Medialer Ablasshandel
Oliver Classen über ein Dilemma unserer Betroffenheits-ökonomie.
Oliver Classen über ein Dilemma unserer Betroffenheits-ökonomie.Frank Amalric ist ein argloser Zeitgenosse, zugleich jedoch Abteilungsleiter am «Center for Corporate Responsibility and Sustainability» der Universität Zürich. Als solcher tat er der Basler Zeitung kürzlich kund, Schweizer Unternehmen würden die Spendenflut für die Tsunami-Opfer nicht aus Imagegründen mitspeisen, sondern vor allem aus «Sorge um und Solidarität mit den eigenen Beschäftigten in Südostasien».
Solch gutmenschlicher Flachsinn ist schlimm, schliesslich könnten
allenfalls Global Player à la ABB, UBS und Nestlé dieses Motiv geltend machen. Schlimmer noch – und wohl nur durch schockinduzierten Urteilsverlust erklärbar – ist indes, dass die Wirtschaftsredaktion eines seriösen Blattes diese «Analyse» unkommentiert druckt. Und den hanebüchenen Artikel noch mit dem Hinweis garniert, dass auch die Basler Zeitung nicht zurücksteht und 10000 Franken überweist. Den Südostasienkorrespondenten der BaZ wird’s freuen …
Doch im Ernst: Als Überbringer dieser und anderer Katastrophennachrichten sind Medien immer auch Profiteure menschlicher Nöte und Miseren, ob sie wollen oder nicht. Das unterscheidet sie von übrigen Unternehmen und macht sie anfälliger für Kritik, aber auch für Heuchelei. Denn Fakt ist: Verlage und Sender bewirtschaften unser
aller Betroffenheit. Das ist nicht verwerflich, sondern unumgänglich zur Herstellung von Öffentlichkeit. Allerdings tun sie dies mehr oder minder hemmungs- und skrupellos.
Während Ringier satte 300000 Franken spendete (und ausgiebig darüber informiert), begnügte sich Tamedia mit 100000 Franken (sowie einer kleinen Notiz im Leitartikel). Und die NZZ entrichtete gar keinen Obolus. Diese Relationen sind meines Erachtens nicht zufällig, sondern ein Hinweis darauf, in welchem Mass die genannten Verlage die «Mörderwelle» gezielt inszenierten und emotional ausschlachteten. Solch Ablasshandel ist in unserer Mediengesellschaft zwar gang und gäbe; schonungslos sichtbar wird er aber nur nach weltbewegenden Tsunamis.
> Oliver Classen, Redaktor
Solch gutmenschlicher Flachsinn ist schlimm, schliesslich könnten
allenfalls Global Player à la ABB, UBS und Nestlé dieses Motiv geltend machen. Schlimmer noch – und wohl nur durch schockinduzierten Urteilsverlust erklärbar – ist indes, dass die Wirtschaftsredaktion eines seriösen Blattes diese «Analyse» unkommentiert druckt. Und den hanebüchenen Artikel noch mit dem Hinweis garniert, dass auch die Basler Zeitung nicht zurücksteht und 10000 Franken überweist. Den Südostasienkorrespondenten der BaZ wird’s freuen …
Doch im Ernst: Als Überbringer dieser und anderer Katastrophennachrichten sind Medien immer auch Profiteure menschlicher Nöte und Miseren, ob sie wollen oder nicht. Das unterscheidet sie von übrigen Unternehmen und macht sie anfälliger für Kritik, aber auch für Heuchelei. Denn Fakt ist: Verlage und Sender bewirtschaften unser
aller Betroffenheit. Das ist nicht verwerflich, sondern unumgänglich zur Herstellung von Öffentlichkeit. Allerdings tun sie dies mehr oder minder hemmungs- und skrupellos.
Während Ringier satte 300000 Franken spendete (und ausgiebig darüber informiert), begnügte sich Tamedia mit 100000 Franken (sowie einer kleinen Notiz im Leitartikel). Und die NZZ entrichtete gar keinen Obolus. Diese Relationen sind meines Erachtens nicht zufällig, sondern ein Hinweis darauf, in welchem Mass die genannten Verlage die «Mörderwelle» gezielt inszenierten und emotional ausschlachteten. Solch Ablasshandel ist in unserer Mediengesellschaft zwar gang und gäbe; schonungslos sichtbar wird er aber nur nach weltbewegenden Tsunamis.
> Oliver Classen, Redaktor
