«Lange Zeit zu behäbig»

Jean-Jacques Zaugg über Erfolge und Misserfolge der PubliGroupe

Jean-Jacques Zaugg über Erfolge und Misserfolge der PubliGroupeLange Zeit stand das Lausanner Unternehmen Publicitas für Solidität. Wegen Fehlinvestitionen im US-Markt und allzu grosser Euphorie im Onlinegeschäft rutschte P in die roten Zahlen. Massnahmen zur Gesundung sind aber eingeleitet, sodass CEO Jean-Jacques Zaugg optimistisch bleibt.Angesichts der schlechten Resultate war Ihre allerletzte Pressekonferenz wohl einer der schwierigsten Medienanlässe in der Geschichte von PubliGroupe. Was haben Sie dabei empfunden?
Jean-Jacques Zaugg: Ich habe diesbezüglich keine Gefühlsregungen. Mir liegt daran, trotz der schwierigen Situation ein gewisses inneres Gleichgewicht zu bewahren. Das Leben besteht aus Höhen und Tiefen, so ist es auch im wirtschaftlichen Zyklus. Es gilt, bescheiden zu bleiben, wenn sich der Erfolg einstellt, und angesichts des Misserfolgs die nötige Gelassenheit zu haben. Und man muss auch den Mut haben, die Konsequenzen und entsprechenden Lehren daraus zu ziehen, um in Zukunft Fehler zu vermeiden.
Welche Erbschaft hinterlassen Sie Ihrem Nachfolger, der am 1. Juli sein Amt antritt?
Zaugg: Auf Grund der Massnahmen, die wir zur Gesundung des Unternehmens unverzüglich eingeleitet haben, kann ich Herrn Rohner ein Unternehmen mit solider Basis überlassen.
Und welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger?
Zaugg: Antizyklisch zu reagieren. Und wenn ich das Beispiel von Panoramic in den USA zitieren darf, wo wir leider keine direkte Kontrolle auf das Unternehmen ausüben konnten, würde ich raten, künftig bei Akquisitionen in dieser Grössenordnung auf direkter Einflussnahme und Kontrolle zu bestehen.
Sie sind seit 1969 bei PubliGroupe. Welche Ereignisse bleiben Ihnen besonders in Erinnerung?
Zaugg: Der Zusammenschluss der verschiedenen Inserategesellschaften in der Schweiz. Diese Konsolidierung begann Anfang der Neunzigerjahre. Was mich auch besonders gefreut hat, war die Schaffung von Publimedia mit einem eigenständigen Image. Publimedia hat die Aktivitäten der PubliGroupe respektive von Publicitas in der Schweiz neu belebt. Was ich ebenfalls positiv bewerte, ist unsere deklarierte und umgesetzte Strategie in der Übernahme von Minderheitsbeteiligungen in Verlagsunternehmen. Sie stellt einen wichtigen Beitrag zur Kooperation zwischen verschiedenen Verlagshäusern dar, zum Beispiel mit der Konstituierung von neuen Zeitungssystemen, und ermöglicht somit die Bewahrung der Unabhängigkeit regionaler Verlage. Schliesslich möchte ich auch den Erfolg von PubliDirect hervorheben; diese Abteilung ist ein Eckpfeiler von PubliGroupe.
PubliGroupe ermöglicht dank seines Inserateverkaufsnetzes das Überleben von kleinen Zeitungen. Wird PubliGroupe diese Rolle auch weiterhin wahrnehmen?
Zaugg: Ich bin überzeugt, dass es sich für das Unternehmen und für die Presselandschaft auch in Zukunft lohnt, diese Rolle zu spielen. Die regionalen Verleger haben zudem Kooperationen geschaffen, die nützliche Synergien ergeben.
Während Jahrzehnten stand der Buchstabe P von Publicitas für Stabilität, Solidität und Zuverlässigkeit. Nun fällt der Aktienkurs, und die Hiobsbotschaften nehmen kein Ende. Was ist passiert?
Zaugg: Wir waren wohl während Jahren etwas zu behäbig. Dann haben wir uns für eine Expansionspolitik entschieden und entsprechende Akquisitionen durchgeführt, um die Gruppe andern Bereichen zu öffnen und um das Unternehmen zu dynamisieren. Was dann in den USA mit Panoramic Communication passiert ist, war ein Misserfolg. Auch im Onlinegeschäft war unser Engagement zu voreilig und zu aufwändig. Wir liessen uns von der herrschenden Euphorie mitreissen. Wir haben aber viel aus unseren Fehlern gelernt. Die neuen Technologien sind jedoch unverzichtbar, und deshalb sind unsere Investitionen in diesen Bereich auch nicht vollumfänglich verloren. Wir nutzen hier unsere Erfahrungen für unser Stammgeschäft.
Ist die Strategie von PubliGroupe, nämlich reagieren statt agieren, mitverantwortlich für die heute missliche Lage?
Zaugg: Wir haben ja nicht nur Misserfolge zu verbuchen. Für PubliDirect haben wir Akquisitionen getätigt, ohne die dieser Geschäftszweig nicht so erfolgreich wäre. Dies gilt auch für Publicitas-Promotion Network. Auch in den USA haben wir mit Erfolg Globe Media und Custom Marketing Group akquiriert.
Wie hat sich mit dem Eintritt in den Multimediabereich die Firmenkultur von PubliGroupe verändert?
Zaugg: Für die Mitarbeiter war es eine gute Gelegenheit, aus dem Arbeitsrhythmus und -umfeld auszubrechen, um sich mit neuen Arbeitsmethoden auseinander zu setzen. Das vollzog sich nicht überall reibungs- und schmerzlos.
Der Schweizer Markt scheint PubliGroupe kaum noch Expansionsmöglichkeiten zu bieten. Welche Länder haben in der Expansionsstrategie Priorität?
Zaugg: Nordamerika bleibt weiterhin ein wichtiger Markt. Neu expandieren wir seit letztem Jahr auch in Asien, wo wir Emphasis akquiriert haben, mit der wir uns im Inflight-Entertainment engagieren werden. Seit Herbst betreiben wir auch ein Joint Venture in der Volksrepublik China.
Was machen Sie nach dem 1. Juli 2002?
Zaugg: Ich werde sicher keine Verwaltungsratsmandate in Bereichen annehmen, die der PubliGroupe nahe stehen. Ich möchte mich aber für soziale Projekte engagieren. Und schliesslich will ich endlich reisen, um die Welt zu sehen. Ich habe nämlich während meiner Zeit als Direktor immer streng zwischen Geschäfts- und Privatreisen unterschieden. Interview: Anita Vaucher
PubliGroupe unter Insider-VerdachtDie PubliGroupe muss sich einer Untersuchung der Schweizer Börse SWX stellen. PubliGroupe wird vorgeworfen, die Vorschriften über die Ad-hoc-Publizität verletzt zu haben, schreibt die SDA. Die Untersuchung stehe im Zusammenhang mit den am 4. September veröffentlichten Halbjahreszahlen des Medienkonzerns. Jean-Denis Briod, Kommunikationsverantwortlicher der PubliGroupe, erklärte dazu, PubliGroupe habe im September von SWX einen Fragebogen erhalten. Dieser sollte klären, ob zwischen der Sitzung des Verwaltungsrates vom 27. August, an dem er die schlechten Ergebnisse von PubliGroupe absegnete, und der Veröffentlichung der Zahlen am 4. September nicht zu viel Zeit verstrichen sei. PubliGroupe habe den Fragebogen ordnungsgemäss ausgefüllt, seither aber nichts mehr von der Börse gehört. Die neueste Entwicklung habe PubliGroupe im Newsticker vernommen und sei vorher nicht informiert worden.
Massive Verluste Die PubliGroupe schliesst das Geschäftsjahr 2001 mit einem Verlust von 185 Millionen Franken ab. Das Ergebnis stieg damit weit über die Erwartungen der Analysten, die von 40 bis 100 Millionen Franken Verlust ausgegangen waren. Sämtliche Bereiche, ausser den Directories, erzielten weniger Einnahmen. Der konsolidierte Umsatz ohne Übernahmen ging um 9 Prozent zurück. Der Einbruch der Onlinewerbung und der anschliessende Verkauf des Internetwerbekonzerns Real Media rissen ein Loch von 84 Millionen Franken in die PubliGroupe-Kasse. Bei der neu aufgekauften US-Marketingagenturgruppe Panoramic resultierte ein Umsatzrückgang von 25 Prozent, sodass einzelne Unternehmen geschlossen werden mussten. Daher beschloss die PubliGroupe, Panoramic mit 105 Millionen Franken vollständig abzuschreiben. Im laufenden Geschäftsjahr erwartet der an der Schweizer Börse kotierte Medienkonzern die Rückkehr in die Gewinnzone.

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