Die Frage lautet: Wozu?

Kolumne Woher kam das Dokument? Wäre das Motiv des «Verräters» bekannt, liesse sich auf den Wert seiner Informationen schliessen.

Kolumne Woher kam das Dokument? Wäre das Motiv des «Verräters» bekannt, liesse sich auf den Wert seiner Informationen schliessen.Ausnahmsweise hat die «Arena» am
vergangenen Freitag ihr Thema interessant, differenziert und mit einem
Minimum an Geschrei behandelt. Und eigentlich haben sich alle
Teilnehmenden vorteilhaft gegen ihr mitgebrachtes Image profiliert.
Christoph Grenacher vom SonntagsBlick war glaubwürdig als aufdeckender
Journalist. Regula Stämpfli und Peter Forster als politologisch und
militärisch geschulte Kritiker beurteilten sein Verhalten aus
entgegengesetzten Positionen plausibel. Und die beiden Politiker, je
Vertreter von Flügelpositionen, zeigten, dass es sich manchmal lohnt,
einem zuzuhören, auch wenn man ihn nicht mag. Der Zuger Linksaussen Jo
Lang argumentierte bei aller Demagogie stellenweise schlechthin
brillant. Und Christoph Mörgeli war anzumerken, dass er mehr sein kann
als Blochers Lautsprecher, nämlich ein kluger Kopf mit ungenierter
Aussprache.

Die Frage war: Darf man das tun, was der SonntagsBlick in seiner ersten
Januar-Ausgabe getan hat, nämlich ein als geheim klassifiziertes
Geheimdienstdokument veröffentlichen? Immer vorausgesetzt, es ist so
brisant, wie es aussieht – was übrigens desto zweifelhafter wird, je
genauer man es liest.

Die wichtigste Frage wurde in der «Arena» nicht beantwortet; sie konnte
auch nicht beantwortet werden: Woher kam das Dokument? Wer hat es
ausgeliefert und, vor allem, mit welchen Motiven? Grenacher hat
immerhin halb gemurmelt zu verstehen gegeben, er habe nicht dafür
bezahlt. (Schade, dass Gesprächsleiter Reto Brennwald ausgerechnet an
diesem Punkt nicht nachhakte!)

Die Motive der «Verräter» lassen in der Regel gute Rückschlüsse auf die
Werthaltigkeit ihrer Informationen zu. In der Regel ist nicht nur von
Belang, was sie einem geben, sondern auch, was sie zurückbehalten und
verschweigen.

Ich habe in langjährigem jounalistischem Umgang mit «heissen» Tipps und
verbotenen Quellen fast jedes Motiv erlebt. Geldgier und Wichtigtuerei
sind am einfachsten zu durchschauen. Oft soll aus politischen oder
ideellen Gründen ein Thema lanciert, ein missliebiger Gegner oder
Konkurrent abgeschossen werden. Häufig ist das auch ein Rivale aus der
eigenen Organisation. Deshalb lohnt sich in wirtschaftlichen Dingen auf
jeden Fall die vertiefte Recherche in den Hierarchien. Schon mancher
Unterhund hat mit brisanten Unterlagen hausiert, um seinen Oberhund
wegzuputschen. Oder um ein ungeliebtes Projekt madig zu machen, damit
es dem eigenen, intern um Budgetmittel konkurrierenden Projekt nichts
mehr wegnehmen kann. Machiavelli lässt grüssen.

Zwangsläufig gerät der Journalist, zumal der verantwortliche Chef, in
Gewissensnot. Die absehbare Vorstrafe ist dabei noch das kleinere Übel.
Aber anständige Leute – und zu denen darf man auch Chefredaktoren bis
zum Beweis des Gegenteils zählen – wollen keinen Schaden anrichten. Sie
wägen ab. Doch wie tun sie es am besten?

In allen Fällen (fast alle auf vergleichsweise weniger wichtigem,
teilweise lokalem Niveau) habe ich gelernt, dass man solche Entscheide
nie alleine fällen soll, auch wenn man die Folgen hinterher alleine
tragen muss. Ich habe mich immer mit guten Freunden und Vertrauten
beraten. Mit grossem Respekt erinnere ich mich zum Beispiel an einen
pensionierten Richter, den ich wiederholt zu Rate ziehen durfte und
der, wie sich hinterher jeweils zeigte, ausnahmslos immer richtig lag.
Das Wichtigste war, dass diese Vertrauten nicht aus dem Medien-Kuchen
stammten, sondern das Problem von aussen sahen. Je weniger sie von den
Mechanismen dieses Gewerbes verstanden (oder hielten), desto wertvoller
war ihr Rat.

PS. Mir ist aufgefallen, dass in der Schweiz sehr wenig darauf geachtet
wurde, wie die grossen internationalen Nachrichtenmedien mit dem Scoop
des SonntagsBlicks umgegangen sind. Während die SF-«Tagesschau» den
Ball relativ tief hielt, waren ARD, BBC und andere am Sonntag mit
Spitzenmeldungen zur Stelle. Bei allen Vorbehalten war das besagte Fax
offenbar das Aufsehen wert. Das bestärkt mich – in Unkenntnis der
Quellenlage –  in der Vermutung, dass Christoph Grenacher richtig
entschieden hat. Journalisten sind zum Aufdecken da, Geheimniskrämer
gibt es noch genug.

Karl Lüönd ist Publizist und Buchautor.

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