Der Nippelverbieter

Oliver Reichenstein ist gegen allzu viel Kontrolle und gegen das Corporate Geschwurbel grosser Firmen. Dafür plädiert er für gute Produkte und echte Marktkommunikation. Kolumne von Oliver Reichenstein, Informationsarchitekt in Tokio.

Als Kindergärtner gab es zwei Dinge, die ich nicht verpassen wollte: «Raumschiff Enterprise» und die Werbung von Fa. Ja, die Werbung von Fa. Da gab es nämlich die 2 Sekunden Frontal-Busen in Zeitlupe. Eine Frau in den grossen Wellen in Atlantik oder Pazifik, die aus den Wellen rennt. Alles grün und schaumig und der Himmel, so blau!, und da geht sie einfach splitternackt, also mit dem Busen an der Luft. Sie und die Wellen und alles in Zeitlupe! Und dann schneidet einer ein Stück Seife mit einem Messer. So jedenfalls in meiner Erinnerung.
Wir alle lieben Brüste. Babys lieben Brüste, Mädchen studieren Brüste, Buben lugen auf Brüste, Frauen registrieren jeden Busen in ihrem Horizont – Männer betrachten solche Formen mit der denkbar grössten Aufmerksamkeit. Ja, sogar Schwule machen sich ihre eigenen Brüste in den Fitnessstudios.
Wenn etwas objektiv unabstreitbar super wichtig ist in der Gesellschaft, dann sind es Brüste. Brüs¬te sind immer eine ganz tolle Geschichte. Brüste in der barocken Malerei, Brüste im französischen Film, tiefe Ausschnitte in Koch-Magazinen. Grosse Brüste, kleine Brüste, Glockenbrüste, kreisrunde, birnenförmige, hochbusig, vollbusig – nie kann einer genug von Brüsten kriegen. Alle Brüste sind wunderbar, und wer das bestreitet, versteht gar nichts von der Welt. Aber wie immer, wenn etwas einfach fantastisch ist, dann kommt einer und muss alles vermiesen. Der Papst, der Mufti, eine verbitterte Alt-Feministin oder eben: Steve Jobs.
Im Ernst. Der tut jetzt ja Brüste verbieten auf dem iPhone und dem sogenannt magischen iPad. Und zwar nicht bloss die Badeanzug-Autosalon-Ecke oder die dubiosen Altherren-Sexy-Hexy-Comics, nein, jede Form von Brust. «Keine Nippel in meinem App-Store!» lautet das Dogma.
Man muss sich das mal vorstellen. Wir schreiben das Jahr 2010 und da will einer den öffentlichen Frauen-Nippel verbieten? (Nota bene: Männernippel sind okay.) Also, keine Fashionshow, kein Dazed and Confused, nix Araki, nix Blick, keine Bild, keine nackten Formen von Rhodin, keine Marmorgriechinnen. Aphrodite? NEIN! Alles verboten. Er will auch Flash verbieten; der Steve Jobs hat ja jetzt spezielle Regeln aufgestellt für alles, was mit ihm seinem Apple-Zeug zu tun hat. Man darf nur diese Software nutzen, nicht die andere, um Programme zu schreiben, man darf dies nicht, man darf das nicht. Ach!
Nun, die Wahrheit ist: Apple-Produkte sind Computer-Brüste, und, ja!, ich teile seinen Hass gegen Flash, und, ja! er hat ja meistens recht. Aber ehrlich gesagt, geht mir das Theater trotzdem langsam auf die Nerven. Diese Verbieterei ist ja albern. Alkohol, Sex, Kalorien, da kann man verbieten, wie man will, mit der Hölle und was auch immer drohen, ES BRINGT NICHTS, denn Alkohol, Sex und Kalorien kann man nicht bremsen. Und überhaupt: Was ich auf dem Gerät, das ich mir kaufe, anschaue, geht ihn einen feuchten Dreck an. Wenn ich mein ganzes Sackgeld für die gesammelten Werke von Dazed and Confused, Bild oder Blick ausgebe, dann ist das meine Verschwendung.
Nun gut. Das eigentliche Übel ist ja, wie wir alle wissen, ein ganz anderes. Nämlich das, dass Firmen öffentlich als Firmen kommunizieren. Denn selbstverständlich nimmt Adobe nun die Gelegenheit wahr, dem Jobs an die Karre zu fahren. Adobe meinte vor ein Paar Tagen offiziell: Apple sollte statt Verbote aufstellen den Markt Markt sein lassen. Statt die Konkurrenz mit Verboten in Schach zu halten, sollte Apple lieber innovativ sein. So die weissbärtigen Adobe-Gründer. Apple soll lieber innovativ sein? Mann! Ist nicht Apple die Firma, die fast jährlich den Markt mit neuen Produkten auf den Kopf stellt? Und ist nicht Adobe die Firma, die ihren Hauptkonkurrenten aufgekauft und damit ein Totalmonopol aufgestellt hat, das jede Innovation überflüssig macht und es ihnen nun möglich macht, fünfmal dasselbe Produkt als CS 1, 2, 3, und jetzt 5 verkauft?
Ich weiss, dass ich mich mit solch ungeschminkten Worten bei Apple, bei Adobe, bei den meisten Firmen und bei den Werbern unbeliebt mache, aber es muss mal gesagt werden: Hört auf mit der Kontrolliererei, dem Corporate Bullshit und konzentriert Euch lieber darauf, gute Produkte zu machen. Mit starken Produkten gewinnt man Kunden. Und mit glücklichen Kunden macht man echte Marktkommunikation. Nicht mit Plakaten. Nicht mit Spots. Und schon gar nicht mit Busenverboten. Busen sind magisch. iPads nicht.

More articles on the topic