Die Umerziehung hat begonnen
Mehrwert schaffen: Frankreichs Zeitungen proben die Zukunft, specken ab und rüsten auf. Auch mit Staatshilfe. Von Jürg Altwegg, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf und Buchautor.
Sind es die Relaunchs der letzten Chance? Libération und Le Figaro haben in diesem Herbst das inhaltliche Konzept und die Aufmachung stark verändert. Le Monde legt ein Wochenendmagazin bei – die Tageszeitung wurde bereits vor ein paar Monaten mit Erfolg geliftet. In den Redaktionen herrscht Aufbruchstimmung. Die Zeitungen sind dünner, aber keineswegs schlechter geworden. Verzweifelt suchen sie die Abstimmung mit dem Internet: Was gehört gedruckt, was kommt ins Netz?
Wer durch das Portal von Libération surft, stösst neuerdings bei jedem zweiten oder dritten Klick an die Grenzen von gratis: Sie verlassen den frei zugänglichen Bereich, dieser Artikel ist nur für Abonnenten oder gegen Einzelbezahlung zugänglich. Das ist eine für den Online-Nutzer dieser einst von Maoisten um Jean-Paul Sartre gegründeten Zeitung völlig neue und frustrierende Erfahrung. Da ist man schnell einmal versucht, die Kreditkarte zu zücken. Pro Monat kostet der Zugang zu den Inhalten sechs oder zwölf Euro. Auch die teurere Variante ist bedeutend billiger als ein halbes Jahresabonnement der gedruckten Zeitung und wird von jenen, die überhaupt zum Zahlen bereit sind, ganz offensichtlich bevorzugt. Sie erschliesst eine enge Bindung an die Zeitung – die man auch viele Stunden bevor sie in den Kiosken oder Briefkästen liegt, als E-Paper lesen kann.
Gedruckt ist die neue Libération eine attraktive und gediegene Zeitung. Die Zahl der aufgegriffenen Themen wurde deutlich reduziert, dafür wird ihnen mehr Raum und mehr redaktioneller Aufwand gewidmet. Mehr Tiefe und mehr Hintergrund, mehr Meinung und mehr Distanz lautet die Devise. Jeden Tag analysiert die Zeitung ein Ereignis unter dem Aspekt der Medienkritik – Titel der Rubrik: «Desintox». Wie kam die Geschichte in die Welt, wer hat sie lanciert, was wurde von wem und wo dazu gesagt? Das ist ein neuer Ansatz und ein sehr zeitgemässer Umgang mit der Aktualität im Medienzeitalter – ganz besonders im Reiche von Sarkozy, der die Manipulation der öffentlichen Meinung auf die Spitze treibt.
Die Zahl der legendären Meinungsseiten wurde auf täglich drei erhöht. Zwar ist das Echo auf eine Veröffentlichung im Internet oftmals grösser, doch die Autoren wollen gedruckt werden. Das gilt auch für die Redaktoren und Journalisten. Sie stöhnen zwar unter dem insgesamt eingeschränkten Platzangebot, freuen sich aber, dass die Artikel auch wieder länger sein dürfen.
Nach mehreren Entlassungswellen arbeiten die Redaktoren mehr denn je, aber die Motivation ist gross wie schon lange nicht mehr und die Stimmung, die in Richtung Selbst- und Weltuntergang tendierte, wieder zuversichtlicher.
«Viele Zeitungen werden sterben», erklärt der Chef des Figaro, Etienne Mougeotte. Auch die konservative Zeitung des Flugzeugbauers Serge Dassault erscheint in neuer Aufmachung. Wie anderswo ist von «Mehrwert» die Rede. Mougeotte legt ein flammendes Bekenntnis zum gedruckten Wort ab: Die gedruckte Ausgabe soll das Flaggschiff bleiben. Das Format wurde leicht reduziert und der Umfang: Zehn Prozent weniger Stoff wird geboten. Doch gleichzeitig wird die literarische Tradition herausgestrichen: Die Feder als Logo des Figaro ist auf den Zeitungskopf zurückgekehrt.
Das Portal wird in ein paar Monaten verändert – noch weiss man nicht genau, welche Bereiche nur noch gegen Bezahlung eingesehen werden können. Mehr als jeder anderen Zeitung geht es dem Figaro darum, die meisten Zugriffe ausweisen zu können. Am weitesten ist Le Monde: Das Blatt hat mehrere zehntausend Online-Abonnenten. Für 6 Euro pro Monat gibt es die Zeitung im Netz, und darin ist auch der Zugang zum Archiv eingeschlossen – das E-Paper allerdings kostet sehr viel mehr.
Die Lage in Frankreich ist für die meist kapitalschwachen Zeitungen sehr viel schwieriger als in Deutschland und auch in der Schweiz: Es gibt eine starke Gratispresse und mehrere durchaus ernstzunehmende Informationsportale, meist von renommierten Journalisten begründet, die sich bei den Entlassungswellen für die hohen Abgangsentschädigungen entschieden. Vor einem Jahr organisierte die Regierung «Generalstände der Presse». Die Zahl der Verkaufsstellen soll erhöht, die Zustellung nach Haus muss verbessert werden. Eine der vielen Massnahmen, die inzwischen eingeführt wurden, hat stark eingeschlagen: Die Gratisabonnements für Jugendliche – der Staat zahlt mit – sind ein Riesenerfolg. Das Kontingent wurde rasch ausgeschöpft, zum Teil machen die Verlage mit ausschliesslich selbstfinanzierten Aktionen weiter. Zwar bekommen die Jungen die Zeitung nur an einem Tag in der Woche, aber es gibt die Hoffnung, dass sie auf den Geschmack kommen. Die Redaktionen haben weniger den Eindruck, an der jungen Generation vorbei zu schreiben. Es ist der Herbst, in dem in Paris die Blätter blühen – auch wenn niemand weiss, ob dereinst die Früchte spriessen werden.
Wer durch das Portal von Libération surft, stösst neuerdings bei jedem zweiten oder dritten Klick an die Grenzen von gratis: Sie verlassen den frei zugänglichen Bereich, dieser Artikel ist nur für Abonnenten oder gegen Einzelbezahlung zugänglich. Das ist eine für den Online-Nutzer dieser einst von Maoisten um Jean-Paul Sartre gegründeten Zeitung völlig neue und frustrierende Erfahrung. Da ist man schnell einmal versucht, die Kreditkarte zu zücken. Pro Monat kostet der Zugang zu den Inhalten sechs oder zwölf Euro. Auch die teurere Variante ist bedeutend billiger als ein halbes Jahresabonnement der gedruckten Zeitung und wird von jenen, die überhaupt zum Zahlen bereit sind, ganz offensichtlich bevorzugt. Sie erschliesst eine enge Bindung an die Zeitung – die man auch viele Stunden bevor sie in den Kiosken oder Briefkästen liegt, als E-Paper lesen kann.
Gedruckt ist die neue Libération eine attraktive und gediegene Zeitung. Die Zahl der aufgegriffenen Themen wurde deutlich reduziert, dafür wird ihnen mehr Raum und mehr redaktioneller Aufwand gewidmet. Mehr Tiefe und mehr Hintergrund, mehr Meinung und mehr Distanz lautet die Devise. Jeden Tag analysiert die Zeitung ein Ereignis unter dem Aspekt der Medienkritik – Titel der Rubrik: «Desintox». Wie kam die Geschichte in die Welt, wer hat sie lanciert, was wurde von wem und wo dazu gesagt? Das ist ein neuer Ansatz und ein sehr zeitgemässer Umgang mit der Aktualität im Medienzeitalter – ganz besonders im Reiche von Sarkozy, der die Manipulation der öffentlichen Meinung auf die Spitze treibt.
Die Zahl der legendären Meinungsseiten wurde auf täglich drei erhöht. Zwar ist das Echo auf eine Veröffentlichung im Internet oftmals grösser, doch die Autoren wollen gedruckt werden. Das gilt auch für die Redaktoren und Journalisten. Sie stöhnen zwar unter dem insgesamt eingeschränkten Platzangebot, freuen sich aber, dass die Artikel auch wieder länger sein dürfen.
Nach mehreren Entlassungswellen arbeiten die Redaktoren mehr denn je, aber die Motivation ist gross wie schon lange nicht mehr und die Stimmung, die in Richtung Selbst- und Weltuntergang tendierte, wieder zuversichtlicher.
«Viele Zeitungen werden sterben», erklärt der Chef des Figaro, Etienne Mougeotte. Auch die konservative Zeitung des Flugzeugbauers Serge Dassault erscheint in neuer Aufmachung. Wie anderswo ist von «Mehrwert» die Rede. Mougeotte legt ein flammendes Bekenntnis zum gedruckten Wort ab: Die gedruckte Ausgabe soll das Flaggschiff bleiben. Das Format wurde leicht reduziert und der Umfang: Zehn Prozent weniger Stoff wird geboten. Doch gleichzeitig wird die literarische Tradition herausgestrichen: Die Feder als Logo des Figaro ist auf den Zeitungskopf zurückgekehrt.
Das Portal wird in ein paar Monaten verändert – noch weiss man nicht genau, welche Bereiche nur noch gegen Bezahlung eingesehen werden können. Mehr als jeder anderen Zeitung geht es dem Figaro darum, die meisten Zugriffe ausweisen zu können. Am weitesten ist Le Monde: Das Blatt hat mehrere zehntausend Online-Abonnenten. Für 6 Euro pro Monat gibt es die Zeitung im Netz, und darin ist auch der Zugang zum Archiv eingeschlossen – das E-Paper allerdings kostet sehr viel mehr.
Die Lage in Frankreich ist für die meist kapitalschwachen Zeitungen sehr viel schwieriger als in Deutschland und auch in der Schweiz: Es gibt eine starke Gratispresse und mehrere durchaus ernstzunehmende Informationsportale, meist von renommierten Journalisten begründet, die sich bei den Entlassungswellen für die hohen Abgangsentschädigungen entschieden. Vor einem Jahr organisierte die Regierung «Generalstände der Presse». Die Zahl der Verkaufsstellen soll erhöht, die Zustellung nach Haus muss verbessert werden. Eine der vielen Massnahmen, die inzwischen eingeführt wurden, hat stark eingeschlagen: Die Gratisabonnements für Jugendliche – der Staat zahlt mit – sind ein Riesenerfolg. Das Kontingent wurde rasch ausgeschöpft, zum Teil machen die Verlage mit ausschliesslich selbstfinanzierten Aktionen weiter. Zwar bekommen die Jungen die Zeitung nur an einem Tag in der Woche, aber es gibt die Hoffnung, dass sie auf den Geschmack kommen. Die Redaktionen haben weniger den Eindruck, an der jungen Generation vorbei zu schreiben. Es ist der Herbst, in dem in Paris die Blätter blühen – auch wenn niemand weiss, ob dereinst die Früchte spriessen werden.
