Der Spieler

Thomas Küng ist der Herr der Rätsel. Schon als Kind liebte er das Knobeln, heute produziert der gelernte Lehrer Schweizer Kreuzworträtsel, Sudoku und Co. für Blick, Beobachter, Schweizer Illustrierte und den Tages-Anzeiger. Ausserdem verlegt er 30 Rätselmagazine und -bücher in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland und vermittelt Cartoons renommierter Zeichner an die Medien.

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Weshalb Thomas Küng (54) mit seiner Rätselagentur und seinem Rätselbuchverlag Erfolg hat, ist nicht wirklich ein Rätsel. Denn zum einen macht er seinen Job mit Leidenschaft, was immer eine gute Voraussetzung ist. Zum ande-ren ist Denksport wieder gross in Mode: Galten Kreuzworträtsel in den 1980er-und 1990er-Jahren als Metier von Grosi und Grosspapa, sieht man heute Bankangestellte und Schülerinnen, Verkäufer und Handwerker, Mütter und Studenten im Tram, auf dem Pausenhof, im Hörsaal oder in der Mittagspause kniffeln und knobeln. «Ich habe auch schon Punks beobachtet, die als Zeitvertreib ein Sudoku oder ein Kreuzworträtsel lösten», sagt Küng. «Mich erstaunt das, aber ich freue mich sehr darüber. Das Image des Rätselns hat sich in den letzten 30 Jahren komplett verändert.» Zur neuen Rätselleidenschaft haben nicht zuletzt die Pendlerzeitungen beigetragen, bei denen Kreuzworträtsel und Kakuro, Sudoku und Bimaru zum täglich gern verspeisten Kurzmenü gehören.

Küng hat eine gute Nase für die Wünsche seiner «Löserinnen und Löser», das hat er schon mehrfach bewiesen: Mit der Kreation schweizspezifischer Rätsel für den Schweizer Markt, mit dem Angebot des Zahlenspiels Sudoku, das vom Basler Mathematiker Leonhard Euler erfunden wurde, und mit Bimaru, wie Küng sein Schiffe-Versenken für eine Person getauft hat. Seine Rätsel produziert und vermarktet Küng mit grossem Erfolg nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Österreich und Deutschland. Und wenn doch mal etwas nicht so läuft, wie Küng es sich vorgestellt hat, tröstet er sich mit dem Gedanken: «Es war ein Versuch wert.» Diese Einstellung hat Küng bisher auch vor dem weit verbreiteten Montagmorgenfrust bewahrt. «Was ich mache, mache ich sehr gern, sagt er. «Ich hatte schon lange nicht mehr das Gefühl, dass ich arbeite.

Die Rätselagentur ist im Schweizer Rätselge¬schäft seit 14 Jahren tonangebend. Küngs wichtigster Konkurrent auf dem Schweizer Markt ist einer seiner ehemaligen Geschäftspartner: René Lehner. Seit der Trennung der Partner im Dezember 2007 führt Lehner die Zürcher Rätsel-Factory. Wie Küng verkauft er Rätsel an Zeitungen und Zeitschriften und produziert eigene Rätselmagazine.

Karriere mit Rätseln

Küng wird 1956 in Zürich geboren. In seinen kühnsten Träumen will er Eishockey-Goalie werden, weil ihm Goalies als Spielentscheider und Helden gelten. Doch Küng spielt nicht einmal Eishockey. Also absolviert er nach der Matura eine Lehrerausbildung, einfach weil es am schnellsten geht. Drei Jahre arbeitet Küng in diesem Beruf. 1980 ergibt sich für den jungen Lehrer die Möglichkeit, als Rockmusikjournalist zu arbeiten. Er tauscht Tafel und Kreide gegen Block und Stift und tourt von Konzert zu Konzert. Küngs Interviews, Konzertberichte und CD-Rezensionen erscheinen beispielsweise in der NZZ, im SonntagsBlick oder in der Annabelle. «Diese Zeit war von purer Begeisterung bestimmt», erinnert sich Küng. «Ich habe viele geniale Konzerte erlebt, Joe Jackson, Paul Simon, Tina Turner, habe Mick Jagger interviewt und ein Buch über Polo Hofer geschrieben. Für die Buchtaufe haben sich die Rumpelstilz sogar nach langem Streit wieder vereint.

Ab 1995 verfasst Küng auch Hörspiele. Sie werden mit Schauspielern wie Mathias Gnädinger, Ueli Jäggi oder Sabina Schneebeli produziert und laufen im Schweizer Radio DRS oder sind im Buchhandel zu kaufen. Parallel gründet Küng in Zürich das Unternehmen Cartoon Pool, das die Arbeiten von Comiczeichnern an Magazine, Zeitungen oder Werbeagenturen vermittelt, eine Art Künstleragentur also, die Küng auch heute noch leitet. Auf die Idee, eine Cartoonvermittlung zu betreiben, kommt Küng durch seinen Freund, den Karikaturisten Peter Gut. «Peter hat Comicstreifen gezeichnet, die klasse waren, aber nur in einer Zeitung abgedruckt wurden, erzählt Küng. «Ich fand das schade und habe sie in weiteren Zeitungen untergebracht. Das hat sich bei anderen Zeichnern herumgesprochen und so entwickelte sich der Cartoon Pool sehr gut.

Die Person, die in den Zeitungs-,und Magazinredaktionen für die Comics zuständig ist, kümmert sich oft auch um die Rätsel. «Ich habe dem Blick einen Comic verkauft und wurde gefragt, ob ich auch Kreuzworträtsel hätte, erzählt Küng. «Da habe ich gesagt: ‹Noch nicht – aber Ihr habt sie in zwei Wochen.›

Die gewünschten Rätsel importiert Küng aus Deutschland, denn in der Schweiz stellt zu dieser Zeit niemand im gewünschten Umfang Kniffelaufgaben her. Mit der Qualität der Rätsel ist Küng jedoch nicht zufrieden: «Sie enthielten kaum Schweizer Begriffe und die Fragen waren mir häufig nicht clever genug»-, sagt er. «Trotzdem musste ich natürlich die Verantwortung für die gelieferte Ware übernehmen. Das war der Grund dafür, dass ich nach einiger Zeit beschloss, eigene Rätsel zu machen, die dem Anspruch ‹Schweizer Rätsel› entsprechen.Für grosse Verlage ist dieses Segment zu klein und damit uninteressant. Aber eine Agentur mit bereits bestehenden Kontakten zu den Medien hat Chancen, im Rätselgeschäft zu reüssieren. Kontakte hat Küng durch seine Arbeit als Journalist und Cartoonagent en masse. Und er besetzt die Marktlücke.

Natürlich denkt Küng sich nicht alle Fragen und Antworten, die er in seinen Rätseln verarbeitet, selbst aus. Er kauft eine Software, die bereits ein Kontingent an Fragen und Begriffen beinhaltet. Doch was noch einfach klingt, ist schon mit Arbeit verbunden: «Ich musste den ganzen in der Software enthaltenen Wortschatz, Tausende von Begriffen und Umschreibungen, eigenhändig überarbeiten. ist, wie ein Lexikon zu schreiben. Es gilt nicht nur, typisch deutsche durch typisch schweizerische Begriffe zu ersetzen, sondern auch, inhaltliche Fehler und Vertipper auszumerzen. Denn je grösser das Medium ist, an das Küng seine Rätsel verkauft, desto heikler sind Fehler: «Sie glauben nicht, was los ist, wenn im Migrosmagazin in einem Kreuzworträtsel ein Fehler auftaucht – besonders, wenn es etwas zu gewinnen gibt. Dann laufen dort in der Redaktion die Telefone heiss.» Das kann Küng sich nicht leisten. Anderthalb Jahre bearbeitet er die Software, bis sie seinen Ansprüchen entspricht.

Schräg und flexibel

Für den Verkauf seiner Rätsel hat Küng ein schlagendes Argument: Ein Schweizer Medium, das deutsche durch Schweizer Rätsel ersetzen kann, ohne mehr bezahlen zu müssen, ist schnell im Boot. Seit 14 Jahren produziert Küng nun Schweizer Rätsel für die meisten grossen Schweizer Printmedien. Die Ansprüche dieser Publikationen sind ganz unterschiedlich. Das eine Medium wünscht sich ein sehr kompliziertes Rätsel, das andere eines, das in wenigen Minuten lösbar ist, Pendlerzeitungen zum Beispiel. «Aber man darf sich nicht täuschen, sagt Küng. «Einfache Rätsel sind oft schwieriger zu erstellen als komplizierte, weil wir nur einen kleinen Wortschatz verwenden können. Doch dank unserer gut aufgestellten Redaktion können wir sogar auf Sonderwünsche eingehen. Für den SonntagsBlick hat die Rätselagentur zum Beispiel kurzfristig ein Rätsel zur Prinzenhochzeit kreiert, um des Lesers kurzzeitige Lust auf königliche Details zu stillen. «Medien können mit Wettbewerben nur Geld verdienen, wenn viele Löser mitmachen, sagt Küng. «Und das tun die natürlich nur, wenn die Themen sie interessieren und die Fragen eindeutig lösbar sind.

2001, nach sechs Jahren als Rätselmacher für Schweizer Medien, besetzt Küng eine weitere Marktlücke. Er gründet den Küng-Verlag, der seine Rätsel in Heft- und Buchform vertreibt. «Ich dachte, wenn nun die Schweizer Zeitungen Schweizer Rätsel drin haben und das gut läuft, dann müsste doch auch ein Schweizer Rätselmagazin Erfolg haben, erzählt Küng. «Ich habe am Kiosk geschaut und konnte nur deutsche Rätselmagazine finden. Natür¬lich wusste ich nicht, ob es keine Schweizer Hefte gibt, weil es noch niemand probiert hat oder weil Konkurrenten damit längst Schiffbruch erlitten hatten.Küngs Marktforschung am Kiosk reicht aus: Sein erstes Produkt, das «Schweizer Rätsel-Heft, verkauft sich gut. In den folgenden Jahren konzipiert der Verleger weitere 29 Kniffel-Hefte und -Bücher, nicht nur für die Schweiz, sondern auch für Österreich und Deutschland. Die Publikationen enthalten Sudoku, verschiedene Arten Bilderrätsel wie zum Beispiel Nonogramme, Logikaufgaben, Hashi, Bimaru, Kakuro sowie Kreuzworträtsel, die für Ös-terreich wiederum mit landesspezifischen Spracheigenheiten bestückt sind. Dafür beschäftigt Küng ein kleines Team freier Mitarbeiter in Österreich, die den Wortschatz entsprechend bearbeiten. Nur Sudokus, Nonogramme und andere visuelle Rätsel produziert Küng nicht selbst, sondern kauft sie von Fachleuten. Denn bei den beliebten Zahlenrätseln gibt es erhebliche Qualitätsunterschiede, Nono¬gramme sind reine Handarbeit. Selbst stricken ist also nicht angeraten oder wäre viel zu aufwendig. «-Wir beliefern mit unseren Sudokus und Nonogrammen auch den deutschen Markt und müssen uns dort gegen viel Konkurrenz durchsetzen, sagt Küng. «Nun haben wir uns als Anbieter der besten Sudokus und Nonogramme positioniert. Das hat am Kiosk und im Buchhandel natürlich seinen Preis, aber das Geschäft läuft gut.

Qualität als bestes Rezept

In der Rätselagentur beschäftigt Küng drei Vollzeitmitarbeiter, im Küng-Verlag sechs. Für Spezialrätsel greift er zusätzlich auf einen Pool freier Rätselautoren zurück. Mit dieser Besetzung kann er auch die Qualität der Knobelaufgaben sicherstellen: Jedes Rätsel wird zur Kontrolle noch einmal per Hand gelöst, bevor es an den Kunden rausgeht oder in einem der Magazine abgedruckt wird. «Rätselautoren zu suchen ist fast unmöglich, betont Küng. «Dafür ist Kreuzworträtsel-Herstellen eine zu ausgefallene Tätigkeit. Man kann niemanden animieren, sich doch mal mit Rätseln zu beschäftigen. Darum muss ich warten, bis sich Leute bei mir melden, denen Rätsel im Blut liegen, die eine Leidenschaft für das Metier haben.So wie Küng selbst, der schon als Kind gerne gerätselt hat und Gesellschaftsspiele liebt – obwohl er ein schlechter Verlierer ist.

Küngs Zielgruppe sind «alle»: «meisten Menschen interessieren sich für» Rätsel, sagt er. «Allerdings rätseln sie aus verschiedenen Gründen. Dadurch haben wir eine sehr gemischte Zielgruppe. Für ältere Leute ist Rätseln oft eine Art Gedächtnistraining, Kinder rätseln aus Neugier. Manche suchen eine intellektuelle Herausforderung, wollen etwas gewinnen oder einfach ihre Zeit vertreiben. Andere lösen Rätsel, um nach dem Arbeiten abzuschalten. Dafür ist zum Beispiel Sudoku perfekt. Wie ein Rätsel bei den Leuten ankommt, merkt Küng vor allem, wenn es fehlt: Als der Tages-Anzeiger einmal das Bimaru durch ein zweites Sudoku ersetzte, beschwerten sich bei der Redaktion über 200 Schiffeversenken-Fans. Diese Resonanz überraschte auch den Rätselproduzenten.

Küngs jüngster Coup sind Online-und iPad-Versionen der beliebtesten Rätsel. «Man kann sich Bimaru nun aufs iPad holen, sagt er. «Und die iPad-Fassung von Kreuzworträtseln und Sudoku lässt sich auch in andere Apps integrieren. Wir erarbeiten gemeinsam mit verschiedenen Printmedien iPad-Versionen für Kreuzworträtsel, Sudoku und Bimaru, die als interaktive Lösungen in deren iPad-Layout eingebunden sind. Man kann das Rätsel also nicht nur anschauen, sondern direkt am Bildschirm lösen.»D- Mit der Digitalisierung seiner Knobeleien reagiert Küng auf den aktuellen App-Boom und die rapide Verjüngung seiner Zielgruppe. Eine Applikation fürs iPhone existiert zwar ab Juni erst einmal nur für Bimaru, aber mit den anderen Rätseln wird Küng bald nachziehen müssen. Rätselgemeinde wartet.
Anne-Friederike Heinrich

In Kürze
Thomas Küng
*14.10.1956 in Zürich
1972–1977 Lehreraus-bildung, Kanton Zürich
1980–1992 Freier Rock-
musikjournalist, Zürich
1992–1995 Hörspiel- und Fachbuchautor, Zürich
seit 1995 Geschäftsführer Cartoon Pool, Zürich
seit 1997 Geschäftsführer Rätsel Agentur AG, Zürich
seit 2001 Geschäftsführer Küng Verlags AG, Zürich

www.raetsel.ch
www.cartoon.ch
www.kuengverlag.ch
 

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