Fukushima: Mit und ohne Experten

Eine Katastrophe verändert die Welt. Menschen haben Fragen und wollen Antworten. Zuerst dürfen Experten die Lage erklären, dann verschwinden sie. Braucht es sie überhaupt? Gastkommentare von Hans Stutz, freier Journalist.

An einem Freitag, genau zwei Wochen nach dem Tsunami, treffe ich eine Freundin. Sie ist beunruhigt: Die Fukushima-Katastrophe, viele Aktualitätshäppchen, ein nur tröpfchenweise informierender AKW-Betreiber und Experten, denen man doch nicht trauen könne.

Dagegen kann ich wenig einwenden: Viele Redaktionen haben – bei den verschiedenen Sparrunden der vergangenen Jahre – die Erklärung der Hintergründe an Experten ausgelagert, und bei den Debatten sind alle von ihnen Interessenvertreter – entweder befürwortet einer den Bau von Atomkraftwerken oder er lehnt ihn ab. Die Ausdünnung der Redaktionen führte aber auch zu einem Verlust von Fachwissen, im Thema Atomtechnik und Atomwirtschaft eingearbeitete Kollegen fehlen meist.

Meine Freundin berichtet dann, Fukushima habe ihr keine Ruhe gelassen, sie habe im Netz recherchiert und sei auf Aufnahmen gestossen, alle Reaktorgebäude seien weitgehend zerstört. (Das war zu diesem Zeitpunkt noch nicht öffentlich bekannt.) Sie sei überzeugt, bald werde viel radioaktives Material austreten, vor allem auch ins Meer.

Ich insistiere, sie solle mir doch die Quellen nennen. Ich weiss, in Zeiten unsicherer Nachrichtenlage gedeihen Gerüchte und Verschwörungsfantasien. Die folgenden Tage bestätigen die meisten ihrer Befürchtungen.

Haben die Schweizer Medien also versagt?

Blenden wir zurück. In den ersten Tagen der Fukushima-Katastrophe berichten auch Schweizer Medien ausführlich und ausdauernd und aktuell. Zwar ist die Nachrichtenlage dürftig, dies überrascht bei einer grossen Katastrophe aber nicht. Auch können unabhängige Medienschaffende nicht vor Ort arbeiten.

Doch bald wird dem Beobachter deutlich: Sowohl der AKW-Betreiber Tepco wie auch die japanischen Behörden informieren abwiegelnd oder übertrieben hoffnungsvoll, wenn es um beabsichtigte Rettungsmassnahmen geht. Gestützt auf wenige Informationen müssen Experten daraufhin Einschätzungen abgehen, sie tun dies meist vorsichtig, manchmal auch abwiegelnd. Vor allem in der Schweiz sind es vorwiegend Männer, die in der Atomwirtschaft arbeiten oder diese grundsätzlich wohlwollend kontrollieren.

Doch allmählich verschwinden die Experten aus den Nachrichtensendungen. Die Medien verbreiten zwar noch die täglichen Agenturberichte, gelegentlich auch Texte von Korrespondenten. Sie alle resümieren nicht viel mehr als die japanische Nachrichtenlage: Die Katastrophe schreitet voran, beschwichtigend dargelegt durch das «Kartell aus Regierung und Medien». Denn, so der Korrespondent Martin Kölling, im Bestreben, keine Panik aufkommen zu lassen, hätten die japanischen Medien «in freiwilliger Gleichschaltung» mitgespielt.

Im Klartext: Die gewollte japanische Desinformation spiegelt sich – kaum hinterfragt – in den Schweizer Medien. Grundtenor: Es gibt in Fukushima zwar grosse Probleme, aber für die Bevölkerung bestehe keine Gefahr. Das ins Meer geleitete radioaktive Wasser werde dort schnell verdünnt, kein Grund zur Sorge also. Wie häufig soll Ruhe die erste Bürgerpflicht sein.

Schlecht dazu passt eine Meldung aus Bayern: Viele Wildschweine müssen entsorgt werden. Sie sind radioaktiv verseucht, da der Boden Cäsium-137 enthält und sich in Pilzen anreichert, die von den Wildschweinen gerne gefressen werden. Die atomare Wolke nach Tschernobyl hat über Süddeutschland viel Abfall in den Böden abgelagert.

Wie ist es nun mit den Strömungsverhältnissen im Pazifischen Ozean? Und wie läuft das dort mit der Nahrungskette? Gibt es überhaupt einen Experten dafür? Oder wird die Fukushima-Katastrophe nun zu einem grossflächigen naturwissenschaftlichen Versuch, über den Experten erst in einigen Jahren gesichert berichten können.

Das Fazit ist widersprüchlich. Fukushima-Nachrichten ohne weitere Erklärungen durch Experten machten Schweizer Medien zu Lautsprechern der Verharmlosungsstrategie der japanischen AKW-Betreiber und der Regierung. Allerdings hat die Katastrophe inzwischen ein Ausmass erreicht, dass noch kein Experte die langfristigen Folgen einigermassen zuverlässig abschätzen kann.

 

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