Mit Fingerspitzengefühl die App-Welt erobern

Das iPad scheint die Medienwelt zu revolutionieren. So könnte man meinen, wenn man die zum Teil euphorischen Artikel zum Thema liest. Kann damit aber auch Geld verdient werden? Und wer verdient es? Gastkommentar von Josefa Haas, Leiterin Medieninstitut.

Apple gehört zu denjenigen, welche über grosses Fingerspitzengefühl verfügen, wenn es um die Entwicklung von verführerischen digitalen Plattformen geht. Technologische Innovation allein begeistert nur Techniker. Soll eine breite Konsumentenschicht erreicht werden, dann zählt das Erlebnis als Ganzes: Von der Ankündigung über den Erstkontakt, den Kaufentscheid, das Kennenlernen, den erfüllten und den unerfüllten Wünschen bis zur Abwendung, weil ein neues Gerät weitere Möglichkeiten eröffnet. Apple beherrscht diese Kunst mit Meisterschaft.
Das iPad erfüllt mir als Nutzerin viele meiner Ansprüche. Es ist eine tragbare Mediathek, Büchergestell und Magazin-Ablage, Audio- und Videothek. Die Konvergenz der verschiedenen Medienformen kann hier wie auf kaum einem anderen Gerät erlebt werden. Es begleitet mich auf meinen Sommerreisen mit den runtergeladenen Büchern, Zeitungen und Podcasts. Am besten gefallen mir Anwendungen, welche die Annehmlichkeiten der analogen Medienwelt mit denjenigen der digitalen verbinden. Übersichtlichkeit schaffen klassische Architekturen wie Ressorts, nummerierte Seiten, gepflegtes Layout sowie Tablare für die Archivablage. Dabei will ich nicht auf Hyperlinks, Videos oder Sharing-Möglichkeiten verzichten. Ein interessantes Beispiel dafür ist die App der Coop-Zeitung.
Als zahlende Kundin macht mir das iPad das kommunikative Leben einfach und ärgerlich zugleich. Die Aktualisierung der Apps und der Mails durch schnelles Antippen gehört schnell zum Morgenritual. Einmal bei iTunes registriert, genügt ein Tippen mit dem Finger, um mir alle Wünsche zu erfüllen. Die Bildqualität verlangt nach einer entsprechenden Graphik und letztlich nach anspruchsvollen Inhalten.
Wer mit dem iPad arbeiten will, wird allerdings immer wieder in die Steinzeit zurückversetzt: Selbstverständlichkeiten müssen entweder über verschiedene Apps oder Zubehör einzeln erworben werden. Einiges wird erst noch entwickelt. An die Tastatur kann man sich gewöhnen. Diesen Text konnte ich dank meiner kleinen Hände direkt eintippen, auch wenn meine Fingerfertigkeit stark gefordert war.
Unangenehm ist der Gedanke an all die Informationen, welche Apple über meine Vorlieben, Interessen und Kontakte sammelt. Steve Jobs spannt das Netz um seine Kunden sehr eng: Wer eines seiner Geräte erworben hat, verpflichtet sich dazu, sein Spiel mitzuspielen. Jobs macht damit dieselben Fehler, die er Microsoft vorgeworfen hat: Er nutzt seinen Markterfolg bis an die Grenzen aus.
Die Medienproduzenten sind ebenfalls den Spielregeln von Apple ausgeliefert. Wer wie seine App aufschalten kann ist offenbar für Verleger nicht einfach Verhandlungssache. Streitpunkt sind die Abonnement- und Einzelverkaufsformen. Die beiden folgenden Fragen stehen im Zentrum: Wer verdient wie viel an den App-Kunden und wer verfügt über deren Daten?
Selbst iPad-Partner der ersten Stunde wie Time Inc. konnten offenbar noch keine befriedigende Lösung finden. Wie All Things Digital berichtet, verhinderte Apple die Lancierung eines Magazins, das über iTunes runtergeladen werden kann, das Abonnement hingegen direkt mit dem Verleger abgerechnet wird. Wo eine Vereinbarung getroffen werden konnte, wie zwischen Apple und Amazon, schaltet sich die Wettbewerbsbehörde ein. Magazin-Apps können offenbar erfolgreich verkauft werden: Wired soll gemäss Branchenberichten rund 100 000 Exemplare seiner Juni-Ausgabe über das iPad verkauft haben zum Einzelverkaufspreis von 4.99 Dollar. Bereits wird denn auch spekuliert, Steve Jobs wolle im Magazin-Geschäft stärker mitmischen.
Apple lässt Fingerspitzengefühl vermissen. Der amerikanische Ökonom Richard Reich erinnerte kürzlich daran, dass BP keine Person, sondern ein Bündel von Verträgen sei. Dies gilt auch für Apple, selbst wenn sich Steve Jobs gerne als iGod präsentiert. Es ist jetzt die Aufgabe aller Marktpartner und auch der Behörden, hart zu verhandeln. Bereits heute steht Apple bezüglich Arroganz der Macht Microsoft und Google in nichts nach. Die Konkurrenz ist herausgefordert, alternative Angebote auf den Markt zu bringen.
Eine Alternative zum iPad sind heute immer noch die gedruckten Medien. Immer, wenn ich mich vertieft mit einem Text beschäftigen wollte, griff ich diesen Sommer zum Buch oder zur Zeitung. Ob das auch nächsten Sommer im gleichen Masse der Fall sein wird, hängt vom Fingerspitzengefühl ab, mit dem alle Markteilnehmer ihre Angebote weiterentwickeln.

More articles on the topic