Fälscher vom Schafott

Aufgefallen Das Grundproblem des heutigen Journalismus sind nicht die Lügner, sondern die Langweiler. Und klinische Klone wie die Wolffers-Exekutorin NZZ am Sonntag. Ein Plädoyer für weniger Ethik und mehr Ästhetik.

Kolumne Das Grundproblem des heutigen Journalismus sind nicht die Lügner, sondern die Langweiler. Und klinische Klone wie die Wolffers-Exekutorin NZZ am Sonntag. Ein Plädoyer für weniger Ethik und mehr Ästhetik.
Ja, Mbwana, mit dem Fall Wolffers wurde ein weiterer Höhepunkt im schleichenden Niedergang der Medien erreicht, der blablabla…
So und ähnlich lauten die Nachrufe, wenn wieder einer von uns erwischt und liquidiert wurde: Diesmal trafs den Chefredaktor der jüdischen Zeitung Aufbau, den New-York-Schweizer Lorenz Wolffers. Er schrieb im SonntagsBlick einen Essay zum 11. September unter dem Namen eines Promi-Schriftstellers und erfand für die NZZ am Sonntag ein Interview. Seine Vorgänger: Jayson Blair in der New York Times, Michael Born mit gestellten Informationssendungen bei «10 vor 10» und Tom Kummer, der die Stars aus Hollywood besser erfand als sie sich selbst.
Die Ertappten sterben den sofortigen beruflichen Tod – mit selbst verfasstem Nachruf. Das Einzige, was ihnen noch bleibt, sind die Memoiren: Michael Born schrieb sie, Jayson Blair sitzt an einem Drehbuch, und der Cleverste von allen, Tom Kummer, hatte seine Geständnisse schon vorab als Roman veröffentlicht.
Für alle anderen schlägt die Stunde von Empörung und Ethik. Die betroffenen Medien sind entsetzt, entschuldigen und erwägen «rechtliche Schritte». Die Konkurrenz schreibt (schadenfroh) Aufsätze über die Entartung des Journalismus: über qualitätsschädigendes Tempo, erzwungene Sensationen, vernachlässigte Faktenchecks und schwindende Glaubwürdigkeit.
Verdächtig an dem Ritual ist vor allem der reflexartige Kopf-ab-Ruf, mit dem Fälscher bedacht werden. In den Dutzenden von Artikeln, die etwa zu Tom Kummer und seinem «Borderline»-Journalismus erschienen, sprach sich kein Einziger für ihn aus. Dabei hatte Kummer dümmlichen Hollywoodstars so schöne Sätze wie «Mein Charakter ist wie eine ganz miese Gegend in Los Angeles – mein Verstand sagt, ich solle dort nicht hingehen» in den Mund gelegt. Und damit die Wirklichkeit erfreulich verbessert. Und was Lorenz Wolffers betrifft, so hat er die Welt durch einen weiteren Nine-Eleven-Essay nicht wesentlich verschlechtert.
Das eigentlich Verstörende an aufgeflogenen Kollegen ist eine andere, gern verdrängte Tatsache: Wir sind im Fiktionsbusiness. Selbst wenn die Fakten stimmen. Jeder halbwegs begabte Journalist weiss, wie man mittels Dramaturgie, Adjektiven, Zitatewahl usw. sämtliche Geschichten so oder andersrum drehen kann.
Wäre Sokrates Journalist gewesen, hätte sein Credo gelautet: «Ich weiss, dass ich es halb weiss.» Keiner von uns ist auch nur bei einem seiner Artikel Experte. Journalisten sind Kinder
im Dunkeln. Sicher, Fakten sind eine wundervolle Inspiration. Wichtiger ist aber, was wir daraus machen. Unser Job heisst nicht Wahrheitssuche, sondern Geschichtenerzählen.
Dennoch: Ein ernstes Problem in unserem Metier sind die Lügner. Nein, nicht die Interview- und Essay-Fälscher. Sondern jene, die eine weit perfidere Unwahrheit verbreiten: dass die Welt ein langweiliger Ort sei, voller Routine, ohne Alternativen, Überraschungen und Fantasie. Es sind jene Gangster, die Communiqués in indirekte Rede setzen, Leitartikel ohne Recherche und Reportagen ohne Neugier schreiben. Und dann natürlich die Bandenchefs: «Was ist die Beraubung einer Bank gegen die Gründung einer Bank?», fragte ernst Bert Brecht. Genauso gilt: Was ist die Fälschung eines NZZ-am-Sonntag-Artikels gegen die Herausgabe der NZZ am Sonntag? Ist sie nicht ein blosser Kommerzklon der SonntagsZeitung? Ein wöchentliches Verbrechen ohne Respekt vor dem Leser, ohne Linie und eigene Idee?
Nicht die Sensationshascher, sondern die Langweiler beschädigen die journalistische Glaubwürdigkeit. Nicht die wenigen Fälscher, sondern das Heer der Tauben und Blinden. Was wir brauchen, sind ehrliche Lügner, die erzählen können – eine Ästhetik, nicht eine Ethik des Journalismus.
> Constantin Seibt ist Redaktor für Politik und Wirtschaft bei der WochenZeitung (WoZ).

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