Die Marke Schweiz braucht eine Lobby

Kolumne Das helvetische Selbstzerfleischungsritual ist wohl kaum die adäquate Reaktion auf die Bankenkrise und schadet dem Marktplatz und der Marke Schweiz.

 
Kolumne Das helvetische Selbstzerfleischungsritual ist wohl kaum die adäquate Reaktion auf die Bankenkrise und schadet dem Marktplatz und der Marke Schweiz. 
Wenn von all den Kommunikationsdisziplinen die Rede ist, die eine Marke prägen, formen und beeinflussen, dann kommt Lobbying praktisch nie vor. Lobbyisten werden argwöhnisch betrachtet als die Zauberlehrlinge eines tendenziell korrupten oder zumindest klientelistischen Systems, von dem man lieber die Finger lassen sollte.Diese Berührungsängste kennen unsere europäischen Nachbarn, insbesondere unsere Freunde von der englischen Insel, die wie wir gerne ihre Eigenheiten und ihre gänzlich unvergleichliche nationale Seele betonen, nicht. Ein besonders schönes Beispiel dafür lieferte die Berichterstattung über die Milliardenabschreiber bei der UBS.
Während die veröffentlichte Meinung in helvetischen Landen mit Inbrunst und ungebremstem moralischen Impetus ihren ausgestreckten Zeigefinger auf die Verantwortlichen richtete und mit vereinten Kräften den Schweizer Bankenplatz ins Visier nahm, erkannte die publizierende Zunft im englischen Königreich sofort die Chance und lobbyierte punktgenau für die Londoner City.
«Was ist bloss los mit den einst als Fort Knox der Finanzwelt gepriesenen Schweizer Banken?», höhnte BBC World in ihren Hauptnachrichten. Genüsslich labten sich die journalistischen Profis an den Pleiten-Pech-und-Pannen-Nachrichten vom Paradeplatz. Und sie lobbyierten hemmungslos für die einheimischen Geldhäuser, selbstverständlich die Tatsache vernachlässigend, dass einige britische Banken nur mit freundlicher finanzieller Unterstützung des Staates ihre Schalter überhaupt noch offen halten können.
Ganz anders wir Schweizer. In einer denkwürdigen Arena lassen wir uns nach all den ungemütlichen Nachrichten über zusammenkrachende Bankenkurse auch noch von einem ehemaligen deutschen Finanzminister (der übrigens weitere Milliarden auf dem ohnehin schon hohen deutschen Schuldenberg abgeladen hatte) als habgierige, semikriminelle Gnomen vorführen, die den reichen deutschen Heuschrecken helfen, ihr Angespartes am deutschen Fiskus vorbeizuschleusen.
Dienstfertig sekundiert wurde der ehemals oberste deutsche Kassenwart von der Hüterin des sozialdemokratischen Grals, Hildegard Fässler, die in einem spektakulären Akt der Selbstgeisselung auf die Schweiz und letztendlich in der Konsequenz auch auf sich selber einprügelte, dass es jedem Katholiken warm ums Herz wurde.
Vor lauter Selbstkritik und Asche-aufs-eigene-Haupt-Streuen wurde aber leider vergessen, dass wir alle vom Finanzplatz Schweiz und seiner Reputation übermässig profitieren. Es ist schon immer wieder ein bewundernswertes Spektakel, wie die empörten Medien und die naturgemäss profilsuchende Politik der sonst ach so hochgelobten Marke Schweiz einen Tiefschlag nach dem anderen versetzen.
Die globalisierte Finanzwirtschaft und die Konkurrenten der hiesigen Banken reiben sich erstaunt und erfreut die Augen und machen den verängstigten Kunden verlockende Offerten. Anstatt der üblichen Expertenbefragung über die Auswirkungen der Bankenkrise auf das Ansehen der Marke Schweiz in der weiten Welt wäre vielleicht ein kurzes Innehalten angebracht und eine etwas tiefere und ehrlichere Analyse von allen Seiten, was dieses sporadische helvetische Selbstzerfleischungsritual langfristig für den Marktplatz und die Marke Schweiz bedeutet.
Es könnte sich ja die Erkenntnis durchsetzen, dass eine kritische Betrachtung der Performance einzelner Exponenten der Wirtschaft nicht immer gleich zu einer hoch moralischen Generalattacke auf einen Industriezweig führen muss, der einen entscheidenden und messbaren Beitrag zum Brand Value der Eidgenossenschaft leistet.
Weder in den USA noch im englischen Königreich noch in den aufstrebenden BRIC-Staaten wird permanent die Frage gestellt, ob man sich einen so dynamischen Finanzplatz – mit all seinen Risiken – leisten kann und soll. Die Frage ist müssig: Wir müssen uns den Finanzplatz nicht nur leisten, wir sind von ihm in einer Weise abhängig, dass die Infragestellung selber die Marke Schweiz in ihrem Kern trifft.
Lobbyieren statt demontieren ist die einzig mögliche Schlussfolgerung, wenn man die Realitäten einer globalisierten Finanzwelt nüchtern betrachtet. Für die Marke Schweiz wird es am Ende des Tages hundertmal wichtiger sein, dass wir diesen einmaligen Vorteil pflegen und fördern als jeder hilflose, harmlose Gastfreundschaftsspot für die Euro 08, die kommt und geht. Der Finanzplatz Schweiz bleibt. Hoffentlich.
Kaspar Loeb ist CEO der Schweizer Werbeagentur Saatchi & Saatchi Simko

More articles on the topic