Ich hab dich zum Fressen gern
Kolumne Hektisch schmückt sich die Braut und verliert an Gewicht, um dann in ihrem schönsten Kleid dem Bräutigam übergeben zu werden. Die Rede ist vom schleichenden Ausverkauf im Hause Ringier.
Kolumne Hektisch schmückt sich die Braut und verliert an Gewicht, um dann in ihrem schönsten Kleid dem Bräutigam übergeben zu werden. Die Rede ist vom schleichenden Ausverkauf im Hause Ringier.Nach der Einstellung der Wirtschaftszeitung Cash und dem Verkauf von Tele brodelt es in der Gerüchteküche der Medienszene. Im Konzern selbst heisst es, Ringier werde jetzt multimedial. Das Haus will sich nun auf die Plattform von Cash daily mit dessen digitalen Medien konzentrieren. Das Gratisblatt verzeichnet laut Angaben des Konzerns 26000 registrierte Livepaper-Nutzer und bietet WebTV sowie Video- und Audio-Podcasts. Zur Cash-Gruppe gehören auch Cash.ch – laut Ringier mit monatlich 220000 Nutzern die grösste von den Banken unabhängige Finanzplattform der Schweiz, sowie Cash mobile und die Fernsehsendungen «Cash TV» und «Cash Talk» auf SF 2.Handelt es sich beim Schliessungsentscheid nur um einen ersten Schritt zur Vorbereitung eines weiteren Deals mit dem deutschen Verlag Springer? Ein weiterer Hinweis darauf: Schlüsselpositionen sind seit Monaten unbesetzt. Wir denken an den Chefredaktor des Blick oder den Chefposten der Schweizer Illustrierte. Alles Hinweise darauf, dass über eine Übernahme zumindest diskutiert wird. Die Erfahrung zeigt, dass ein langsames Sterben immer viel qualvoller wird als ein kurzer klarer Schnitt. Statt einen solchen Deal möglichst rasch über die Bühne zu bringen, wartet man stattdessen …ja – worauf eigentlich? Dafür passiert genau das, was immer passiert: Gute Journalisten verlassen das sinkende Schiff. Eine zweite Garde hält die Titel am Leben. Damit will ich die Leistung derjenigen nicht schmälern, die weiter ausharren. Normalerweise verfolgen diese Leute jedoch ihre ganz eigenen Ziele.
Der Ausverkauf des Hauses Ringier begann bereits vor Jahren. Der Konzern hatte es versäumt, in seiner starken Sparte Boulvard junge Journalisten auszubilden und zu möglichen Führungskräften aufzubauen. Stattdessen setzte das Haus vermehrt auf das Prinzip «Säuhäfeli-Säudeckeli», wenn es um die Rekrutierung von Kaderleuten ging. Mit Boulevardjournalismus verdiente dieser Konzern jahrzehntelang sein Geld. Statt mit Stolz darauf zu reagieren, fand sich in der Rolle des Konzernchefs ein Mensch, der lieber einen schicken Kunst- und Kulturverlag geführt hätte. Dagegen wäre nichts einzuwenden gewesen – hätte er seiner Passion doch nur nachgegeben! Doch der Mut fehlte. Es entstand eine Hass-Liebe zwischen der früheren Cash-Cow Blick und diesem sensiblen Mann der Künste.
Diese Diskrepanz begann jeder Mitarbeiter im Hause Ringier irgendwie zu spüren. In den 80er-Jahren gingen Blick-Mitarbeitende noch mit Freude zur Arbeit. Die Reporter der Regionalbüros gingen in den Stuben der potenziellen Leserschaft ein und aus. Es war quasi ein «Blick bi de Lüüt». Dann beschloss ein Teil der Konzernführung, aus dem Blick ein quasi gescheites Boulevardblatt zu machen, und gab so den Startschuss für den Untergang der Zeitung. Das Resultat: Zahlreiche gute Journalistinnen und Journalisten hatten keine Perspektiven mehr. Sie wanderten ab in benachbarte Sparten wie Werbung und PR und begannen als Unternehmensberater ihren Feldzug gegen ehemalige Arbeitgeber-Medienhäuser. Doch im Herzen sind sie Journalisten geblieben. Dies zeigte sich kürzlich an den leidenschaftlichen Fragen, die der Ex-Chefredaktor von Cash, Markus Gisler, in der SonntagsZeitung stellte: Wieso darf das Monatsmagazin Cicero ohne Leser auskommen und Verluste produzieren, aber Cash nicht? Wieso schliesst man Cash daily nicht, das bereits mit weit über vier Millionen Franken in den roten Zahlen steckt, das dem Budget um das Dreifache hinterherhinkt und bei Inserenten nicht ankommt? Wieso wurden die Adressen der Cash-Abonnenten an die Konkurrenz verkauft? Warum lässt man einen deutschen Verlagsleiter ohne Kenntnisse der hiesigen Branche das Produkt halbherzig vermarkten? Wieso gibt der grösste Verlag der Schweiz sein einziges Deutschschweizer Produkt auf, mit dem er den so erwünschten intellektuellen Anspruch einigermassen erfüllen konnte? Bis Ende Jahr wissen wir mehr!
Karin Müller ist Kommunikationsberaterin in Zürich.
Der Ausverkauf des Hauses Ringier begann bereits vor Jahren. Der Konzern hatte es versäumt, in seiner starken Sparte Boulvard junge Journalisten auszubilden und zu möglichen Führungskräften aufzubauen. Stattdessen setzte das Haus vermehrt auf das Prinzip «Säuhäfeli-Säudeckeli», wenn es um die Rekrutierung von Kaderleuten ging. Mit Boulevardjournalismus verdiente dieser Konzern jahrzehntelang sein Geld. Statt mit Stolz darauf zu reagieren, fand sich in der Rolle des Konzernchefs ein Mensch, der lieber einen schicken Kunst- und Kulturverlag geführt hätte. Dagegen wäre nichts einzuwenden gewesen – hätte er seiner Passion doch nur nachgegeben! Doch der Mut fehlte. Es entstand eine Hass-Liebe zwischen der früheren Cash-Cow Blick und diesem sensiblen Mann der Künste.
Diese Diskrepanz begann jeder Mitarbeiter im Hause Ringier irgendwie zu spüren. In den 80er-Jahren gingen Blick-Mitarbeitende noch mit Freude zur Arbeit. Die Reporter der Regionalbüros gingen in den Stuben der potenziellen Leserschaft ein und aus. Es war quasi ein «Blick bi de Lüüt». Dann beschloss ein Teil der Konzernführung, aus dem Blick ein quasi gescheites Boulevardblatt zu machen, und gab so den Startschuss für den Untergang der Zeitung. Das Resultat: Zahlreiche gute Journalistinnen und Journalisten hatten keine Perspektiven mehr. Sie wanderten ab in benachbarte Sparten wie Werbung und PR und begannen als Unternehmensberater ihren Feldzug gegen ehemalige Arbeitgeber-Medienhäuser. Doch im Herzen sind sie Journalisten geblieben. Dies zeigte sich kürzlich an den leidenschaftlichen Fragen, die der Ex-Chefredaktor von Cash, Markus Gisler, in der SonntagsZeitung stellte: Wieso darf das Monatsmagazin Cicero ohne Leser auskommen und Verluste produzieren, aber Cash nicht? Wieso schliesst man Cash daily nicht, das bereits mit weit über vier Millionen Franken in den roten Zahlen steckt, das dem Budget um das Dreifache hinterherhinkt und bei Inserenten nicht ankommt? Wieso wurden die Adressen der Cash-Abonnenten an die Konkurrenz verkauft? Warum lässt man einen deutschen Verlagsleiter ohne Kenntnisse der hiesigen Branche das Produkt halbherzig vermarkten? Wieso gibt der grösste Verlag der Schweiz sein einziges Deutschschweizer Produkt auf, mit dem er den so erwünschten intellektuellen Anspruch einigermassen erfüllen konnte? Bis Ende Jahr wissen wir mehr!
Karin Müller ist Kommunikationsberaterin in Zürich.
