Fundierter Fun

Enzyklopädie Aus dem Mutterland der Werbung kommt das umfassendste Nachschlagewerk der Branchengeschichte. Eine gewichtige Lektüre.

Enzyklopädie Aus dem Mutterland der Werbung kommt das umfassendste Nachschlagewerk der Branchengeschichte. Eine gewichtige Lektüre.In dem Versuch, das integrale Weltwissen zwischen zwei Buchdeckel zu bannen, steckte schon zu Zeiten von Diderots aufklärerischer «Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des arts et métiers» (1751) etwas Abwegiges, ja Anmassendes. Wie absurd respektive arrogant muss da heute erst ein dreibändiges Lexikon wirken, das auf knapp 2000 eng bedruckten und üppig illustrierten Seiten die globale Entwicklung der wohl noch vergleichsweise jungen, dafür aber umso schnelllebigeren Werbeindustrie zu resümieren vorgibt? So viel Selbstvertrauen und Elan traut man als Alteuropäer bloss den Erfindern der kommerziellen Kommunikation zu. Zu Recht, verfügt man doch nur in den USA über die für ein solch kühnes Unterfangen nötigen Quellen und Ressourcen.Erfrischend investigativAls sich das 1930 gegründete Branchenzentralorgan Advertising Age dazu vor fünf Jahren mit dem Chicagoer Museum of Broadcast Communications zusammentat, war absehbar, dass dieses «ground-breaking instrument of orientation and convenience» (New York Times) den Spagat zwischen akademischer Gründlichkeit und journalistischer Unterhaltsamkeit wagen würde. Aber nicht nur der unorthodoxe Stilmix mutet sehr amerikanisch an; auch die Perspektive, aus der die 600 Einzeleinträge recherchiert und verfasst wurden, ist eine «anglozentrische». (Einziger Schweizer Vertreter im illustren Index ist denn auch Nestlé.)
Da jedoch fast alles, was die Werbewelt in den vergangenen 75 Jahren – weiter reicht selbst das Ad-Age-Archiv nicht zurück – geprägt und vorangebracht hat, von jenseits des Atlantiks respektive des Ärmelkanals stammt, tut dies der Sache keinen wirklichen Abbruch. Kommt hinzu, dass viele Beiträge so fundiert recherchiert und erfrischend geschrieben sind, wie dies scheinbar nur mehr angelsächsische Wirtschaftsjournalisten und -historiker können.
Nicht umsonst wird die notorische Verschwiegenheit und Intransparenz der Agenturszene im Vorwort mit der «secrecy of law firms» verglichen. Wie Anwaltskanzleien, so die Herausgeber, versteckten die sich von Anbeginn als «Service Slaves» verstehenden Werber hinter den breiten Schultern ihrer (ebenfalls ausführlich berücksichtigten) Hauptauftraggeber. Erschwerend hinzu kam die für Rechercheure heikle Tatsache, dass Werbung immer schon das People-Business schlechthin war. Nicht nur, dass sich die «hot shots» und «big brains» der Branche möglichst bedeckt hielten; regelmässige Namens- und Besitzerwechsel machen eine lückenlose Rekonstruktion von Agenturgeschichte(n) auch nicht einfacher.
Im Internet ab 2004Spannend an dieser Enzyklopädie, deren kostenpflichtige Online-Edition Anfang 2004 verfügbar sein soll, sind überdies die rund 70 Kontext-Essays, welche die mannigfaltigen Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Werbung nachzeichnen. Die Themenbreite reicht dabei von «Feminism in Commercials» über «Subliminal Advertising» bis zu «The Impact of War» und unterstreicht so in bester antizyklischer Manier die in Krisenzeiten gerne unterschätzte Funktion der Werbung für Fortschritt und Demokratie. Insofern kommt das Mammutwerk heute genau richtig, auch wenn sein Anschaffungspreis für manch potenziellen Käufer prohibitiv wirken dürfte.
Auch Meister Propper kam ursprünglich aus Amerika.

Oliver Classen

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