Keine Ressourcen für Qualität

Kolumne Verlässliche journalistische Information werden wir auch in Zukunft brauchen. Zu welchem Preis hängt aber von der Einsicht der Werbebranche ab, dass auch im Internet Inserate bei glaubwürdigen Werbeträgern mehr bringen.

 
Kolumne Verlässliche journalistische Information werden wir auch in Zukunft brauchen. Zu welchem Preis hängt aber von der Einsicht der Werbebranche ab, dass auch im Internet Inserate bei glaubwürdigen Werbeträgern mehr bringen. 
Wenn Mitte April Amerikas Zeitungsverleger und Chefredakteure zu ihrer gemeinsamen Jahrestagung in Washington D.C. einfliegen, werden sie sich einmal mehr gegenseitig Mut zusprechen müssen. Die Auflagenrückgänge beschleunigen sich, und auch das Anzeigengeschäft läuft miserabel – nicht nur rezessionsbedingt, sondern weil immer mehr Kleinanzeigen auf Nimmerwiedersehen ins Internet abwandern.Ob der eine Lichtblick am Horizont sich nicht bald als Fata Morgana erweisen wird, muss sich noch zeigen: Die Amerikaner versorgen sich zusehends aus dem Internet mit Nachrichten – und klicken dabei immer häufiger die Websites der grossen Zeitungen an. Bei den Online-Offerten gibt es zudem weiterhin satte Zuwachsraten beim Werbeaufkommen. Sie kompensieren allerdings längst nicht die Verluste im herkömmlichen Geschäft mit gedruckten Zeitungen. Ärgerlich ist auch, dass den Löwenanteil an Clicks und damit an Werbeeinkünften Trittbrettfahrer absahnen: Google, Yahoo und Co., die auf ihren Portalen Nachrichten anbieten, ohne sich an den redaktionellen Erstellungskosten angemessen zu beteiligen.
Folgt man dem diesjährigen «Report zum Zustand der US-Medien» des Project for Excellence in Journalism, dann sind die Aussichten für den Qualitätsjournalismus trübe: «Das grösste Problem traditioneller Medien ist nicht mehr die Frage, wo sich die Leute ihre Informationen holen, sondern wie für diese bezahlt werden soll. Es kristallisiert sich heraus, dass die Werbewirtschaft nicht mit den Konsumenten zusammen in die Online-Nachrichtenwelt übersiedelt. Nachrichtenangebote und Werbung scheinen sich fundamental zu entkoppeln», heisst es in dem Report. Träfe dies zu, verlöre nicht nur die gedruckte Tageszeitung dauerhaft ihre  Finanzierungsbasis, sondern der anspruchsvolle Journalismus überhaupt.
Eigene Eindrücke bestätigen das Bild: Viele Grossstadtblätter sind innerhalb weniger Jahre erschreckend ausgedünnt. Zwei Beispiele: Im San Francisco Chronicle finden sich auf Seite eins oftmals nur Lokalnachrichten. Auf den folgenden Seiten dann ein Billigverschnitt aus AP, New York Times, Los Angeles Times und Washington-Post – ein Auslaufmodell. Das Blatt hat innerhalb von vier Jahren knapp 30 Prozent seiner Auflage eingebüsst. Aber auch das zweite grosse «Metro Paper» in der Bay Area, der San Jose Mercury News, der das Silicon Valley abdeckt, ist abemagert und nur noch ein Schatten seiner selbst. Vor wenigen Jahren noch wurde er als Trendsetter gefeiert. Er wies den Weg, wie die Zeitungszukunft im Internetzeitalter aussehen könnte. Womöglich tut er das ja immer noch, nur gibt es dann eben für das gedruckte Blatt keine Zukunft mehr.
Selbst die «graue alte Lady», wie die New York Times einst liebevoll genannt wurde, irritiert. Sie stöckelt neuerdings immer mal wieder in schriller Aufmachung auf dem Boulevard einher. Erst versuchte sie, dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten McCain eine Affäre mit einer Lobbyistin anzuhängen, ohne dies letztendlich beweisen zu können. Dann landete sie einen «echten» Scoop und brachte den New Yorker Gouverneur Spitzer zu Fall. Die wichtige Frage, ob der Sex-Skandal nicht in erster Linie deshalb ein Skandal war, weil staatliche Ermittlungsbehörden rabiat die Privatsphäre des Politikers verletzt haben, ging aber im Medienspektakel unter. Tags darauf berichtete Amerikas Leitmedium Nummer eins stattdessen über die Prostituierte, mit der sich Spitzer amüsiert hatte – mit Fotostrecke und Details aus deren Privatleben. Im Skandalstrudel wurden obendrein die eigentlichen Top-News praktisch übersehen: Der Kommandeur der US-Streitkräfte im Nahen Osten und damit auch im Irak, William J. Fallon, war zurückgetreten – offenbar im Dissens mit der Regierung Bush.
So wird alles Mögliche und Unmögliche ausprobiert, aber ein Ausweg aus der Krise scheint nicht in Sicht. Die Medienexpertin Michele McLellan hat kürzlich die Zeitungsbranche mit Telefonherstellern verglichen, die verzweifelt einem alten Schnur- und Tastentelefon neue «buttons» hinzufügen, obschon das iPhone längst als Wettbewerber auf dem Markt ist. Leider hinkt der Vergleich: Das iPhone hat die alte Technologie überflüssig gemacht. Verlässliche journalistische Information werden wir dagegen auch in Zukunft brauchen – und dafür wohl etwas tiefer in die Tasche greifen müssen, falls die Werbebranche nicht doch noch rechtzeitig wiederentdeckt, dass auch im Internet Inserate mehr bringen, wenn sie von besonders glaubwürdigen Werbeträgern verbreitet werden.
Stephan Russ-Mohl leitet das Europäische Journalismus-Observatorium der Universität Lugano. 

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