Journalismus als «Ökosystem»
Ein Grossteil der Werbeerlöse, die bisher Redaktionen finanziert haben, fliessen künftig absehbar entweder zu Suchmaschinen wie Google und in soziale Netzwerke wie Facebook oder Youtube. Andere einst einträgliche Werbemärkte lösen sich ganz und gar in Luft auf, weil beispielsweise Kleinanzeigen online längst gratis zu haben sind. Gastkommentar von Stephan Russ-Mohl, Leiter des Europäischen Journalismus-Observatoriums an der Universität Lugano.
Von Wunschdenken war deshalb mehrfach die Rede, als sich Medienexperten bei einer internationalen Konferenz in Wien über die Zukunft des Journalismus die Köpfe heiss redeten. Der Workshop wurde vom Medienhaus Wien gemeinsam mit der Schweizer Journalistenschule MAZ und dem European Journalism Observatory der Universität Lugano veranstaltet.
Phil Meyer, der Grandseigneur der US-amerikanischen Journalismusforschung, hofft auf die Spendenbereitschaft seiner Landsleute und auf philanthropische Aktivitäten, wie sie sich etwa mit Pro Publica entfalten, einer Mäzenateninitiative, die für ihre journalitisch-investigativen Leistungen soeben ihren ersten Pulitzer-Preis einheimsen konnte. Alan Rusbridger, der als Chefredakteur des Guardian zu den Wegbereitern eines hochwertigen Online-Journalismus zählt, verspricht sich dagegen von Subventionen als Ultima Ratio die Rettung des Journalismus – wobei offen blieb, ob der Staat den ohnehin unter hohen Steuer- und Schuldenlasten stöhnenden Bürgern direkt in die leeren Taschen greifen oder die Gebührengelder für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk umverteilen soll, wenn die traditionellen Einkünfte der Verlage aus ihren Printmedien weiter versiegen.
Derweil hat das Project for Excellence in Journalism in seinem neuen Jahresbericht vorgerechnet, dass allein in den USA die Zeitungsredaktionen in den letzten drei Jahren um 15 000 Journalisten geschrumpft sind – das sind mehr als ein Viertel aller Jobs, die es 2007 noch gab. 1,6 Milliarden Dollar haben die Verlage seither an ihren Redaktionen Personalkosten eingespart. Machen wir uns nichts vor: Das «Ökosystem» Journalismus ist existenzgefährdet, denn auch die besten Redaktionen sind auf die Vorleistungen von tausendundein anderen Newsrooms angewiesen.
Solch massive Einschnitte lassen sich weder durch Citizen «journalism» (welch absurde Wortschöpfung: Würden Sie sich einem dahergelaufenen Citizen-Rechtsanwalt oder einem Citizen-Arzt anvertrauen?) noch durch Spenden, noch durch Subventionen auffangen. Was die Spenden anlangt, genügt ein kurzer Blick in die Statistiken. Der Anteil milder Gaben am Sozialprodukt westlicher Industrieländer bewegt sich eher im Promillebereich. Lediglich in den USA erreichte er knapp zwei Prozent – das war allerdings noch vor der Krise. Dass die Spendenbereitschaft drastisch zunehmen wird, nur weil der Journalismus ausblutet, ist eher unwahrscheinlich. Und aus vielfachen Gründen dürften Mäzene wie Bill Gates, aber auch Durchschnittsverdiener ihre karitativen und philanthropischen Aktivitäten kaum in nennenswerter Weise umschichten, um notleidende Journalisten zu unterstützen, statt – sagen wir einmal – Malariaforschung zu fördern oder den Erdbebenopfern auf Haiti zu helfen.
Staatliche Subventionen wiederum würden die Probleme des Journalismus eher verschärfen als sie lösen. Wer am Tropf hängt, verliert seine Unabhängigkeit. Und wer die vergleichsweise schlanken Redaktionen von NZZ, FAZ, Guardian oder CNN mit denen der SRG, der ARD oder der BBC vergleicht, sollte zumindest ahnen, dass staatlich geförderter Qualitätsjournalismus nicht gerade billig zu haben ist.
Weshalb ich Meyer und Rusbridger nur mein eigenes Wunschdenken entgegenzusetzen vermag: Mögen die Verlage, statt alles gratis ins Netz zu stellen, was sie gedruckt noch verkaufen möchten, endlich – wie es jetzt Le Monde, Le Figaro, Times und demnächst auch die New York Times ausprobieren – ihre Online-Leserinnen und -Leser davon überzeugen, dass journalistische Qualität und Unabhängigkeit auf Dauer nicht gratis zu haben sind. (Ein weiteres Unwort: Der «Paywall» – kein Chocolatier und kein Uhrenfabrikant käme auf die Idee, von einer «Bezahlschranke», gar von einer «Mauer» zu reden, nur weil er von seinen Kunden für die Ware, die er liefert, eine faire, angemessene Gegenleistung erwartet).
Wie wird es um den Journalismus im Jahr 2020 bestellt sein? Die Antwort wird letztlich davon abhängen, ob es den Medienschaffenden gelingt, die Zahlungsbereitschaft der Publika zu verändern – aber, bitte schön, schon um das Selbstbewusstsein der Redaktionen zu stärken, in Form von Flatrates, Online-Subskriptionen oder Micropayments und nicht von Spenden, um die zu betteln wäre und deren Aufkommen in Krisenzeiten ähnlich volatil ist wie der Anzeigenmarkt.
Da es beim anspruchsvollen, rechercheintensiven Journalismus «nur» um ein kleines Marktsegment geht, stehen die Chancen nicht so schlecht, dass dies mit geschickter, kreativer und entschlossener Überzeugungsarbeit gelingen könnte. Dafür fehlt es in der Schweiz inzwischen allerdings an Plattformen, um das Nötige zu kommunizieren – «journalistisch» und nicht nur in Form von PR und Werbung, die weit weniger glaubwürdig sind. Die New York Times macht das anders, ja geradezu vorbildlich: Durch kontinuierliche, ausführliche Berichterstattung im redaktionellen Teil zur Krise der Zeitungen hat sie ihre Leserinnen und Leser darauf vorbereitet, dass hochwertiger Journalismus nicht mehr gratis zu haben sein wird.
(PS «Medienschaffende»: Auch dieses abscheuliche, geschlechtsneutrale und in der Schweiz populäre Wortungeheuer habe ich bewusst gewählt, weil es in diesem Fall um eine kommunikative «Gemeinschaftsaufgabe» von Journalisten und Medienmanagern geht – sozusagen über die ohnehin einsturzgefährdete «Chinesische Mauer» hinweg, die eigentlich Redaktion und Verlag trennen sollte. Selbst PR-Leute und Werbetreibende sollten mittun und begreifen, dass glaubwürdiger Journalismus auch für ihren Kommunikationserfolg massgeblich ist – sei es als Sparring-Partner, sei es als Werbeumfeld.)
Phil Meyer, der Grandseigneur der US-amerikanischen Journalismusforschung, hofft auf die Spendenbereitschaft seiner Landsleute und auf philanthropische Aktivitäten, wie sie sich etwa mit Pro Publica entfalten, einer Mäzenateninitiative, die für ihre journalitisch-investigativen Leistungen soeben ihren ersten Pulitzer-Preis einheimsen konnte. Alan Rusbridger, der als Chefredakteur des Guardian zu den Wegbereitern eines hochwertigen Online-Journalismus zählt, verspricht sich dagegen von Subventionen als Ultima Ratio die Rettung des Journalismus – wobei offen blieb, ob der Staat den ohnehin unter hohen Steuer- und Schuldenlasten stöhnenden Bürgern direkt in die leeren Taschen greifen oder die Gebührengelder für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk umverteilen soll, wenn die traditionellen Einkünfte der Verlage aus ihren Printmedien weiter versiegen.
Derweil hat das Project for Excellence in Journalism in seinem neuen Jahresbericht vorgerechnet, dass allein in den USA die Zeitungsredaktionen in den letzten drei Jahren um 15 000 Journalisten geschrumpft sind – das sind mehr als ein Viertel aller Jobs, die es 2007 noch gab. 1,6 Milliarden Dollar haben die Verlage seither an ihren Redaktionen Personalkosten eingespart. Machen wir uns nichts vor: Das «Ökosystem» Journalismus ist existenzgefährdet, denn auch die besten Redaktionen sind auf die Vorleistungen von tausendundein anderen Newsrooms angewiesen.
Solch massive Einschnitte lassen sich weder durch Citizen «journalism» (welch absurde Wortschöpfung: Würden Sie sich einem dahergelaufenen Citizen-Rechtsanwalt oder einem Citizen-Arzt anvertrauen?) noch durch Spenden, noch durch Subventionen auffangen. Was die Spenden anlangt, genügt ein kurzer Blick in die Statistiken. Der Anteil milder Gaben am Sozialprodukt westlicher Industrieländer bewegt sich eher im Promillebereich. Lediglich in den USA erreichte er knapp zwei Prozent – das war allerdings noch vor der Krise. Dass die Spendenbereitschaft drastisch zunehmen wird, nur weil der Journalismus ausblutet, ist eher unwahrscheinlich. Und aus vielfachen Gründen dürften Mäzene wie Bill Gates, aber auch Durchschnittsverdiener ihre karitativen und philanthropischen Aktivitäten kaum in nennenswerter Weise umschichten, um notleidende Journalisten zu unterstützen, statt – sagen wir einmal – Malariaforschung zu fördern oder den Erdbebenopfern auf Haiti zu helfen.
Staatliche Subventionen wiederum würden die Probleme des Journalismus eher verschärfen als sie lösen. Wer am Tropf hängt, verliert seine Unabhängigkeit. Und wer die vergleichsweise schlanken Redaktionen von NZZ, FAZ, Guardian oder CNN mit denen der SRG, der ARD oder der BBC vergleicht, sollte zumindest ahnen, dass staatlich geförderter Qualitätsjournalismus nicht gerade billig zu haben ist.
Weshalb ich Meyer und Rusbridger nur mein eigenes Wunschdenken entgegenzusetzen vermag: Mögen die Verlage, statt alles gratis ins Netz zu stellen, was sie gedruckt noch verkaufen möchten, endlich – wie es jetzt Le Monde, Le Figaro, Times und demnächst auch die New York Times ausprobieren – ihre Online-Leserinnen und -Leser davon überzeugen, dass journalistische Qualität und Unabhängigkeit auf Dauer nicht gratis zu haben sind. (Ein weiteres Unwort: Der «Paywall» – kein Chocolatier und kein Uhrenfabrikant käme auf die Idee, von einer «Bezahlschranke», gar von einer «Mauer» zu reden, nur weil er von seinen Kunden für die Ware, die er liefert, eine faire, angemessene Gegenleistung erwartet).
Wie wird es um den Journalismus im Jahr 2020 bestellt sein? Die Antwort wird letztlich davon abhängen, ob es den Medienschaffenden gelingt, die Zahlungsbereitschaft der Publika zu verändern – aber, bitte schön, schon um das Selbstbewusstsein der Redaktionen zu stärken, in Form von Flatrates, Online-Subskriptionen oder Micropayments und nicht von Spenden, um die zu betteln wäre und deren Aufkommen in Krisenzeiten ähnlich volatil ist wie der Anzeigenmarkt.
Da es beim anspruchsvollen, rechercheintensiven Journalismus «nur» um ein kleines Marktsegment geht, stehen die Chancen nicht so schlecht, dass dies mit geschickter, kreativer und entschlossener Überzeugungsarbeit gelingen könnte. Dafür fehlt es in der Schweiz inzwischen allerdings an Plattformen, um das Nötige zu kommunizieren – «journalistisch» und nicht nur in Form von PR und Werbung, die weit weniger glaubwürdig sind. Die New York Times macht das anders, ja geradezu vorbildlich: Durch kontinuierliche, ausführliche Berichterstattung im redaktionellen Teil zur Krise der Zeitungen hat sie ihre Leserinnen und Leser darauf vorbereitet, dass hochwertiger Journalismus nicht mehr gratis zu haben sein wird.
(PS «Medienschaffende»: Auch dieses abscheuliche, geschlechtsneutrale und in der Schweiz populäre Wortungeheuer habe ich bewusst gewählt, weil es in diesem Fall um eine kommunikative «Gemeinschaftsaufgabe» von Journalisten und Medienmanagern geht – sozusagen über die ohnehin einsturzgefährdete «Chinesische Mauer» hinweg, die eigentlich Redaktion und Verlag trennen sollte. Selbst PR-Leute und Werbetreibende sollten mittun und begreifen, dass glaubwürdiger Journalismus auch für ihren Kommunikationserfolg massgeblich ist – sei es als Sparring-Partner, sei es als Werbeumfeld.)
