Einst Monopoly-Sieger, jetzt Sammler-Trophäen
Nicht nur in Amerika werden Zeitungen Liebhaber-Objekte. Es entsteht eine neue Generation von Medien-Baronen. Gastkommentar von Stephan Russ-Mohl, Leiter des Europäischen Journalismus-Observatoriums an der Universität Lugano.
Wer kauft unter heutigen Bedingungen noch Tageszeitungen? David Carr, der wohl prominenteste Medienjournalist der New York Times, hat soeben auf eine dramatische Veränderung der Eigentumsverhältnisse aufmerksam gemacht, die sich in den USA abzeichnet. Erst seien die Leser, dann die Inserenten den Zeitungen scharenweise davongelaufen. Dann hätten sich die Eigentümer-Familien davongestohlen, Hedgefonds und andere Spieler der Finanzbranche seien eingestiegen und hätten geglaubt, sie würden in der Talsohle der Marktentwicklung zugreifen. Neunmalkluge Investoren seien gekommen und gegangen. Jeder habe avisiert, er würde die Branche zur alten Grösse zurück und hin zu neuer Profitabilität führen – und sei «kahl geschoren», sprich mit Millionenverlusten von dannen gezogen. Als Beispiel nennt Carr den Philadelphia Inquirer. Dort hat es in den letzten fünf Jahren vier Eigentümerwechsel gegeben. Der jüngst erzielte Verkaufspreis von 55 Millionen Dollar sei gerade noch zehn Prozent dessen, was das Blatt noch im Jahr 2006 wert war.
Doch jetzt zeichne sich eine Trendwende ab: Weil es kein Geschäftsmodell gibt, das Zukunftsperspektiven eröffnet, würden Zeitungshäuser zu Sammler– und Liebhaberobjekten für Superreiche: «Nicht die wirklich Wohlhabenden», so Carr, seien die Käufer, «sondern jene, die sich vor langer Zeit von der gewöhnlichen, langweiligen Normalität wirtschaftlichen Alltagslebens verabschiedet haben.» Natürlich gebe es «andere teure Hobbys», aber irgendwann würden eben auch Oldtimer oder Landschaften aus dem 19. Jahrhundert überzählig, die sich solche Leute kaufen könnten. «Zeitungen mögen zwar keine Gewinne abwerfen», so Carr, «aber sie taugen für eine neue Form der Prahlerei. Wie reich ist er? Er kann sich eine Zeitung leisten, um sich lautstark bemerkbar zu machen.»
Eine ähnliche Entwicklung haben wir in jüngster Zeit auch in Ost- und Südosteuropa sowie bereits in Grossbritannien erlebt. Im Osten und im Südosten Europas sind es lokale Oligarchen, die ins Zeitungsgeschäft einsteigen. In Grossbritannien war es ein russischer Milliardär, der sich vor Putin und seinen Schergen in Sicherheit gebracht hat und seither den Londoner Markt aufmischt. In den USA nennt Carr sie die neuen «Newspaper Barons». Dort hat sich ausgerechnet Warren Buffett an die Spitze der Bewegung gesetzt und in seiner Heimatstadt den Omaha World-Herald eingesackt – nachdem er noch vor drei Jahren beim Aktionärstreff seines Unternehmens, der Berkshire Hathaway, seinen Aktionären erklärt hatte, Zeitungen verhiessen «endlose Verluste», und er würde «um keinen Preis» eine kaufen wollen. In San Diego, in Philadelphia und anderswo gibt es ähnliche Engagements. Die Motive der Einsteiger dürften sich gleichen, und zumindest einer der neuen amerikanischen Mogule legt sie auch geradezu verblüffend freimütig offen: Douglas F. Manchester, Immobilienunternehmer in San Diego und neuer Eigentümer der San Diego Union Tribune, hat seinen Redakteuren aufgetragen, zugunsten weiterer Stadtentwicklungsprojekte und eines neuen Stadions zu schreiben. Das erinnert an das Gebaren anderer Zeitungsbarone wie William Randolph Hearst in der Goldgräber-Ära Kaliforniens, bevor sich in Amerika der Journalismus professionalisiert hat. Ist die Schweiz Lichtjahre von solch bedrohlichen Entwicklungen entfernt? Oder hinkt sie womöglich nur dem Trend ein paar Jahre hinterher, der sich ja nicht nur in Amerika, sondern eben auch zumindest da und dort in Europa abzeichnet? Ein Gedankenexperiment mag helfen: Stellen wir uns vor, auch bei uns verstärke sich die Abwanderung von Print ins Internet rapide, und Zeitungen einschliesslich der vorerst noch hoch profitablen Gratisblätter würden immer unrentabler. Wer würde dann bei Tamedia, bei Ringier, in der NZZ-Gruppe wohl einsteigen, wenn die derzeitigen Eigentümer sich von ihren zur Last gewordenen Besitztümern trennen wollten? Vermutlich ebenfalls vor allem solche Investoren, die mithilfe ihrer Medien Macht ausüben und Einfluss nehmen wollen.
Das tun in Ost- und Südosteuropa die neuen Oligarchen bereits recht hemmungslos überall dort, wo westliche Investoren wie in Polen die Mecom oder auf dem Balkan die WAZ-Gruppe das Weite gesucht haben. Die dortigen neuen Medienzaren agieren weitgehend unbeobachtet von der westlichen Öffentlichkeit – obschon man ja eigentlich angetreten ist, gemeinsam ein demokratisches, freiheitliches Europa zu bauen. Auch hier könnte es ein böses Erwachen geben, wenn wir zu lange vor den Realitäten die Augen verschliessen.
