Eine Branche im Legitimationsnotstand
Das Vertrauen in die «vierte Macht» bröckelt, die Forderungen nach Wirkungsnachweisen des Journalismus werden lauter. Antreiber dieser überfälligen Diskussion sind bezeichnenderweise aber nicht kommerzielle Mainstream- Medien, sondern (selbst-) kritische Non-Profit-Plattformen. Von Oliver Classen
«Prost Wahlzeit!» hiess es am 21. September in 41 Millionen deutschen Briefkästen. Die am Tag vor der Bundestagswahl an alle Haushalte gratis verteilte Bild-Sonderausgabe war wohl die aufwendigste Wahlempfehlung der jüngsten Geschichte. Überraschender noch als die Grossaktion selbst war, dass damit nicht für diese oder jene Partei, sondern für die Ausübung des wichtigsten demokratischen Grundrechts an sich geworben wurde. «Geht wählen», beschwörte der Chefredaktor seine Mitbürger/innen. Erstwähler und Altkanzler unterstützten seinen Aufruf. Und tatsächlich: Nach Jahren sinkender Wahlbeteiligung stieg diese für die Legitimation demokratischer Regierungen entscheidende Kennzahl wieder an, und zwar gleich um 4 auf stolze 73 Prozent. Ob und wie viel der Springer-Konzern mit deiner «Wahl-Bild» dazu beigetragen hat, war und ist Gegenstand lebhafter Diskussionen.
Aber klar: Die Frage nach der gesellschaftspolitischen Effektivität von Journalismus und dessen Messbarkeit ist fast so alt wie die Branche selbst. Halten Medien uns nur den Spiegel vor oder bewirkt ihre Arbeit konkrete Veränderungen oder allgemeinen Wertewandel? Auf dem Hintergrund von Pressekrise, Qualitätsdebatte und Glaubwürdigkeitsschwund ist dies – und nicht das Geschäftsmodell – die eigentliche Gretchenfrage eines in die Bredouille geratenen Berufsstandes. Stellen tun sie sich jedoch (noch) weniger kommerzielle Verleger oder kritische Medienpolitiker als vor allem die Financiers von investigativem Non-Profit-Journalismus. Denn im Gegensatz zu ihren gewinnorientierten Kollegen interessieren sich Gönner rechercheintensiver Online-Publizistik für werberelevante Reichweiten oder zeitgeistige Likes und Shares in sozialen Netzwerken bloss als quantitative Mittel zu einem qualitativen Zweck: dem Aufdecken von Missständen und dem Anstossen von Reformen.
Für die führende US-Stiftung Pro Publica sind auch Pulitzer-preise keine entscheidenden Erfolgsausweise. Zwei hat der 40-köpfige «Newsroom for Journalism in the Public Interest» schon gewonnen, in seiner kürzlich publizierten Studie «Issues on Impact » finden sie aber keine Erwähnung. Das Thesenpapier liefert nach Medientypen aufgeschlüsselte Wirkungsdefinitionen, beschreibt Reichweite als notwendige, aber keineswegs hinreichende Voraussetzung für Wirkung und unterscheidet zwischen anwaltschaftlichem und investigativem Journalismus («Der erste Typus setzt die richtigen Antworten schon voraus, welche der zweite durch die richtigen Fragen erst noch finden muss»). DAS Mass zur Messung der sozialen, politischen oder juristischen Effekte ihrer Storys hat allerdings auch Pro Publica bislang nicht gefunden. Was die Avantgardisten aus New York aber nicht davon abhält, weiter nach diesem heiligen Gral des demokratierelevanten Journalismus zu suchen.
Und bei uns? Selbst im Jahrbuch von Qualitätsguru Kurt Imhof findet sich kein Hinweis auf etwaige Zusammenhänge zwischen der notorisch tiefen Wahlbeteiligung und der mangelnden politisierenden Wirkung des Schweizer Journalismus. Dabei ist die aktive Partizipation am demokratischen Prozess wohl der einzig objektive Messwert für übergeordnete Medienwirkung. Ein weiteres Indiz für den wachsenden Legitimationsnotstand der Branche ist die ungebrochene Reformfeindlichkeit in der Alpenrepublik.
Höchste Zeit also für eine flächendeckende Gratisausgabe aus dem Hause Ringier oder Tamedia zu den Parlamentswahlen im Herbst 2015. Ungleich wirkungsvoller und nachhaltiger wäre jedoch die Gründung eines helvetischen Pro-Publica-Äquivalents. Innovatives Geld und investigativen Geist gäbe es dazu zwischen Rhein und Rhone ja eigentlich genug …
Oliver Classen ist Mediensprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern. Zuvor arbeitete er als Medienjournalist.
