Frisches Aas riecht süss
Aufgefallen Vom Versuch, auch noch einen Artikel zum Buch von Ruth Metzler zu schreiben. Und der Gefahr, dabei unversehens seinem eigenen Schicksal ins Auge zu blicken.
Kolumne Vom Versuch, auch noch einen Artikel zum Buch von Ruth Metzler zu schreiben. Und der Gefahr, dabei unversehens seinem eigenen Schicksal ins Auge zu blicken.Hier, Mbwana, hier! Sehen Sie unter dem Tisch nach. O ja, Sie sind es gewohnt, dass hier alle sechs Wochen jemand grosse Töne über Journalismus spuckt. (Meinungskolumnen sind eine Art Geschlechtskrankheit: Sie werden fast alle von Herren mit melonengrossen Hoden geschrieben.) Aber meine Stimme – vom Rest nicht zu reden – ist momentan schwach. Der Grund ist einfach: Ich habe meinen letzten Artikel in den Sand gesetzt.Dabei hätte nichts schief gehen können: Ich hatte acht Tage Zeit, glänzende Laune und den Lieblingsgeruch von Journalisten in der Nase: den Geruch von frischem Aas. Es war ein perfektes Drama: eine Ex-Bundesrätin! Die erste abgewählte! Die erste, die ein Buch schreibt! Einen monströsen Schinken! Und nun wieder auftritt! Und ihre Partei bei der öffentlichen Verabschiedung in grässliche Verlegenheit bringt!
Ich tat meine Pflicht: Ich druckte 200 Seiten aus der SMD-Datenbank aus, las das Buch, drückte mich auf Parteitag und Buchvernissage herum, sprach mit den üblichen Verdächtigen an Experten und sogar mit ein paar unüblichen – ich hatte stapelweise Zitate, Anekdoten und Analysen. Dann setzte ich mich hin und schrieb: Kurz vor Redaktionsschluss hatte ich praktisch drei Viertel des Artikels und noch nicht das Geringste von dem erzählt, was ich wollte. Die Abschlussredaktion tobte, und ich lieferte ab: 10500 tote Buchstaben, ein zähes Gemümmel von der
Länge und Konsistenz eines NZZ-Leitartikels.
Seitdem laufe ich tief traurig durch die Stadt und frage mich, warum, warum, warum. Ich komme auf Folgendes:
1. Hochmut. Ich war mir sicher, dass die Agonie der CVP und das Selbstverwursten einer Bundesrätin zu einer Cervelatprominenten ein derart dramatischer Stoff sei, dass ihn niemand ruinieren könnte. Jedenfalls nicht ich.
2. Nacherzählung. Bis drei Viertel des Artikels referierte ich fast nur, was in anderen Zeitungen gestanden hatte: Karriere, Buchvernissage, Parteiversammlung etc.
3. Naseweisheit: Es folgten lange Anmerkungen zu Frau Metzlers falschen Beratern, mangelndem Kontakt zu Parlamentariern, dem Ich-Ich-Ich-Stil ihres Buches – alles einleuchtend. Aber nicht, was mich wirklich interessierte.
4. Herzlosigkeit. Der entscheidende Fehler. Hätte ich auf mein Herz gehört, wäre es klar gewesen, dass eigentlich der Artikel nicht klugscheisserisch, sondern erschreckt hätte geschrieben werden müssen: mit ehrlicher Angst. Denn wie schafft es jemand, fünf Jahre im Bundeshaus zu arbeiten, ohne dessen Mechanismen zu kapieren? Und das selbst nach einer schlimmen Niederlage nicht? Wie schafft es jemand, sich derart mit seinem Image («Ich bin jung und dynamisch!») zu verwechseln, dass selbst bei langer Recherche nichts Persönliches sichtbar wird als das? Wie kann es jemand schaffen, eine ganze Autobiografie lang über sich nichts als die eigenen Reden, die eigenen Erfolge und die daraus
resultierenden Zeitungsartikel zu zitieren?
Ruth Metzlers Aufstieg und Fall wäre so beleuchtet ein wirklich interessantes Drama gewesen – als Tragödie der Hype-Generation der Neunzigerjahre, die vom Boom in die Pleite rutschte; als Studie eines Typs des Middle- und Upper-Managements, das in eine unerwartete Krise gerät; als Schicksal von allen, die in Akten, Agenden und Medien leben. Egal, ob als Bundesrätin, Programmierer oder Chefredaktor: Hinter dem Job wartet das Nichts.
Das ist etwa genau dieses üble Gefühl, wenn ein Artikel tot geblieben ist: Meine Existenz fühlt sich ein wenig dünn an. Machen Sie es also besser als ich, Mbwana! Seien Sie nie arrogant. Schreiben Sie sofort zur Sache. Wiederholen Sie nie, was andere schrieben. Und hören Sie auf Ihr Herz.
Und besuchen Sie wieder einmal ein Schwimmbad, ein Kino und einige Freunde. Bis Sie wieder der süsse Geruch nach frischem Aas zur Arbeit ruft.
> Constantin Seibt ist Redaktor für Politik und Wirtschaft bei der Wochenzeitung (WOZ).
Ich tat meine Pflicht: Ich druckte 200 Seiten aus der SMD-Datenbank aus, las das Buch, drückte mich auf Parteitag und Buchvernissage herum, sprach mit den üblichen Verdächtigen an Experten und sogar mit ein paar unüblichen – ich hatte stapelweise Zitate, Anekdoten und Analysen. Dann setzte ich mich hin und schrieb: Kurz vor Redaktionsschluss hatte ich praktisch drei Viertel des Artikels und noch nicht das Geringste von dem erzählt, was ich wollte. Die Abschlussredaktion tobte, und ich lieferte ab: 10500 tote Buchstaben, ein zähes Gemümmel von der
Länge und Konsistenz eines NZZ-Leitartikels.
Seitdem laufe ich tief traurig durch die Stadt und frage mich, warum, warum, warum. Ich komme auf Folgendes:
1. Hochmut. Ich war mir sicher, dass die Agonie der CVP und das Selbstverwursten einer Bundesrätin zu einer Cervelatprominenten ein derart dramatischer Stoff sei, dass ihn niemand ruinieren könnte. Jedenfalls nicht ich.
2. Nacherzählung. Bis drei Viertel des Artikels referierte ich fast nur, was in anderen Zeitungen gestanden hatte: Karriere, Buchvernissage, Parteiversammlung etc.
3. Naseweisheit: Es folgten lange Anmerkungen zu Frau Metzlers falschen Beratern, mangelndem Kontakt zu Parlamentariern, dem Ich-Ich-Ich-Stil ihres Buches – alles einleuchtend. Aber nicht, was mich wirklich interessierte.
4. Herzlosigkeit. Der entscheidende Fehler. Hätte ich auf mein Herz gehört, wäre es klar gewesen, dass eigentlich der Artikel nicht klugscheisserisch, sondern erschreckt hätte geschrieben werden müssen: mit ehrlicher Angst. Denn wie schafft es jemand, fünf Jahre im Bundeshaus zu arbeiten, ohne dessen Mechanismen zu kapieren? Und das selbst nach einer schlimmen Niederlage nicht? Wie schafft es jemand, sich derart mit seinem Image («Ich bin jung und dynamisch!») zu verwechseln, dass selbst bei langer Recherche nichts Persönliches sichtbar wird als das? Wie kann es jemand schaffen, eine ganze Autobiografie lang über sich nichts als die eigenen Reden, die eigenen Erfolge und die daraus
resultierenden Zeitungsartikel zu zitieren?
Ruth Metzlers Aufstieg und Fall wäre so beleuchtet ein wirklich interessantes Drama gewesen – als Tragödie der Hype-Generation der Neunzigerjahre, die vom Boom in die Pleite rutschte; als Studie eines Typs des Middle- und Upper-Managements, das in eine unerwartete Krise gerät; als Schicksal von allen, die in Akten, Agenden und Medien leben. Egal, ob als Bundesrätin, Programmierer oder Chefredaktor: Hinter dem Job wartet das Nichts.
Das ist etwa genau dieses üble Gefühl, wenn ein Artikel tot geblieben ist: Meine Existenz fühlt sich ein wenig dünn an. Machen Sie es also besser als ich, Mbwana! Seien Sie nie arrogant. Schreiben Sie sofort zur Sache. Wiederholen Sie nie, was andere schrieben. Und hören Sie auf Ihr Herz.
Und besuchen Sie wieder einmal ein Schwimmbad, ein Kino und einige Freunde. Bis Sie wieder der süsse Geruch nach frischem Aas zur Arbeit ruft.
> Constantin Seibt ist Redaktor für Politik und Wirtschaft bei der Wochenzeitung (WOZ).
