Grenzenloses New Business für TPC

Das TV-Produktionscenter will sein Geld auch mit Imagefilmen, Events, TV-Spots und Messen verdienen

Das TV-Produktionscenter will sein Geld auch mit Imagefilmen, Events, TV-Spots und Messen verdienenVon Andreas Panzeri In diesem Jahr erwartet das TV-Productionscenter Zürich (TPC) einen Umsatz von 130 Millionen Franken. Bereits werden 5 Prozent des Erlöses mit Aufträgen für Kunden ausserhalb des Schweizer Fernsehens erwirtschaftet. Neu sollen diese Fremdaufträge in Zukunft massiv ausgebaut werden mit der Produktion von Industriefilmen, TV-Spots, Corporate-TV, Messebau oder sogar Event-Organisation.
Das vom Schweizer Fernsehen ausgegliederte TPC baut Degustationsstände für die Muba, vermietet das «Benissimo»-Dekor als Erlebniswelt für den Autosalon, produziert Ausbildungsfilme für die Banken, realisiert die neuen Migros-Spots und organisiert für die WerbeWoche eine ultimative Party für den «Werber des Jahres». Alles Events, die erstunken und erlogen sind und doch einen realen Hintergrund haben: Seit das TPC nicht mehr nur Service public als Dank für Konzessionsgelder produzieren darf, sondern sein Geld auch mit profanerem Service für den alltäglichen Markt verdienen muss, geistern wildeste Fantasien durch die Branche. Gemach, ein Fall für den «Kassensturz» sind die – tatsächlich aggressiver gewordenen – Marktpraktiken des TPC nach wie vor nicht. Und werden es wohl auch nie sein.
«Nebengeschäfte» sollen zum dritten Standbein werden
«Mit der Liberalisierungswelle im TV-Bereich ist der Moment gekommen, entweder nach vorne zu blicken oder unsere Aktivitäten zurückzubinden», erklärt Roger Sidler, Geschäftsleiter des TPC. Also hat man 2000 als Tochtergesellschaft der SRG SSR idée suisse das TV-Produktionscenter Zürich AG gegründet mit dem einen Ziel: Das TPC muss Wachstum haben, neue Märkte finden und sich damit von der Abhängigkeit der alten Mutter lösen können. Die Strategie dazu will auf drei verschiedenen Segmenten aufbauen.
Der einheimische TV-Markt soll mit der grössten Produktionsstätte der Schweiz so gut wie möglich abgedeckt werden. Leider haben sich die Aufträge für RTL/Pro 7 nicht so entwickelt wie vorgesehen. Positiv sind dafür die Beziehungen zu TV 3 und Sat 1 Schweiz.
Expansion ins Ausland: In Deutschland zeichnen sich schon länger konstante Erfolge ab. Die Möglichkeiten sind aber noch nicht ausgeschöpft, weshalb das TPC demnächst ein Büro in Deutschland eröffnen oder eine Kooperation mit einem deutschen Partner eingehen will.
Das TPC soll sich als umfassendes Kommunikationsunternehmen öffnen, das von Corporate-TV, Business-TV, Stadion-TV bis zum Messebau oder der Organisation von Events alles bieten kann. Diese «Nebengeschäfte» sollen das dritte Standbein werden.
Nach heutigem Schlüssel stammen 70 Prozent vom erwarteten Umsatz im Jahre 2001 aus Arbeiten für SF DRS, knapp 10 Prozent aus nationalen Sportproduktionen für die SRG Holding. 15 Prozent verdient das TPC bereits mit anderen TV-Stationen im In- und Ausland, 5 Prozent mit Aufträgen für andere Kunden.
Radsport als Nische für den internationalen Einstieg
Einen guten Namen hat das TPC bereits im Sportbereich erworben – allerdings noch zu «staatlichen» Zeiten. Sehr erfolgreich sind die Schweizer vor allem im Radsport – auch produktionstechnisch gesehen. «Nach punktuellen Rennen ist uns jetzt der Durchbruch mit der Deutschlandrundfahrt und Friedensfahrt von Polen nach Deutschland gelungen», verrät Roger Sidler stolz. Eine Spezialität des TPC sind die mobilen Übertragungen bei Liveproduktionen. Dabei werden Motorräder mit einem Helikopter als Relais gekoppelt und Gyrocams in Helikoptern eingesetzt.
Eine gefragte Zusatzoption ist die GPS-Analyse, bei der automatisch festgestellt wird, wie gross die Abstände zwischen führenden Fahrern und dem Feld sind. «Da sind wir sehr spezialisiert und in Europa einer der drei führenden Anbieter», meint Sidler, der nach mehreren grossen deutschen Velorennen natürlich von der Tour de France träumt. «Das ist ein Ziel, bei dem wir aber auf gewisse politische Widerstände stossen.» Das Geschäft in Deutschland sichern und das nächste Jahr nach Italien, Frankreich und Spanien ausweiten, heisst deshalb die Nischenpolitik der filmenden Pedaleure vom TPC.
Bei Sitcoms ist noch nicht alles fertig lustig
Bei Sitcoms und Soaps ist man noch nicht so weit in den hart umkämpften Markt in Deutschland eingedrungen. «Wir sind aber auch noch nicht überzeugt, dass wir hier überhaupt keine Chancen haben», betont Daniela Bassi, Leiterin Marketing, Verkauf und Kommunikation beim TPC. Gute Kontakte bestehen jedenfalls mit dem SWR sowie dem Bayerischen Rundfunk. «Auch im kulturellen Bereich ist das TPC besser geeignet für hochwertige und komplexe Produktionen wie zum Beispiel Opernaufzeichnungen, bei denen der Kunde auch bereit ist, mehr in die Qualität zu investieren», meint die Marketingfrau.
Produktionen, bei denen nur der billigste Anbieter gesucht wird, interessieren das TPC mit seinen hochwertigen Schweizer Produktionsmitteln und den Schweizer Löhnen nicht. Ein Fussballspiel der Uefa-Champions-League in Moskau mit extra angekarrtem Schweizer Reportagewagen geriet deshalb zum unternehmerischen Flop. Für solche «Dutzendware» bewerben sich auch billigste private Produktionen mit Kameraleuten aus dem Osten, die zu absoluten Dumping-Preisen arbeiten.
Ergiebiger sind deshalb Klassikproduktionen, wie sie das TPC schon ein halbes Dutzend Mal in Berlin und Dresden zum Beispiel für das ZDF realisiert hat. Für den Bayerischen Rundfunk übertragen die Schweizer den Theaterpreis.
Wegen des Lohnniveaus beschränkt man sich bei solchen Produktionen allerdings auf Keypeople aus der Schweiz und arbeitet mit Kameraleuten und Technikern vor Ort, aber mit Zürcher Equipment.
Umgekehrt drängen die Deutschen natürlich auch in der Schweiz immer mehr auf den Markt. «Fertig lustig» wird bereits von einer deutschen Konkurrenz produziert, die zum Teil aber wieder mit Leuten aus dem freien Schweizer Markt arbeitet.
Bei den laufenden DRS-Produktionen hat das TPC noch nicht viele Aufträge an andere Produktionsfirmen verloren, «aber die kommende neue Generation der Redaktionsleute wird sich hier wohl freier fühlen und neue Seilschaften eingehen wollen», meint Sidler.
Früher durften die Redaktionen 25 Prozent ihres Umsatzes frei vergeben. Jetzt ist diese Regelung ganz gefallen. In der Beziehung vor allem zwischen jüngeren Programmleuten und der Produktion «ist plötzlich ein Bruch feststellbar». Zwar gehen die 800 TPC-Mitarbeiter immer noch in die gleiche Kantine in Leutschenbach, aber die persönlichen Beziehungen zu den Programmschaffenden werden «schrittweise abgelöst durch Geschäftsbeziehungen».
Was TV 3 betrifft, wartet das TPC im Moment ab, wie der Tamedia-Sender die Integration von Tele Züri bewerkstelligen wird. Im TPC werden zurzeit vor allem die grossen Unterhaltungskisten wie «Die Bar», «Wer wird Millionär?» und «Klassentreffen» produziert.
Neue Formate bei der Produktion von Werbespots
Um in Zukunft an die gewünschten neuen Aufträge heranzukommen, ist die Akquisitions-abteilung des TPC stark ausgebaut worden und umfasst heute fünf Mitarbeitende für Marketing und Verkauf. Entgegen anders lautenden Befürchtungen will das TPC allerdings bei den Werbespots nicht den bekannten Produktionsfirmen die Arbeit wegnehmen. Daniela Bassi: «Wir sind nicht geeignet für einen aufwändigen klassischen Werbespot mit eingeflogenen Regiestars. Uns interessieren verschiedene Spezialformen von Werbung, wie zum Beispiel der Facts-Spot.»
Bei dieser aktuellen Ankündigung des wöchentlichen Inhalts des Nachrichtenmagazins wird jeweils am Morgen in der Facts-Redaktion mit Hannes Britschgi an der Werdstrasse gedreht. Anschliessend wird sofort in Leutschenbach geschnitten und vertont, damit der Spot noch am gleichen Tag auf den Server überspielt und pünktlich vor der «Tagesschau» ausgestrahlt werden kann.
«Für solche Spots sind wir gut geeignet, weil wir die ganze Produktionslinie im gleichen Haus unter Kontrolle haben», argumentiert die Marketingfachfrau Bassi. Solche sehr schnell produzierten Spots könnten also eine künftige Spezialität des TPC werden. «Sie sind auch kostengünstig, weil der Werbefilm ohne viel Kunst wie eine Fernsehreportage realisiert wird.»
Ein anderes Beispiel sind die Amag-News, bei denen ein grosses Studio notwendig ist. «Wir sind interessiert daran, unsere grosse Infrastruktur zu vermieten», meint Sidler. Sein Angebot: Einmal pro Woche im Studio an einem einzigen Nachmittag einen Spot produzieren, und zwar in allen drei Landessprachen. «Effizient abgedreht, so wie wir es vom TV her kennen.» Die Marketingleute des TPC sind deshalb bereits am Diskutieren mit Agenturen, die für passende Kunden in einem solchen Stil arbeiten möchten. «Statt nur Inserate schalten, einen wöchentlich aktuellen TV-Spot realisieren – das ist in der Schweiz noch zu wenig verbreitet, kann jetzt aber mit uns vielleicht etwas mehr gefördert werden», zeigen sich die TPC-Verkäufer optimistisch.
Bei den Messen wird nicht kleinlich gemessen
Ähnlich differenziert präsentiert sich das Angebot im Bereich Messebau. Man will «sicher keinen Normstand für die Muba» anbieten. Wenn jemand aber mit einem individuell gestalteten Auftritt an einer Messe auffallen will, baut man in den Werkstätten des TPC gerne das Dekor. «Erlebniswelten schaffen» mit entweder neu hergestellten Dekorationen oder Elementen aus dem grossen Fundus, lautet hier das Angebot. Das könnte in Zukunft bis zur Dekoration eines Hotels oder eines speziell attraktiven Schaufensters reichen.
Den Vorwurf, dass der Fundus mit Konzessionsgeldern aufgebaut worden ist, weist Sidler mit der Tatsache zurück, dass «wir ihn wieder abbauen mussten». Mit viel Fremdkapital hat das TPC nämlich mit seiner Verselbstständigung die ganze Infrastruktur von SF DRS abkaufen müssen. Den Fundus, die Studios und die Technik hat man durch zwei unabhängige Firmen bewerten und kontrollieren lassen. Darauf sind sie zum Buchwert beim TPC integriert worden. «Da haben wir überhaupt keine Vorteile erzielt. Dass wir die Mittel zum Buchwert übernommen haben, ist für uns kaum ein Startvorteil», rechnet Sidler, denn viele Geräte müssen schon heute ersetzt werden. Das TPC sei als eigenständige Firma gegründet worden, «damit es eine saubere Sache ist. Ohne Verdacht auf Quersubventionen». Mit der Firmengründung sei es absolut klar, dass alles verrechnet werden muss. «Sogar eine Miete für jedes Sitzungszimmer, das wir bei SF DRS benützen.»
An Stelle eines Konkurrenzverhältnisses zu freien Produktionen sieht das TPC in ferner Zukunft sogar einen Vorteil für die Branche, «weil wir in der Schweiz gemeinsam eine starke Partnerschaft gegen die drohende Konkurrenz aus dem Ausland aufbauen können».
Auf völlig neue Weise aktiv werden will das TPC im Bereich Events. Früher hat man sich strikte auf Dienstleistung beschränkt. Heute will das TPC «in Zusammenarbeit mit Dritten ein Gesamtpaket anbieten». Für Events kann man somit als einfachste Version das Studio mieten. Aber neu kann ein Kunde auch eine ganze Party für hundert hochkarätige Gäste im Studio 1 organisieren lassen, mit Vorschlägen zu Thema, Dekoration, Catering und Unterhaltung.
Für Sepp Blatter fährt das TPC eine grosse Kiste
Ein solches prestigeträchtiges Projekt wird zurzeit für die Fifa organisiert. Sepp Blatters Verband präsentiert in Zürich die «Oscar»-Verleihung für die weltbesten Fussballer. Diese «Fifa Players Gala», bei der jeweils der Fussballer des Jahres gewählt wird, hat bisher in Rom und Brüssel stattgefunden. Jetzt soll der Topevent, der von Fernsehstationen weltweit übertragen wird, definitiv nach Zürich kommen.
Das TPC liefert dazu nicht nur die ganze Infrastruktur, sondern konzipiert auch den Unterhaltungsteil, bis zur Verpflichtung der internationalen Stars für die Showblocks. Die neuen Event-spezialisten des TPC organisieren die Medienkonferenz im Zürcher World Trade Center und bestellen das Catering für die Party.
Eigene Programme aus der ehemaligen Technikerküche
Noch etwas weiter in der Zukunft liegt die Produktion von eigenen Programmen. Zwar hat SF DRS einen Service-public-Auftrag, und die damit beschäftigten Redaktionen wollen natürlich nicht im Dienste des TPC für Dritte neue Programme entwickeln. «Mit Freien könnte das in Zukunft aber durchaus der Fall sein, dass wir aus eigener Initiative eine Soap oder Ähnliches für einen anderen Sender entwickeln», überlegt Sidler. Das TPC versucht deshalb zu den freien Kreativen auf dem Markt einen möglichst guten Kontakt aufzubauen, damit man aus der Küche des neuen Fixsterns am Schweizer Filmhimmel «eines Tages auch ganze Inhalte anbieten kann».
Wem das zu unschweizerisch ist: Einen Imagefilm für eine bekannte Schweizer Tourismusdestination hat das TPC vom Konzept bis zur Synchronisation bereits realisiert und erfolgreich auf Sendung gebracht.

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