Gegenpredigt
Kommentar Der Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz verteidigt den Konsumismus als zentralen westlichen Wert. Und zeigt, dass sich Optimismus und kritische Vernunft nicht ausschliessen.
Kommentar Der Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz verteidigt den Konsumismus als zentralen westlichen Wert. Und zeigt, dass sich Optimismus und kritische Vernunft nicht ausschliessen.Selbstbewusst verkündete Norbert Bolz kürzlich in der Zeitschrift Literaturen, dass nichts von dem, was Theodor W. Adorno geschrieben habe, in der heutigen Philosophie noch zähle. «Bolz stösst Adorno vom Sockel», entrüstete sich selbst die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung über diesen Vatermord und fragte genervt: «Wie kommt’s, dass Sie heute dies und morgen das wollen? Dass Sie in Essen für Zahnpflege werben und in Berlin fürs Konsumgut Kind? Mal firmieren Sie als Soziologe, dann als Kommunikationstheoretiker, dann als Medienwissenschafter, und nun suchen Sie sich im Handstreich auch das Mäntelchen des Philosophen umzuhängen.»Solche Häme vermag den Jetztzeitapologeten indes kaum anzufechten. Denn Bolz nutzt die Medien gezielt und hält wenig von jener Professorengeneration, die Weltfremdheit mit Vernunft gleichsetzt und Unverständlichkeit mit gedanklicher Tiefe (siehe Seite 21).
In seinen beiden Büchern, «Das konsumistische Manifest» und «Konformisten des Andersseins», entwirft Bolz einen lichten Gegenentwurf zum «Grand Hotel Abgrund» der Frankfurter Schule. Während sich Adornos Epigonen auf die destruktiven Tendenzen der Moderne fixieren und Busspredigten gegen die «Kulturindustrie» mit ihrer «inhumanen Verwertungslogik» halten, verteidigt Bolz Hedonismus und Konsumismus als Lifestyle, weil dieser das «Immunsystem der Weltgesellschaft gegen den Virus der fanatischen Religionen ist». All das, was seit den seligen Zeiten der Frankfurter Schule als «Bewusstseinsindustrie» kritisiert wird, erfüllt laut Bolz die wichtige Aufgabe, symbolisch Alternität zu erzeugen für Menschen, die der Gesellschaft egal geworden sind: «Die Mode schenkt den Massen eine wohltuende Selbstzufriedenheit mit der Form.»
Methodisch ist Bolz seinen Vordenkern verpflichtet. Im Gegensatz zum «schönen Traum einer schlechten Welt», wie ihn Untergangspropheten gebetsmühlenartig beschwören, fordert Optimist Bolz, die Welt als gelungen zu betrachten, frei nach Hegels Formel: Das Wirkliche ist vernünftig und das Vernünftige wirklich. Pessimismus sei letztlich Denkfaulheit, so Bolz, denn es sei leichter, nein zu sagen, als die Welt in ihrer Komplexität zu verstehen.
Nur konsequent, dass für Bolz Werbung nicht nur Verführung zum Genuss ist, sondern «permanente Gegenpredigt» zur gängigen Kulturkritik. Werbung sage dem Konsumenten, dass er sich nicht schuldig fühlen müsse. So verstanden ist das «konsumistische Manifest» ein valabler Gegenentwurf zur ziellosen Kapitalismuskritik, die aktuell in der Antiglobalisierungsbewegung einen breiten Nährboden findet.
Samuel Helbling, Chefredaktor
In seinen beiden Büchern, «Das konsumistische Manifest» und «Konformisten des Andersseins», entwirft Bolz einen lichten Gegenentwurf zum «Grand Hotel Abgrund» der Frankfurter Schule. Während sich Adornos Epigonen auf die destruktiven Tendenzen der Moderne fixieren und Busspredigten gegen die «Kulturindustrie» mit ihrer «inhumanen Verwertungslogik» halten, verteidigt Bolz Hedonismus und Konsumismus als Lifestyle, weil dieser das «Immunsystem der Weltgesellschaft gegen den Virus der fanatischen Religionen ist». All das, was seit den seligen Zeiten der Frankfurter Schule als «Bewusstseinsindustrie» kritisiert wird, erfüllt laut Bolz die wichtige Aufgabe, symbolisch Alternität zu erzeugen für Menschen, die der Gesellschaft egal geworden sind: «Die Mode schenkt den Massen eine wohltuende Selbstzufriedenheit mit der Form.»
Methodisch ist Bolz seinen Vordenkern verpflichtet. Im Gegensatz zum «schönen Traum einer schlechten Welt», wie ihn Untergangspropheten gebetsmühlenartig beschwören, fordert Optimist Bolz, die Welt als gelungen zu betrachten, frei nach Hegels Formel: Das Wirkliche ist vernünftig und das Vernünftige wirklich. Pessimismus sei letztlich Denkfaulheit, so Bolz, denn es sei leichter, nein zu sagen, als die Welt in ihrer Komplexität zu verstehen.
Nur konsequent, dass für Bolz Werbung nicht nur Verführung zum Genuss ist, sondern «permanente Gegenpredigt» zur gängigen Kulturkritik. Werbung sage dem Konsumenten, dass er sich nicht schuldig fühlen müsse. So verstanden ist das «konsumistische Manifest» ein valabler Gegenentwurf zur ziellosen Kapitalismuskritik, die aktuell in der Antiglobalisierungsbewegung einen breiten Nährboden findet.
Samuel Helbling, Chefredaktor
