Flotte Kamerafahrt statt elendem Schreibstau

Ob der Spiegel, die Zeit oder Sprachpapst Wolf Schneider: Wer Meinung machen will, «vloggt» neuerdings. In der Schweiz nutzt bislang nur die Weltwoche das neue Genre «Videokommentar» – als Solo-«SonnTalk» und «Arena»-Ersatz. Kommentar von Oliver Classen, Pressesprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern und zuvor Medienredaktor.

Zu den ungeklärten Fragen des Internet-Journalismus gehört die nach den Serverkosten. Klar ist, sie steigen mit dem Erfolg und bei Bewegtbildangeboten. Ungewiss bleibt aber, ob sie eines Tages durch jene Werbung refinanziert werden können, die derzeit bekanntlich nicht mal zur Refinanzierung von Texten reicht. Dessen ungeachtet überbieten sich Verlage und Redaktionen mit Videonews, -reportagen und -kolumnen, wobei Letztere auch im Web schnell zur Königsdisziplin avanciert sind. Wenn es dazu noch einen Beweis brauchte: Im Mai begann auch Stillehrer Wolf Schneider zu «vloggen» und gab damit Spekulationen Auftrieb, dass es die Fusion aus Bloggen und Video bald in den Duden schafft. Ausgerechnet «Speak Schneider!»
heisst seine Kamerakolumne auf Sueddeutsche.de. In der Aktion «Lebendiges Deutsch», die «Klapprechner» und «E-Müll» statt «Laptop» und «Spam» propagiert, setzt sich Schneider nämlich gegen Anglizismen ein. Na ja, geschenkt. Mit zwei Minuten sind die Schulmeistereien des Sprachpapsts aber wenigstens kurz und insofern Web-kompatibel. Was man von vielen Wortmeldungen der Alphatiere unter Deutschlands Meinungsmachern nicht behaupten kann. Zum Beispiel jener von Stern-Co-Chefredaktor Hans-Ulrich Jörges. Für seinen wöchentlichen «Klartext» stellte er sich unlängst auf den Berliner Rosa-Luxemburg-Platz, um erst die Parteizentrale der Linken zu zeigen und dann in epischer Länge über Gott, die Welt und den müden deutschen Wahlkampf zu räsonieren. Ob solche Volkspädagogen ihre Einsichten neuen, auf Papier nicht mehr erreichbaren Nutzern nahebringen oder sich einfach für die nächste Talkshow empfehlen wollen: Grossjournalisten-Vlogs florieren.
Vlogs machen Meinung
Jens Jessen etwa hat jenes verhängnisvolle, mit schwungvoller Kamerafahrt eingeleitete Video über «Anquatschungen krimineller Jugendlicher durch besserwisserische Rentner» nicht geschadet. Vielmehr ist er nun Chef des neuen Grossfeuilletons der Zeit und vloggt zwar in abnehmender Frequenz, aber pointierter denn je. Und Spiegel-Kollege Matthias Matussek hat es mit subtiler Selbstironie (à la «mein Bauchnabel ist die Welt und die Welt ist mein Bauchnabel») und schrägen Sprüchen schon in die ARD-Primetime geschafft. Sein Kulturvideoblog zeigt den TV-Profis schon seit zwei Jahren, wie man Gesellschaftskritik wirkungsvoll multimedialisiert: mit smarter Themenwahl, raffinierter Rhetorik und origineller Begleitmusik. Die Goethe-Handpuppe etwa, die Matussek auf seinen Ausflügen in die Aktualität begleitet, hat längst Kultcharakter und ist für 19.90 Euro bei Spiegel online zu haben, inklusive handsignierter Autogrammkarte. Beworben wird das Gadget mit O-Ton des Weisen von Weimar: «Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.»
Auch Roger Köppel arbeitet nach dem Motto «Frechheit siegt». Kein Wunder, hat er als Ex-Berliner und neben Frank A. Meyer einziger echter Schweizer Alphajournalist das neue Onlinegenre als Erster entdeckt. Ohne servile Gegenüber, die sich abkanzeln oder anfrotzeln lassen, wirkt er allerdings noch eitler und substanzloser als im «Sonntalk» von Tele Züri oder der «Arena». Die jüngste Ausladung aus dem SF-Diskussionsformat aber zeigte: Beim Selbstmarketing bleibt Köppel eine Klasse für sich. Im Claim des genialen Werbespots vor der inkriminierten Sendung mit Neo-Bundesrat Burkhalter hiess es dann freilich «Was ich in der Arena nicht sagen darf, lesen sie in der nächsten Weltwoche» – und nicht «erfahren Sie in meinem nächsten Videokommentar». Also ganz traditionell Auflage pushen statt neuen Kanal popularisieren. Hier könnte Köppel von Christoph Blocher lernen. Der hat auf ein eigenes Kampfblatt verzichtet, mit Tele Blocher aber einen Überraschungserfolg verbucht. Und wem dieser Vergleich zu sehr hinkt: Eine Blocher-Handpuppe würde seinen Videobotschaften gewiss zum Durchbruch verhelfen und als Weltwoche-Gadget reissenden Absatz finden.

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