Der Zauberberg gebiert Medienmäuse
Während die meisten Konzernlenker in Davos brav Betroffenheit mimten, herrschte bei vielen Journalisten echte Panik. Eine Erkenntnis brachte das WEF also doch: Die globale Wirtschaftskrise ist, zumindest hier zu Lande, auch eine nationale Medienkrise. Gastkommentar von Oliver Classen, Mediensprecher der Erklärung von Bern. Classen weilte als Koordinator des WEF-kritischen «Public Eye» letzte Woche in Davos.
Journalistische Zweiklassengesellschaft
Schweizer Medienkader dürfen trotz Heimvorteil höchstens mal, wie heuer Susanne Wille oder Hannes Britschgi, die Gesprächsführung eines der weit weniger prominent besetzten Open-Forum-Panels übernehmen. Hier die Global Players CNN, Reuters oder Wall Street Journal (dessen neuer Herausgeber Rupert Murdoch diesmal auch als Co-Chair des WEF fungierte), dort marginalisierte Landes- und Regionalmedien: Diese journalistische Zweiklassengesellschaft spiegelt sich naturgemäss in der Qualität der Berichterstattung. Für diesen 2009 besonders spürbaren «Davos Gap» gibt es zwei Gründe: der limitierte Zugang zu den Top Shots und die personelle Ausstattung. Zum Vergleich: Während für die FT ein halbes Dutzend abgebrühter Reporter durch die Gänge des Kongresszentrums weibeln, bedient eine sympathische, aber unerfahrene Jungjournalistin den Deutschschweizer Regio-Pool, bestehend aus Südostschweiz, Landbote, St. Galler Tagblatt und Aargauer Zeitung. Ausserdem horten die Kollegen vom lachsfarbenen Finanzblatt all die exklusiven Party-Einladungen, ohne die man in diesem Umfeld zu keinen relevanten (Off the record)-Zitaten kommt.
Gefrustet in Davos
Überraschend ist es nicht, aber dennoch erschreckend: Statt um (fehlende) Rezepte gegen die Rezession drehten sich die Davoser Bargespräche mit Schweizer Pressevertretern primär um die eigene Jobangst. In Tagen wie diesen, wo der verlegerische Rotstift wieder Urstände feiert, ist sich halt jeder selbst der nächste. Diskutiert wurde aber weniger über aktuelle oder anstehende Entlassungen, als über die fundamentale Verunsicherung, wie weit die Gründe dafür struktureller oder zyklischer Natur sind. Die diesbezügliche Ratlosigkeit war auch nach dem dritten Bier mit Händen zu greifen und korrespondierte gespenstisch mit dem kollektiven Schulterzucken im Kongresszentrum. Einige Kollegen pilgerten dennoch hoffnungsvoll in ein «Fragility of the Fourth Estate» überschriebenes Branchen-Panel mit Steve Forbes, Thomson-Reuters-CEO Thomas Glocer und WPP-Boss Marin Sorrell. Statt neuer Anhaltspunkte lieferte diese Elefantenrunde jedoch nur «arrogante Allgemeinplätze», wie ein gefrusteter sda-Vertreter resümierte. Schreiben durfte er es leider nicht.
Unterdrückte Abweichler
Insofern war es wohl eine repräsentative WEF-Veranstaltung, an der aber immerhin die Kehrseite der Dominanz angelsächsischer Wirtschaftsmedien zur Sprache kam: Als Verstärker von Hausse-Euphorie wie Baisse-Depression bilden sie ein kommunikatives Klumpenrisiko und ein liberales Meinungskartell, in dem Abweichler kaum zu Wort kommen. Der von Tagi und NZZ (übereinstimmend!) diagnostizierte «Davoser Lemmingeffekt» macht also auch vor den Leitmedien nicht Halt. Das gilt übrigens auch für die Arroganz der Macht. So vertrat FT-Edelfeder Gapper in einem seiner gefürchteten Kommentare unlängst die Ansicht, Regionalmedien seien auch in Zeiten einer ins Stocken geratenen Globalisierung «politisch wie wirtschaftlich völlig entbehrlich». Kritisch werde es für unsere Demokratie, wenn «journalistische Premium-Qualität» nicht mehr refinanzierbar wäre. Solche Einschätzungen zeigen neben intellektueller Anmassung vor allem, dass auch der Zauberberg nur Medienmäuse gebiert.
