit Menschen zu tun. Er ist kein Schreibtischhocker, sondern am liebsten in Bewegung, in Kontakt mit Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten. Wenn grosse Projekte im Ausland abgewickelt werden, reist er nicht nur für die Verhandlungen vor Ort, sondern auch, um bei der Umsetzung dabei zu sein. «Meine Stärke sehe ich im Bereich Führung, im Bewältigen der unterschiedlichen Herausforderungen, die sich uns an unseren Standorten in aller Welt stellen», sagt Schindler. «Ich bin nicht derjenige, der vom Chefsessel aus Anweisungen gibt, sondern eher jemand, der Anforderungen vor Ort gemeinsam mit den Mitarbeitern meistert. Denn eine Situation kann man nur verstehen, wenn man an Ort und Stelle ist.» In dieser Hinsicht ist Schindler ein Controller geblieben.

Westiform will seine Kunden mit neuen, cleveren Produkten, professioneller Arbeit und einem hohen Umsetzungstempo begeistern. Dieser Anspruch beginnt bei der kleinsten Schraube und reicht bis zur komplexen Lichtinstallation, die irgendwo auf der Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Platz stehen muss. Die Projekte des Unternehmens sind oft sehr komplex. Klar, dass da auch schon einmal etwas schiefgeht. Doch das ist für Schindler kein Genickbruch. «Jede Situation, die oberflächlich negativ ist, hat in der Tiefe oft etwas Gutes», sagt er. «Das kommt darauf an, auf welcher Zeitschiene man die Geschichte betrachtet. Kurzfristig gesehen besteht ein Problem, langfristig macht man aber vielleicht eine Sache besser, weil Schwierigkeiten einmal aufgetaucht sind und behoben wurden.»

Seinen ganz persönlichen Erfolg misst Schindler ohnehin nicht am Gelingen einzelner Projekte. «Ich betrachte es eher als grossen Erfolg, dass wir es schaffen, uns in einem schwierigen Umfeld mit einer Mannschaft zu behaupten, die sich aufeinander verlässt und eine gemeinsame Kultur lebt.» Das Gegenüber ist für Schindler der Massstab allen Handelns. Das verrät auch sein Traum vom Glück: Gesund und aktiv bleiben, Gleichgewicht zwischen Beruf und Freizeit, Familie und Freunde herstellen, nicht in den eindimensionalen Strudel des Geschäftslebens geraten. Das klingt schlicht. Auf den ersten Blick.

Anne-Friederike Heinrich

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