Free Press? Dream on!

Aufgefallen Weisse Westen auf Redaktionen sind so selten wie saubere Stiefel in Western. Und das ist gut so. Denn kalkulierte Käuflichkeit ist seit je eine journalistische Notwendigkeit und Tugend.

Kolumne Weisse Westen auf Redaktionen sind so selten wie saubere Stiefel in Western. Und das ist gut so. Denn kalkulierte Käuflichkeit ist seit je eine journalistische Notwendigkeit und Tugend.Ein Abendessen. Eine Indiskretion. Ein Warenmuster. Zwei Tickets. Oder drei Tage an der Côte d’Azur. Was ist Ihr Preis, Mbwana?Kurz: Womit, von wem und in welcher Höhe will ich bestochen werden? Es lohnt sich, ernsthaft über diese Frage nachzudenken. Immerhin ist Journalismus an sich Schreiben gegen Geld. Und die genaueste Definition von Pressefreiheit stammt von Hunter S. Thompson: «Free Food. Free Drinks. Free Press.»
In den guten alten Zeiten, als es noch keine Monopolblätter gab, war ich Volontär beim St. Galler Tagblatt. Und machte dort die viertklassigen Anlässe: Pressekonferenzen des lokalen Einkaufscenters, Vernissagen, Vorträge. Wobei ich jedes Mal auf die Kollegen der Konkurrenz traf. Diese sahen, Mann oder Frau, sich erstaunlich ähnlich: enorme Bäuche und Nasen, so rot und grossporig wie der Mars. Mit der einen Hand griffen Sie nach dem Cüpli, mit der anderen nach dem Lachsbrötchen – und mit der dritten unterstrichen sie jene Passagen im Pressetext, die sie danach wörtlich abschreiben würden.
An mehr erinnere ich mich nicht: Durch die zwei, drei Pressetermine pro Tag war ich damals dauernd betrunken. Aus dieser Zeit stammt auch der Plan, einmal im Leben für ein Jahr als Auto-Journalist zu arbeiten: Einladung von Mercedes oder weiss Gott wem auf fünf Tage Teststrecke in Südspanien, bonbonfarbene Drinks und langbeinige Menschen, die einem Hochglanzprospekte des neuen Modells zwecks Abschreiben überreichen. Wrumm! Zu meinem Glück fehlt nur noch a) ein Führerschein und b) eine Auto-Seite in der WOZ.
Was also, Mbwana, wäre Ihr Preis? Sagen Sie nun nicht «ich habe keinen». Unbestechliche sind für diesen Beruf unfähig. Zum Beispiel, weil sie keinen einzigen Informanten haben werden. Für jede Recherche braucht es Köpfe im Hintergrund: Tippgeber, Experten, Sympathisanten. Und diese wollen von ihnen genau dasselbe wie Mercedes oder die Kaufhalle: nette Worte über sich selbst. Und nach Möglichkeit nur Boshaftes über die Konkurrenz.
Hinter fast jeder Enthüllung, die Sie lesen, steht jemand, der gepetzt hat. Und das selten aus reiner Wahrheitsliebe. Wie weit also gehen? Kommt drauf an, wie sehr Sie Informationen oder Luxus lie-ben. Oder Menschen. Denn Bestechlichkeit ist auch eine grosse Tugend, gerade bei Journalisten. Nur Taube reagieren unerschütterlich auf Charme; nur Verbohrte ziehen ihre Vorurteile überraschenden Ideen vor; nur Herzlose lassen sich nicht bestechen von der Angst und Hilflosigkeit eines Gegenübers. Und zur Hölle damit: Objektivität ist nicht nur nicht herstellbar, sie wäre auch grausam: Es wäre eine finstere Welt, wenn alle nur das bekommen würden, was sie wirklich verdienen.
Zur Frage der Käuflichkeit also ein deutliches, dezidiertes Ja. Festzulegen bleibt nur mehr der Preis: Wie viel? Und vor allem die Währung: Wollen Sie Luxus? Respekt? Wenig Ärger? Exklusivinformation? Bestätigung der eigenen Irrtümer? Neue Ideen? Das Gefühl der Wichtigkeit, wenn Sie ein Prominenter anlächelt? Oder den Eishauch der Macht, wenn er zittert? Was genau ist Ihr Preis?
Sie entscheiden, Mbwana!
PS: Der Diplomat Charles de Talleyrand, angesprochen auf seinen Patriotismus, verkündete voller Stolz: « Bis zu einer Million Livres stehe und sterbe ich für Frankreich!»
PPS: Der US-Autor und Jet- setter Truman Capote wunderte sich nach dem Vorabdruck seines Romans «Erhörte Gebete», dass er drei Viertel seiner Freunde verlor: «Wen zum Teufel haben die gedacht, haben sie eingeladen? Einen Schriftsteller.»
> Constantin Seibt ist Redaktor für Politik und Wirtschaft bei der Wochenzeitung WOZ.

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