Falscher Alarm
Gastkommentar Die öffentliche Hysterie um Springers Übernahme von ProSiebenSat1 entbehrt jeder rationalen Grundlage, meint Heribert Seifert.
Gastkommentar Die öffentliche Hysterie um Springers Übernahme von ProSiebenSat1 entbehrt jeder rationalen Grundlage, meint Heribert Seifert.Seit bekannt ist, dass der Axel Springer Verlag die ProSieben-Sat1-Gruppe kaufen will, sind wieder einmal Pluralismus und Meinungsfreiheit in Gefahr. Nicht nur die Konkurrenten des Käufers gruseln sich öffentlich vor einem Medienverbund, in dem die Bild-Zeitung die TV-Sendungen der angeschlossenen Kanäle bewirbt. Auch Springers konservative Grundhaltung gilt als Risiko, müsse man doch künftig einen noch massiveren Kampagnenjournalismus befürchten, welcher das Publikum komplett manipuliere.Solcher Alarmismus ist albern, weil er weder die heutige Verfassung des Springer Verlags noch die Zielsetzung moderner Medienunternehmen berücksichtigt. Zum einen hat die Ökonomisierung der Publizistik entideologisierend gewirkt: Was zählt, ist die Fähigkeit der einzelnen Medien, Geld zu verdienen, und nicht ihre Funktion als Träger politischer Botschaften. Wenn Boulevardblätter aus dem Hause Springer regelmässig Politkampagnen inszenieren, gehört das halt zum Geschäft. Wie man im letzten Bundestagswahlkampf sehen konnte, ist die Wirkung journalistischer Kampfeinsätze zudem beschränkt: Der Wunschkandidat der Bild-Zeitung fiel damals durch.
Auch darf man die Grössenordnungen nicht aus dem Blick verlieren: Springer und ProSiebenSat1 haben 2004 zusammen 4,24 Milliarden Euro erwirtschaftet und dabei einen Gewinn von 600 Millionen erzielt. Bertelsmann – wo nicht nur harmlose Blätter wie Schöner Wohnen, sondern auch der Stern erscheinen – kam derweil auf 17 Milliarden Umsatz und 1,4 Milliarden Gewinn. Sowohl im Printsektor als auch im Fernsehen (mit der von Bertelsmann kontrollierten RTL-Gruppe) ist also für genügend Balance gesorgt.
Ökonomisch liegt ohnehin die Vermutung nahe, dass Springers Sprung eher einer Not folgt, als Ausdruck von Dominanzstreben ist. Denn der Konzern braucht ein zweites Standbein: Die Auflage der Bild-Zeitung sackt unaufhaltsam nach unten. Wenn Gratiszeitungen demnächst auch hier zu Lande flächendeckend durchgesetzt werden, wird das Reichweite und Werbeumsatz des Blattes weiter untergraben. Auf diesem Hintergrund scheint Springers Ziel, TV zu einer zweiten Erlösquelle auszubauen, als legitim und sinnvoll.
Doch diese Strategie hat ihren Preis: Mit mehr als 4 Milliarden Euro muss Springer ein Mehrfaches von dem bezahlen, was 2003 nach der Kirch-Pleite nötig gewesen wäre. Auf 3,6 Milliarden dürfte sich die Schuldenlast belaufen, die sich der Konzern ans Bein bindet. Da wird mancher im Hause Ringier nachträglich noch erleichtert sein, dass der einmal erwogene Verbund mit den Berlinern nicht zu Stande kam. Tja, wer nicht wagt, kann nicht viel verlieren. Er kann aber auch nicht viel gewinnen.
> Heribert Seifert ist Medienkorrespondent der NZZ in Deutschland.
Auch darf man die Grössenordnungen nicht aus dem Blick verlieren: Springer und ProSiebenSat1 haben 2004 zusammen 4,24 Milliarden Euro erwirtschaftet und dabei einen Gewinn von 600 Millionen erzielt. Bertelsmann – wo nicht nur harmlose Blätter wie Schöner Wohnen, sondern auch der Stern erscheinen – kam derweil auf 17 Milliarden Umsatz und 1,4 Milliarden Gewinn. Sowohl im Printsektor als auch im Fernsehen (mit der von Bertelsmann kontrollierten RTL-Gruppe) ist also für genügend Balance gesorgt.
Ökonomisch liegt ohnehin die Vermutung nahe, dass Springers Sprung eher einer Not folgt, als Ausdruck von Dominanzstreben ist. Denn der Konzern braucht ein zweites Standbein: Die Auflage der Bild-Zeitung sackt unaufhaltsam nach unten. Wenn Gratiszeitungen demnächst auch hier zu Lande flächendeckend durchgesetzt werden, wird das Reichweite und Werbeumsatz des Blattes weiter untergraben. Auf diesem Hintergrund scheint Springers Ziel, TV zu einer zweiten Erlösquelle auszubauen, als legitim und sinnvoll.
Doch diese Strategie hat ihren Preis: Mit mehr als 4 Milliarden Euro muss Springer ein Mehrfaches von dem bezahlen, was 2003 nach der Kirch-Pleite nötig gewesen wäre. Auf 3,6 Milliarden dürfte sich die Schuldenlast belaufen, die sich der Konzern ans Bein bindet. Da wird mancher im Hause Ringier nachträglich noch erleichtert sein, dass der einmal erwogene Verbund mit den Berlinern nicht zu Stande kam. Tja, wer nicht wagt, kann nicht viel verlieren. Er kann aber auch nicht viel gewinnen.
> Heribert Seifert ist Medienkorrespondent der NZZ in Deutschland.
