Keine Zeit für Journalismus

Kolumne Nie zuvor gab es so viele gute Journalisten wie heute. Wer so was sagt, liest wohl keine Schweizer Presseerzeugnisse, findet Karin Müller.

Kolumne Nie zuvor gab es so viele gute Journalisten wie heute. Wer so was sagt, liest wohl keine Schweizer Presseerzeugnisse.In der Medienbranche gehts hektisch zu und her. Die Konkurrenz wird grösser, die Stories jedoch nicht vielfältiger. Eine wunderbare Sache für PR-Agenturen. Wer einigermassen schreiben kann, findet seine Pressetexte eins zu eins in der Zeitung . Vielen herzlichen Dank, sagt da der Kunde zum PR-Berater, der seinen Augen nicht traut. Noch besser wirds, wenn Redaktionen die PR-Agentur als Ghostwriterin einspannen. Die Kasse klingelt, denn einerseits hat der Medienverantwortliche beim Kunden einen Stein im Brett – wegen der Nähe zur Redaktion. Andererseits kann er den Mehraufwand gleich wieder verrechnen.Untersuchungen zeigen, dass rund 40 Prozent aller Berichte von Tageszeitungen aus PR-Mitteilungen entstehen. Ein PR-Text soll jedoch nicht kritisch sein, sondern ein Produkt anpreisen. Gefragt sind also Medienschaffende, die in Pressemitteilungen zwischen den Zeilen lesen können. Stattdessen drücken sie auf «kopieren» und wenden sich der nächsten Information zu. Doch wo führt das hin?
Alle bejammern den Einheitsbrei in der multimedialen Welt. Will man dies aber in einer Chefetage diskutieren, heisst es: «Keine Zeit». In der Hektik bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Stattdessen wird alles zu Fastfood: Texte, Chefredaktoren, Ressortleiter, Redaktoren. Inhalt wie Menschen werden austauschbar. Günstig versus Qualität.
Oft höre ich junge Leute sich fragen: «Soll ich in den Journalismus oder in eine PR-Agentur?» Ist da heute noch ein Unterschied? Kritische Journalisten, die ab und zu auch mal ein Thema hinterfragen, sind nicht wirklich willkommen. Sie gelten als Querulanten. Chefredaktoren könnten sich gar von ihnen in Frage gestellt sehen. Menschen, die viel denken, sind oft anstrengende Mitarbeiter für Führungskräfte. Denen wird stattdessen ein Korrespondentenjob offeriert.
Womit wir beim nächsten Qualitätsthema wären: Wie viel sind die aktuellen Führungskräfte in der Medienszene wert? Ein guter Chefredaktor mit hoher Sozialkompetenz will gute Leute um sich wissen. Er investiert in sein höchstes Gut: die Mitarbeitenden. Er engagiert Journalisten mit ausgewiesener Berufserfahrung. Journalisten mit einem dicken Adressbuch mit lauter Connections drin. Journalisten, die das ABC der Recherche kennen und gute Geschichten erzählen können.
Diese Fähigkeiten muss man besser nutzen. Nächstes Jahr kommen neue Titel auf den Markt – schnelle, dynamische Zeitungen von Grossverlagen, die viel Geld in Konzepte investieren. Ich denke spontan an eine neue Zeitung aus dem Hause Tamedia. Wie wärs, wenn ein Konzern wie dieser vermehrt Geld in die künftige Redaktion stecken würde? Ein Team von erfahrenen Qualitätsjournalistinnen und -journalisten würde eine neue Tageszeitung auf die Beine stellen. Gesucht wird nicht die umgeschriebene Meldung der Nachrichtenagentur. Gesucht wird die Story hinter der Story. Geschichten über spannende Köpfe in diesem Land. Doch solche Recherchen benötigen Zeit. Ich bin sicher, dass ein Titel, der sich diese Zeit wieder nehmen würde, eine treue Leserschaft fände.
Mir jedoch blutet das Herz. Der Journalismus verkommt zur lässigen Übergangsbeschäftigung für «Youngsters». Die treffen sich in der Szenebar und finden es «mega», dass sie redaktionell arbeiten können. Damit wir uns richtig verstehen: Es wäre wunderbar, wenn Journalismus quasi zum Kult würde. Und ich weiss, dass es Junge gibt, die ihre Chance packen und sich richtig ins Metier stürzen. Dies sind zurzeit jedoch Einzelmasken.
Der Beruf darf nicht verwässern. Journalismus bedeutet Herzblut, Seele, Leidenschaft, heisst, jeden Tag zu versuchen, die spannendste Zeitung/Zeitschrift/Sendung zu kreieren. Journalismus darf nicht «jetzt geh ich ein paar PR-Stories umschreiben» sein.
Deshalb plädiere ich für mehr Hirnleistung in den Chefetagen der Verlage und hoffe, dass einige Klardenker die Notbremse ziehen. Pressemitteilungen können durchaus als Infoquelle für eine gute Story dienen. Sie sollten jedoch aus journalistischer Sicht kritisch betrachtet und sorgfältig durchleuchtet werden. Ich weiss, wovon ich rede. Schliesslich schreibe ich täglich neue Pressemitteilungen für meine Kunden.
Karin Müller, früher Journalistin, betreibt heute ein eigenes Kommunikationsbüro in Zürich.

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