Metropol auf Börsenaltar geopfert

Ein Nachruf auf das verlegerische New-Economy-Phänomen Metropol

Ein Nachruf auf das verlegerische New-Economy-Phänomen MetropolVon Oliver Classen Der Profitabilität der eigenen Gruppe will sich Metro International wieder vermehrt verpflichten. Die Shareholder wirds freuen, denn das Zürcher Experiment mit der Pendlerzeitung in der grünen Metallkiste hat zweistellige Millionensummen im Zürcher Seebecken versenkt.
«Die Schweizer Wirtschaft wieder im Aufwind» lautet die letzte Schlagzeile auf den seit vergangenem Donnerstag verwaisten grünen Metallboxen von Metropol. Was angesichts der Notlage des anzeigenfinanzierten Blattes vor Wochenfrist noch wie eine bis zur Belanglosigkeit wiederholte Selbstbeschwörungsformel tönte, wirkt nun wie eine zynische Grabinschrift auf grünem Grund. Und die dazugehörigen Verteilkästen wie Mahnmale eines verlegerischen New-Economy-Phänomens, das Zürich neben Tonnen von Altpapier immerhin auch 55 Arbeitsplätze bescherte. Doch diese sind im Gegensatz zum Inventar leider nicht transportabel. Computer und Büromöbel sollen nämlich bereits unterwegs sein zur dieser Tage eröffneten Pariser Filiale.
In Sachen Mobilität und Flexibilität schaffen es die smarten Skandinavier also zusehends, das Ikea- und H&M-Modell in die Zeitungswelt zu übersetzen. Nur mit der Rentabilität, da haperts nach wie vor, hat Metro International 2001 doch einen vorsteuerlichen Verlust von 84,1 Mio. Dollar eingefahren. Das ist nochmals deutlich mehr als das Minus vom Vorjahr (68,5 Mio. Dollar). Zu viel jedenfalls für die Medienunternehmen gegenüber skeptisch gestimmten Anleger. Von den derzeit 20 publizierten Metropol-Ausgaben schreiben gerade mal vier schwarze Zahlen (Stockholm, Göteborg, Prag, Budapest). Das ist ein Anfang, mehr aber auch nicht.
Der Gruppe ist ein nachhaltiger Imageschaden erwachsen
Doch Grün ist ja bekanntlich die Farbe der Hoffnung. Genau die haben die Manager des börsenkotierten Mutterverlags Metro International jedoch verloren, zumindest für ihren besonders kostenintensiven Schweizer Ableger. Gut zwei Jahre hat VR-Präsident und CEO Pelle Törnberg von seinem Firmenjet aus (mit dem er täglich zwischen den unterdessen 14 Metro-Ländern hin und her pendelt) zugesehen, wie erst Urs Zeier, dann Lawrence Kenny und zuletzt Robert Gustavsson zweistellige Millionenbeträge im Zürcher Seebecken versenkten.
Nun hat Törnberg seinen hiesigen Statthaltern auf Geheiss einiger unruhig werdender Grossinvestoren den Geldhahn abgestellt – vermutlich kurz bevor diese ihrerseits die Dollarpipeline zugedreht hätten. Anders ist das selbst für Metro-Verhältnisse abrupte, vor allem aber tüchtig imageschädigende Ende des Prestigekampfs mit dem Erzkonkurrenten 20 Minuten (gelbe Metallboxen) nicht zu erklären. Wo immer die beiden Rivalen künftig aufeinander treffen (zunächst in Paris, bald aber vielleicht schon in Deutschland), wird die Schibsted-Tochter 20 Minuten den Zürich-Trumpf aus dem Ärmel ziehen. Und so bei lokalen Behörden und potenziellen Partnern einen Vertrauensvorsprung herausschinden, der erfolgsentscheidend sein kann.
Wichtiger als etwaige Wettbewerbsnachteile ist Törnberg aber offenkundig sein klares Signal an die Shareholder, dass Metro International seiner «Verpflichtung gegenüber dem Schlüsselfaktor Profitabilität» konsequenter als bisher nachzukommen gedenkt. Denn um nichts anderes als um eine Beruhigungspille für Investoren handelt es sich bei dieser ersten Betriebsschliessung seit dem Debakel im englischen Newcastle anno 2000.
Der verlegerische Zauberlehrling verspricht also seiner ideellen und finanziellen Mentorin, der Börse, ihren Vorga-ben und Erwartungen fortan mehr Respekt zu zollen. Und beschliesst damit offiziell die jugendliche Sturm-und-Drang-Periode eines New-Economy-Unternehmens, das man sich als erwachsenen, auf Sicherheit bedachten Branchenplayer gar nicht so recht vorstellen kann und will.

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