Magazindämmerung

Gastkommentar Der Markt zeigt viel Vertrauen in Zeitschriften, aber wenig in Tageszeitungen, schreibt Kurt W. Zimmermann.

Gastkommentar Der Markt zeigt viel Vertrauen in Zeitschriften, aber wenig in Tageszeitungen, schreibt Kurt W. Zimmermann.Schon mal von der Meredith Corp. gehört? Vielleicht wären deren Aktien keine schlechte Idee. Keine Sorge, ich juble Ihnen keine Anlagetipps unter. Aber ein Blick auf die Börse lohnt sich, wenn man die künftigen Megatrends im Verlagsgeschäft aufspüren will.Seit gut einem Jahr beobachten Analysten eine neue Tendenz: Die Kurse von Zeitschriftenverlagen entwickeln sich deutlich besser als jene von Zeitungskonzernen. In den USA etwa schlägt die Performance eines Zeitschriftenhauses wie Meredith (Ladies Home Journal) jene von Knight-Ridder (Miami Herald) oder New York Times Co. deutlich. Und in Grossbritannien stellen Magazinverlage wie Highbury (Country House and Home) an der Börse klassische Zeitungsunternehmen wie Daily Mail PLC klar in den Schatten.
In der Schweiz ist die Lage identisch – auch ohne Börsenkurse. Zeitschriften wie Schweizer Illustrierte und Weltwoche gewinnen wie die verwandten Sonntagstitel an Marktanteil. Auch Facts, käme es publizistisch nicht dermassen armselig daher, würde in diese Kategorie gehören. Zeitungsmonumente wie NZZ oder Tages-Anzeiger hingegen bröckeln.
Grund dafür ist, dass die aktuelle Branchenkrise konjunkturelle und strukturelle Ursachen hat. Zeitungen sind von beiden Faktoren betroffen, Zeitschriften leiden nur unter der Stagnation. Sobald sich die Werbekonjunktur diesen Winter erholt, werden Umsätze und Renditen von Zeitschriften merklich steigen. Es wird wieder wie früher sein. Bei den Zeitungen wird dies nicht in gleichem Ausmass geschehen, denn die Strukturprobleme bleiben. Es wird nie mehr wie früher sein.
Landesweite Kampagnen werden weiterhin oft an den Tageszeitungen vorbeigeschaltet. Und ein guter Teil der Rubrikeninserate kehrt nicht mehr aus dem Internet zurück. Hier wirkt sich fatal aus, dass Zeitungshäuser weltweit diese Substitution verschlafen haben.
In den goldenen Zeiten wiesen Zeitungsverlage Umsatzrenditen von bis zu 30 Prozent aus. Heute erreichen auch Spitzenreiter wie die Washington Post oder die britische Johnson Group (Yorkshire Post) maximal 15 Prozent. Zeitschriftenhäuser hingegen haben auch in den goldenen Zeiten selten über 15 Prozent Rendite erzielt. Dafür sind sie stabiler geblieben, und man traut ihnen nun das höhere Wachstumspotenzial zu.
Die Börse nimmt die Zukunft vorweg: Die Neunzigerjahre waren das Jahrzehnt der Tageszeitungen. Vor uns liegt das Jahrzehnt der Zeitschriften.
> Kurt W. Zimmermann ist Inhaber der Beratungsfirma Consist Consulting und verantwortete zuvor bei Tamedia unter anderem das Zeitschriftengeschäft.

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