Konservative Revolution
Aufgefallen Zurückhaltende Kommunikation mag vordergründig vertrauensbildend wirken. Im Kern jedoch ist sie langweilig und reaktionär, schreibt Kenneth Angst.
Kolumne Zurückhaltende Kommunikation mag vordergründig vertrauensbildend wirken. Im Kern jedoch ist sie langweilig und reaktionär, schreibt Kenneth Angst.Jede Zeit hat ihren Esprit, ihren Kommunikationsstil, ihre tonangebende Klasse. Die Siebzigerjahre etwa waren linksintellektuell geprägt. Man argumentierte ideologisch, begriffs- und kopflastig, klassen- und kulturkämpferisch. In den Achtzigern rebellierte der Bauch gegen den Kopf, das Individuum gegen das Kollektiv. Kommuniziert wurde stark personalisiert, narzisstisch und bisweilen auch egomanisch.In den Neunzigern schliesslich kam es zur dynamischen Symbiose zwischen Materialismus und Hedonismus, zu einer norm- und regelsprengenden, letztlich aber sozialdarwinistischen Koalition von Markt- und Individualanarchie. In der Ich-AG war alles erlaubt, was Spass machte und möglichst viel Geld brachte. Vor allem aber, was öffentliche Wahrnehmung und Sozialprestige verschaffte – wie auch immer. Wer etwas auf sich hielt, heuerte Pressesprecher und PR-Stäbe an, zelebrierte Events, erging sich in Leadership-Rhetorik und bombardierte Journalisten mit Tonnen nichts sagender Drucksachen.
Heute hingegen stehen wir im Banne einer nicht enden wollenden Wirtschafts-, Vertrauens- und Orientierungskrise. Hochkonjunktur hat ein neuer, manchmal bescheiden bis demütig, häufig jedoch aggressiv und rechthaberisch auftretender Wertekonservatismus. Proklamiert werden gesicherte Traditionen, kommuniziert wird mit deutlich verstärkter Zurückhaltung. Denn wer vornehm schweigt, macht sich interessant, gibt sich weniger Blössen, entzieht sich dem ewigen Widerstreit der Meinungen. Statt auf Öffnung und Diversifikation setzt man wieder auf die angestammten Stärken, Kompetenzen und Wahrheiten. Erst mal neue Fakten schaffen, dann wieder Diskussionen führen. Also: Markieren statt räsonieren, dekretieren statt argumentieren.
Dieses Verhalten ist zwar eine durchaus verständliche Reaktion auf die Kehrseiten unserer Spätmoderne, in der alles dem Zweifel und dem Palaver unterstellt wird. Das ändert aber nichts daran, dass der neue Wertkonservatismus letztlich langweilig und nicht nur politisch, sondern auch kommunikativ reaktionär ist. Denn die Ausweitung der gesellschaftlichen Kampfzone auf das Schlachtfeld der Kommunikation lässt sich nicht mehr rückgängig machen, und das ist gut so.
Es ist gut, dass aktiv, umfassend, überzeugend und also klug kommunizieren muss, wer heute etwas bewirken und bedeuten will. Ob als Konsument, Mitarbeiter, Anleger, Bürger oder Wähler: Die Menschen von heute sind informiert, wählerisch und misstrauisch. Sie wollen verstehen, partizipieren und mitentscheiden. Organisationen und Repräsentanten, die sich noch immer oder schon wieder darum foutieren, verlieren früher oder später an Zulauf, Akzeptanz und Erfolg. Daran wird auch die aktuelle konservative Revolution nichts ändern. Und das ist gut so.
> Kenneth Angst war in den Chefredaktionen von NZZ und Weltwoche und ist heute selbstständiger Berater für politische Kommunikation und Public Affairs.
Heute hingegen stehen wir im Banne einer nicht enden wollenden Wirtschafts-, Vertrauens- und Orientierungskrise. Hochkonjunktur hat ein neuer, manchmal bescheiden bis demütig, häufig jedoch aggressiv und rechthaberisch auftretender Wertekonservatismus. Proklamiert werden gesicherte Traditionen, kommuniziert wird mit deutlich verstärkter Zurückhaltung. Denn wer vornehm schweigt, macht sich interessant, gibt sich weniger Blössen, entzieht sich dem ewigen Widerstreit der Meinungen. Statt auf Öffnung und Diversifikation setzt man wieder auf die angestammten Stärken, Kompetenzen und Wahrheiten. Erst mal neue Fakten schaffen, dann wieder Diskussionen führen. Also: Markieren statt räsonieren, dekretieren statt argumentieren.
Dieses Verhalten ist zwar eine durchaus verständliche Reaktion auf die Kehrseiten unserer Spätmoderne, in der alles dem Zweifel und dem Palaver unterstellt wird. Das ändert aber nichts daran, dass der neue Wertkonservatismus letztlich langweilig und nicht nur politisch, sondern auch kommunikativ reaktionär ist. Denn die Ausweitung der gesellschaftlichen Kampfzone auf das Schlachtfeld der Kommunikation lässt sich nicht mehr rückgängig machen, und das ist gut so.
Es ist gut, dass aktiv, umfassend, überzeugend und also klug kommunizieren muss, wer heute etwas bewirken und bedeuten will. Ob als Konsument, Mitarbeiter, Anleger, Bürger oder Wähler: Die Menschen von heute sind informiert, wählerisch und misstrauisch. Sie wollen verstehen, partizipieren und mitentscheiden. Organisationen und Repräsentanten, die sich noch immer oder schon wieder darum foutieren, verlieren früher oder später an Zulauf, Akzeptanz und Erfolg. Daran wird auch die aktuelle konservative Revolution nichts ändern. Und das ist gut so.
> Kenneth Angst war in den Chefredaktionen von NZZ und Weltwoche und ist heute selbstständiger Berater für politische Kommunikation und Public Affairs.
