Die Organisatorin
Als Geschäftsführerin der Textagentur Etextera unterstützt Ruth Hardegger-Wickli Frauen dabei, Job und Familie unter einen Hut zu bringen. Das erfordert Koordinationsgeschick.

Koordinieren und organisieren, das liegt Ruth Hardegger-Wickli im Blut. Jahrelang hat die Betriebswirtin im Bahngeschäft Kommunikationsprojekte geleitet. Bei den SBB war sie als Kommunikations-Managerin und stellvertretende Chefredaktorin von Sbb.ch tätig, danach wechselte sie als Projektleiterin Multimedia zur BLS. Gleichzeitig leitete Ruth Hardegger-Wickli zusammen mit ihrem Mann das «Projekt Familie». Dreimal wöchentlich musste sie dafür sorgen, dass die externe Betreuung der Kinder funktionierte. Früh morgens lieferte sie den Nachwuchs ab, war tagsüber im Büro und kehrte abends wieder in ihre Rolle als Mutter zurück. Solange alle Rädchen ineinander griffen, funktionierte das System. Sobald eines ausfiel, zum Beispiel ein Kind krank wurde, geriet die Maschinerie ins Stocken. In dieser Zeit kam Ruths Mann Sascha Hardegger auf die Idee, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Eine Agentur, die Frauen dabei unterstützt, Beruf und Familie unter einen Hut bringen, indem sie ihre Arbeit flexibel einteilen und von zu Hause aus erledigen können. Noch während Ruth Hardegger- Wickli für die BLS im Einsatz stand, begann der Kommunikationsprofi in seiner Freizeit mit dem Aufbau der Firma. Er entwickelte den Auftritt und rührte bei Firmen die Werbetrommel. Richtig los ging es 2010, als Ruth Hardegger- Wicklis befristeter Vertrag bei der BLS auslief und sie die Geschäftsführung von Etextera übernahm. Texterinnen einzustellen, war noch der einfachste Part beim Geschäftsaufbau. «Wir erhalten wöchentlich Anfragen von Frauen, die für uns schreiben wollen.»
Härter erarbeitet werden mussten dagegen die Kunden. Kleinen Unternehmen fehle häufig das Geld, extern schreiben zu lassen, oder das Wissen sei weniger stark ausgeprägt, was ein schlechter Text anrichten kann. So gehören heute zum Kundenstamm von Etextera vor allem grosse und mittelgrosse Unternehmen, etwa die Allianz Suisse, Wago Contact, der Kanton Basel-Landschaft, Local.ch oder die Klubschule Migros.» Letztere hat Etextera damit beauftragt, für ihre neue Website die Texte neu zu verfassen. «Ein total cooler Auftrag», schwärmt Hardegger-Wickli. Die Agentur musste beim Texten nicht nur den Stil der Klubschule treffen, sondern auch dem Charakter des jeweiligen Kursangebots gerecht werden. Von der Sprach- oder Informatikweiterbildung über die Tanzlektion bis hin zum Kochkurs war alles dabei. Als zusätzliches Kriterium kam die Suchmaschinenoptimierung hinzu.
Während Hardegger-Wickli in der Startphase noch fleissig selber in die Tasten griff, überlässt die CAS PR-Redaktorin dies heute ihren «Damen». «Die schreiben viel effizienter als ich.» Hardegger-Wicklis Stärke liegt klar im organisatorischen Bereich. Als Geschäftsführerin ist sie die Schaltstelle zwischen den Kunden und den Freelancerinnen. Von ihrem Home Office in Schmitten im Kanton Freiburg aus koordiniert sie Anfragen, wählt die richtigen Texterinnen aus und übernimmt die Projektleitung. Darüber hinaus organisiert sie die Vermittlung von Moderatorinnen sowie Text- und Social-Media- Schulungen für Kunden.
Hardegger-Wickli ist das Aushängeschild von Etextera – und der Qualitätsgarant der Agentur. «Bei uns geht kein Text raus, ohne dass ich ihn gegengelesen habe», so die Geschäftsführerin. Sie prüft, ob ein Text auf den Punkt geschrieben ist, ob die Botschaft so rüberkommt, wie vom Unternehmen intendiert und ob der Text für die Zielgruppe geeignet formuliert ist: im einen Fall, ob der für Fachspezialisten gedachte Text der Terminologie gerecht wird, im anderen, ob das «Fachchinesisch» so übersetzt wurde, dass es auch für den Laien verständlich ist.
Locker flockig
Hardegger-Wickli gibt sich unbeschwert. Auf der Website präsentiert sie sich nicht nur im Business- Outfit, sondern zeigt sich daneben in Freizeitmontur – oder besser gesagt im Sportdress. «Wir sind nicht die stiere Agentur, die geschniegelt und gestriegelt daherkommt. Ans Kundengespräch gehe ich nicht im Deux Pièce.»
Ihre Lockerheit sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Hardegger-Wickli streng strukturiert und durchorganisiert arbeitet. «Mit Ruth Hardegger-Wickli hat man eine verlässliche Partnerin an der Seite», sagt etwa Franziska Rodel, Geschäftsleitungsassistentin des Software-Herstellers Diartis. «Sie behält zu jedem Zeitpunkt den Überblick – egal wie chaotisch es zu und her geht.» Ihre Auftraggeber versucht Hardegger-Wickli weiterzubringen. Wenn ihr etwas suboptimal erscheint, schaltet sie sich ein. Dies schätzen ihre Kunden. «Ruth Hardegger-Wickli gibt klares Feedback und bringt – auch unaufgefordert – Verbesserungsvorschläge » so Manfred Lehmann, Marketing Manager beim Technikunternehmen Wago Contact. «Ich sehe meine Funktion als eine beratende.» Und mit diesem Ansatz ist Etextera schon mehrmals von einem reinen Text-Auftrag zu einem grös- seren Projekt gelangt. Das Software-Unternehmen Diartis beispielsweise wollte lediglich die Produktblätter und das Kundenmagazin überarbeitet haben. Am Schluss wurde – unter Beiziehen einer zweiten Agentur – ein neuer Gesamtauftritt realisiert. Eine Festzeitschrift einer Regionalbank, die eigentlich nur redigiert werden sollte, wurde schliesslich komplett überarbeitet. «Alles andere wäre hinausgeworfenes Geld gewesen.»
Ja, können Frauen denn schreiben?
Dass, wer Etextera engagiert, in Frauenhand ist, interessiert die einen sehr, die anderen gar nicht. «Für uns war die Flexibilität und Schnelligkeit der Agentur entscheidend. Ob es im Hintergrund eine Frau oder ein Mann ist, war zweitrangig», so Lehmann. Bei anderen Unternehmen öffnet sich die Tür für Etextera gerade auf Grund der Agenturphilosophie. «Grundsätzlich stösst Etexteras Idee, Frauen zu unterstützen, bei vielen Kunden auf Wohlwollen», erklärt Ruth Hardegger-Wickli. «Firmen können über uns indirekt Frauenförderung betreiben, das ist klar. Am Schluss zählt allerdings nur die Leistung.» Die Agenturleiterin weiss genau, in welchen Fällen sie ihr Modell zu Vermarktungszwecken einsetzen kann – und wann sie lieber andere Argumente in den Vordergrund stellt. Hardegger-Wicklis wichtigstes Verkaufsargument ist denn nie die Frauenförderung. Vielmehr streicht sie die Vorteile heraus, die sich für Kunden durch die Grösse und Vielfältigkeit der Textagentur ergeben. Mit über 20 Redaktorinnen und Werbetexterinnen versammelt sich unter dem Etextera-Dach Know-how aus den unterschiedlichsten Bereichen. Das grosse Netzwerk erlaubt es ausserdem, Aufträge innert kürzester Zeit auszuführen.
So sympathisch Etexteras Philosophie bei den einen ankommt; in manchen Fällen verkehrt sich der «Frauenbonus» ins Gegenteil. «Ja, können die Frauen auch etwas oder sehen sie nur gut aus?» Die Klischees kennt Hardegger-Wickli bestens. Beeindrucken lässt sie sich davon nicht. «So etwas erlebt man als Frau doch überall.» Häufig gefragt wird Ruth Hardegger-Wickli ebenso, ob Väter bei Etextera willkommen seien. Dann sagt sie jeweils elegant: «Wir wollen unserer Philosophie treu bleiben.» Einziger Mann an Bord bleibt vorerst ihr Mann Sascha Hardegger, der «Quotenmann». Ebenso wenig geplant ist es, neben dem Hauptsitz in Schmitten ein weiteres Büro in Bern oder Zürich zu eröffnen. «Wir kamen zum Schluss, dass ein zweiter Standort momentan nicht nötig ist.» Mit Kunden und Mitarbeiterinnen kommuniziert Ruth Hardegger-Wickli in erster Linie über Mail und Telefon. «Und ansonsten bin ich mit dem Zug schnell in Bern oder Zürich. Oder in Landquart.» Dem Home-Office-Modell bleibt Hardegger- Wickli treu. Nach den geregelten Jobs geniesst die Geschäftsführerin die gewonnene Freiheit. Die Arbeitszeit flexibler gestalten zu können, die Kinder ins Training zu fahren oder bei den Hausaufgaben zu helfen, das bedeutet ihr viel. Dass dafür der eine oder andere Feierabend drauf geht, nimmt die Geschäftsführerin gerne in Kauf.
Die nötige Disziplin, die es im Heimbüro braucht, bringt Hardegger-Wickli mit Leichtigkeit auf. Das verlangt sie auch von ihren Mitarbeiterinnen. «Mir ist egal, wann die Frauen ihre Texte schreiben. Sie müssen nur rechtzeitig liefern. » So streng sich die Geschäftsführerin auf der einen Seite zeigt, so verständnisvoll kann sie auf der anderen Seite sein. Stecken ihre Damen privat in einer schwierigen Situation, hat Hardegger- Wickli stets ein offenes Ohr. «Meine Mitarbeiterinnen wissen, dass sie mit mir auch über Kinder oder Familie reden können. » Sie kann nachempfinden, was es heisst, wenn ein Kind krank ist – oder es einen Engpass bei der Betreuung gibt. Dann ist eben einmal mehr ihr Organisationstalent gefragt.
Isabel Imper
