Diener der Inhalte

Matthias Saner von Sanerstudio ist Kopf und Herz hinter dem Online-Design von Tagesanzeiger, Bilanz, Handelszeitung, Le Matin, Bernerzeitung, 24 Heures, Bund und Züritipp. Sein Credo: «Design ist dann gut, wenn man es nicht bemerkt.»

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Was Matthias Saner gestaltet, ist schlicht, wohltuend für das Auge, klassisch und sehr weiss. Und dabei dennoch modern und überraschend. Und es funktioniert – was besonders wichtig ist, denn Saner ist Spezialist für Online, Mobile und Apps. Und ein Könner darin, diese Kanäle mit Print unter einen gestalterischen Hut zu bringen, ohne die über lange Zeit tradierten Markeneigenschaften des Produkts aus dem Blick zu verlieren. Saner ist es wichtig, dass Design nicht zum Selbstzweck wird: «Gerade beim Editorial-Design halte ich es für zentral, dass man den Inhalt zur Geltung bringt und nicht nur schöne Knöpfe und tolle Farbflächen bastelt», sagt er. «Als Designer stehe ich in erster Linie im Dienst des Lesers, denn nur wenn die Zeitung viele Leser hat, kann man sie verkaufen, kann man Werbung verkaufen. Design ist keine Kunst, sondern ermöglicht die optimale Nutzung eines Angebots. Es muss alles gut funktionieren – und trotzdem muss es schön aussehen.» Dass es Saner gelingt, diesen Anspruch in die Realität umzusetzen, belegen die vielen positiven bis euphorischen Reaktionen auf sein Tagi-Re-Design (siehe Zitate rechts oben).

Inhalte im Mittelpunkt

«Beim Re-Design eines Titels geht es oft auch darum, hochwertiger auszusehen als zuvor, besonders wenn eine Paywall eingeführt werden soll», erklärt Saner. «Ausserdem soll das Leseerlebnis gesteigert und der Brand mit Blick auf die konvergenten Redaktionen nochmals gestärkt werden. Beim Tagi zum Beispiel wollten wir ein einziges Produkt über die verschiedenen Kanäle schaffen, damit der User immer ‹seinen Tagi› wiedererkennt und eine gemeinsame DNA spürt, egal auf welchem Gerät er die Zeitung liest.» Bei der Auswahl der Schriften und Farben orientierte Saner sich deshalb stark am Design der Printausgabe, die Druckversion wurde im Gegenzug um Gestaltungselemente ergänzt, die für Online wichtig sind. «Die grösste Herausforderung ist die Anpassung des Designs an die verschiedenen Bildschirmformate – Desktop, Mobile und Pad – und das von Oberfläche zu Oberfläche variierende Nutzungsverhalten», betont Saner. «Der eine schaut einmal am Tag rein, der andere mehrmals täglich während der Kaffeepausen. Wir müssen alle diese Leser gleichermassen abholen. Die Klammer ist eine visuelle Sprache über alle Geräte.»

Während Zeitungen und Magazine derzeit mittlere bis grosse Sprünge wagen, um beim Kampf um die Mobile-Leserschaft vorn dabei zu sein, hinkt die Werbung kläglich hinterher. «Ich staune, wie langsam sich der Werbemarkt im digitalen Bereich entwickelt», sagt Saner. «Die Werber finden scheinbar, die klassische Displaywerbung genüge. Werbung stört online ganz häufig, Interaktivität beschränkt sich darauf, dass ich die Banner wegklicke, und man versucht, mich auf eine andere Website zu locken, um Klicks zu generieren. Dabei könnte man an Ort und Stelle so viel erzählen und spannende Sachen machen.»

Mens sana in corpore Saner

Matthias Saner startet nach seiner Matura 1990 mit einem Informatikstudium. Doch er merkt schnell: Nur Nullen und Einsen sind nicht meine Welt. Er sattelt um und belegt einen Grafikfachkurs an der damaligen Schule für Gestaltung, der heutigen ZHdK. Nach dem Diplom arbeitet er ein Jahr lang in einem Grafikbüro in Hongkong, danach gründet er in Zürich mit drei Partnern die Firma Popeye, ein Unternehmen für Webdesign. «Ende der 1990er- Jahre wurde das Internet für Grafik und Design interessant und wer ein wenig davon verstand, war sofort gut im Geschäft», erinnert sich der Designer. 2003 beginnt Saners Liaison mit dem Tagi: Er steigt zunächst als Teilzeit-Art-Director für den digitalen Bereich ein, mit dem Start des Newsnet konzentriert er sich Vollzeit auf die Zeitung. Trotzdem spielt er dauernd mit dem Gedanken, sich wieder selbstständig zu machen. 2012 ist es so weit: Saner gründet Sanerstudio. «Als Art-Director beim Tagi /Newsnet hatte ich mich vorrangig darum gekümmert, neue Sachen zu entwickeln sowie Bestehendes zu erneuern, zu verbessern und an veränderte Bedürfnisse anzupassen», erzählt Saner. «Als ich mich dann selbstständig machte, bekam ich gleich das Mandat für ein Re-Design des Tagesanzeigers, das zusammen mit der Paywall gelauncht wurde.» Schon viele grosse Schweizer Zeitungs- und Zeitschriftentitel haben auf Saners Pult ein neues oder frischeres Gesicht erhalten, darunter die Handelszeitung und die Bilanz. Doch seit Saner binnen eines Jahres den Print- und Onlineauftritt des Tagesanzeiger sowie dessen Mobile- und Pad-Version inklusive Apps neu gestaltet hat, ist er einer der gefragtesten Editorial-Designer des Landes. Saner selbst verbucht die Konzeption und Umsetzung der ersten Tagi-iPad-App als sein bisher grösstes berufliches Highlight. Aktuell arbeitet er am Roll-out der Paywall für die verschiedenen Tamedia-Titel. Ausserdem hat Saner eine App für 20 Minuten und ein Projekt für Annabelle auf dem Tisch, und er entwickelt gemeinsam mit einem Fotografen und einer Logopädin verschiedene Bildungsapps. Auch bei diesen Arbeiten darf man die typisch sanersche Handschrift erwarten: ruhig, weiss, Funktionen unterstützen den Inhalt, Design stärkt die Marke.

Händchen für die Zukunft

Wer Online, Mobile und Apps gestaltet, braucht nicht nur ein Gespür dafür, ob Anwendungen funktionieren, sondern auch, wie sie in Zukunft noch funktionieren könnten – er braucht also ein Händchen für das Kommende. Saner profitiert bei seiner Arbeit von seiner Affinität zur Technologie: Er selbst arbeitet zwar visuell, begreift aber auch die Arbeit der Programmierer, kann einschätzen, welche Funktionen einer Website oder App sinnvoll und möglich sind und welche nicht. «Besonders spannend finde ich dynamische Benutzeroberflächen mit animierten Inhalten, bei denen nicht einfach die nächste Seite da ist, wenn ich einen Knopf drücke, sondern die Seite sich vor meinen Augen aufbaut», erklärt der Designer. «So etwas ist im besten Fall nicht nur ein cooler Effekt, sondern macht die Architektur einer Seite verständlicher. Und das ganz intuitiv, sodass man mit dem Design noch mehr zurückgehen kann. Solche Sachen machen ein Interface viel besser und attraktiver.»

Wenn Saner neuen Designideen Gestalt gibt, ist er erstaunlich offline: «Ich zeichne dann sehr viel auf Post-its», verrät er. «Die kleinen gelben Zettel zwingen einen, seine Gedanken auf engstem Raum konzentriert zu skizzieren.» Bei den komplexen Verzahnungen im digitalen Raum besteht leicht die Gefahr, den Überblick zu verlieren. Schrittweises Konzipieren und Visualisieren ist also gefragt. «Ich probiere immer sehr rasch aus, ob meine Idee funktioniert», sagt Saner. «Heute entwickelt man nicht mehr ein Design, das hinterher von Programmierern umgesetzt wird, heute arbeiten Designer und Programmierer Hand in Hand.» Saner arbeitet eng mit dem Art-Director und dem Entwickler-Team seines jeweiligen Auftraggebers zusammen. Überhaupt stemmt er seine Riesenprojekte nicht im Alleingang. Er beschäftigt eine Designerin und ist auch weiterem Wachstum nicht abgeneigt: «Wir haben sehr viel zu tun und könnten noch Unterstützung gebrauchen », sagt Saner. «Aber es ist nicht mein Ziel, Sanerstudio ganz schnell ganz gross zu machen.» Trotz seines Erfolgs ist der Designer bescheiden geblieben. Er ist glücklich, wenn sein Kunde ihm vertraut, ihm für seine Arbeit grosse Freiheiten und vor allem die nötige Zeit lässt: «Etwas wird gut und macht Spass, wenn man es entwickeln kann, bis es wirklich funktioniert – was nicht heissen muss, dass es nicht schnell geht. Dann ist es toll zu sehen, wie viele Menschen jeden Tag die Web- und Mobile- Seiten und Apps nutzen, die wir gestaltet haben. Das ist für mich das grösste Lob und die schönste Bestätigung meiner Arbeit.» Als Bub wollte Matthias Saner Astronaut werden. Abzuheben, ohne die Bodenhaftung zu verlieren, ist ihm auf jeden Fall schon einmal gelungen.

Anne-Friederike Heinrich

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