Medien in der Krise – recht so!

Die Deutungsmacht der Apparate über die aufklärerische Potenz unabhängiger Medien dominiert. Denn das Vertrauen in die Kompetenz und das Augenmass dieser Medien ist verloren, die Verbindungen spielen nicht mehr. Gastkommentar von Karl Lüönd, Publizist und Buchautor.

«Warum soll man pumpen, wenn es nicht nötig ist?» Pascal Couchepin lächelte süffisant in die Kamera. Vieles spricht dafür, dass er zu diesem Zeitpunkt schon gewusst hat, dass es nötig sein würde. Aber die bundesrätliche Informationsregie schrieb ihm vor, die Bürger irrezuführen.
Als es dann wirklich passierte, haben sich die Medien – von Blick, der Ringiers Vendetta gegen die Weltwoche genüsslich auslebte, bis zu «Giacobbo/Müller» – zunächst hämisch über die Weltwoche und deren Autor Gerold Bührer lustig gemacht. Das Wochenblatt fasste den Wissensstand von seinem Abschlusstag, Dienstag, dem 14. Oktober, nicht unoriginell zusammen mit der Paraphrase auf Ben Vautiers Provokation an der Expo in Sevilla. Dass die Handelszeitung einen analogen Flop produzierte – produzieren musste, weil auch sie den gleichen technischen Abschlusszwängen und Vorlaufzeiten einer Wochenzeitung unterworfen war –, wurde nirgends wahrgenommen.
Shit happens – was solls? Die Kollegen hätten sich gescheiter über zwei Phänomene Rechenschaft gegeben, die beweisen, dass auch die Medien in der Krise sind, und dies nicht erst seit der 68-Milliarden-Nachricht aus den vereinigten Gewölben von Bundeshaus und Nationalbank.
Phänomen 1: Die Information ist organisiert, kanalisiert und damit domestiziert. Es dominiert die Deutungsmacht der Apparate über die aufklärerische Potenz unabhängiger Medien. Denn das Vertrauen in die Kompetenz und das Augenmass dieser Medien ist verloren gegangen, deshalb spielen die Verbindungen nicht mehr richtig.
Wenn es stimmt, dass im Bundeshaus, in der Nationalbank und in der UBS mindestens hundert Leute seit Tagen von dem Geheimnis gewusst haben, ist es eine reife Leistung von Informationsmanagement (oder -manipulation), dass nichts vorzeitig nach aussen gedrungen ist. Als Chefredaktor einer wichtigen Zeitung oder Fernsehstation würde ich mich fragen: Wie gut oder wie schlecht sind meine Beziehungen, wie angegriffen ist mein Vertrauenskapital, dass mich an solchen Tagen niemand – wenigstens in Andeutungen – vor voreiligen und apodiktischen Einschätzungen warnt? Etwa nach der Melodie: Pass auf, mehr kann ich dir nicht sagen, aber es ist etwas Grosses im Busch …
Ich plädiere nicht für Indiskretionen, obwohl ich nie etwas dagegen hatte, vor allem dann nicht, wenn ich davon profitieren konnte. Aber die Art und Weise, wie die übermächtigen Informationsmaschinen der Behörden und der Banken, auch der Nationalbank, mit den Medien umgegangen sind, spiegelt das grundsätzliche Misstrauen der Macher gegenüber den Medien. Sie benützen uns als Verstärker oder als nützliche Idioten, aber eigentlich sind wir ihnen lästig. Darum schikanieren sie uns, wo sie können – man beachte demnächst die Entscheide zur Konzessionsvergabe an die privaten Radio- und TV-Stationen!
Phänomen 2: Dieses Misstrauen ist so lange verständlich, als die nach der Explosionsmeldung veröffentlichten Interpretationen so fehlerhaft und tendenziös sind, wie sie es eben gewesen sind. Rasch hat sich die mediale Hammelherde darauf geeinigt, es sei eine «Rettungsaktion» gewesen, womöglich in letzter Minute (und nicht ein schneller und entschlossener proaktiver Schachzug, wie man es ja auch sehen könnte). Und es sei eine Art von Subvention gewesen (und nicht ein Geschäft – ein riskantes vielleicht, aber eben doch ein Geschäft – mit dem spekulativen Zinssatz von 12,5 Prozent).
Zugespitzt wurde die ganze Geschichte sowieso und im trauten Verein mit der staatsgläubigen Linken auf die Bonusfrage. Das verstehen nicht nur die Leser, sondern vor allem die Schreiber. Unbekümmert wird gefordert, es sollten jetzt gültige Verträge gebrochen werden, und ebenso unbekümmert werden Bonuszahlen genannt, als hätte es sich dabei nicht zu einem wesentlichen Teil um gesperrte und heute wertlose Optionen gehandelt, sondern um Bargeld.
Medien hätten die Aufgabe, zu differenzieren, Klarheit zu schaffen, Augenmass zu beweisen. Stattdessen wurde munter lokalisiert, emotionalisiert, personalisiert. Der Tages-Anzeiger schickte Reporter in die Schalterhallen, als ob dort etwas zu erfahren gewesen wäre über das Ausmass der Abwanderung von Sparern von den Gross- zu den Kantonal- und Raiffeisenbanken. Der Blick hyperventiliert schon im Sprachgebrauch. Der Befehlston der letzten Tage ist nur noch steigerbar durch die ultimative Schlagzeile: «Todesstrafe für Ospel!»
Meine Wette gilt noch: Nicht einmal die Hälfte unserer Wirtschaftsjournalisten ist in der Lage, eine Bilanz zu lesen, geschweige denn hochkomplexe Vorgänge im Bankenbereich korrekt zu interpretieren. Solange dies so ist, geschieht es uns recht, wenn uns die Fassadenreiniger der PR-Industrie nach Strich und Faden irreführen.

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Illustration Davor BakaraIch plädiere nicht für Indiskretionen, obwohl ich nie etwas dagegen hatte, vor allem dann nicht, wenn ich davon profitieren konnte. Aber die Art und Weise, wie die übermächtigen Informationsmaschinen der Behörden und der Banken, auch der Nationalbank, mit den Medien umgegangen sind, spiegelt das grundsätzliche Misstrauen der Macher gegenüber den Medien. Sie benützen uns als Verstärker oder als nützliche Idioten, aber eigentlich sind wir ihnen lästig. Darum schikanieren sie uns, wo sie können – man beachte demnächst die Entscheide zur Konzessionsvergabe an die privaten Radio- und TV-Stationen!
Phänomen 2: Dieses Misstrauen ist so lange verständlich, als die nach der Explosionsmeldung veröffentlichten Interpretationen so fehlerhaft und tendenziös sind, wie sie es eben gewesen sind. Rasch hat sich die mediale Hammelherde darauf geeinigt, es sei eine «Rettungsaktion» gewesen, womöglich in letzter Minute (und nicht ein schneller und entschlossener proaktiver Schachzug, wie man es ja auch sehen könnte). Und es sei eine Art von Subvention gewesen (und nicht ein Geschäft – ein riskantes vielleicht, aber eben doch ein Geschäft – mit dem spekulativen Zinssatz von 12,5 Prozent).
Zugespitzt wurde die ganze Geschichte sowieso und im trauten Verein mit der staatsgläubigen Linken auf die Bonusfrage. Das verstehen nicht nur die Leser, sondern vor allem die Schreiber. Unbekümmert wird gefordert, es sollten jetzt gültige Verträge gebrochen werden, und ebenso unbekümmert werden Bonuszahlen genannt, als hätte es sich dabei nicht zu einem wesentlichen Teil um gesperrte und heute wertlose Optionen gehandelt, sondern um Bargeld.
Medien hätten die Aufgabe, zu differenzieren, Klarheit zu schaffen, Augenmass zu beweisen. Stattdessen wurde munter lokalisiert, emotionalisiert, personalisiert. Der Tages-Anzeiger schickte Reporter in die Schalterhallen, als ob dort etwas zu erfahren gewesen wäre über das Ausmass der Abwanderung von Sparern von den Gross- zu den Kantonal- und Raiffeisenbanken. Der Blick hyperventiliert schon im Sprachgebrauch. Der Befehlston der letzten Tage ist nur noch steigerbar durch die ultimative Schlagzeile: «Todesstrafe für Ospel!»
Meine Wette gilt noch: Nicht einmal die Hälfte unserer Wirtschaftsjournalisten ist in der Lage, eine Bilanz zu lesen, geschweige denn hochkomplexe Vorgänge im Bankenbereich korrekt zu interpretieren. Solange dies so ist, geschieht es uns recht, wenn uns die Fassadenreiniger der PR-Industrie nach Strich und Faden irreführen.

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Illustration Davor Bakara

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