Der Geist von Gütersloh

Medienkonzerne Ein investigativer Historiker nimmt die Geschäftsmethoden und Pseudoethik von Bertelsmann ins Visier. Leider ist dieses aber ideologisch etwas beschlagen.

Medienkonzerne Ein investigativer Historiker nimmt die Geschäftsmethoden und Pseudoethik von Bertelsmann ins Visier. Leider ist dieses aber ideologisch etwas beschlagen.Hersch Fischler erhob 1998 den Vorwurf, Bertelsmann fälsche seit Jahrzehnten systematisch die eigene Geschichte und stelle sich zu Unrecht als Verlag dar, der den Nazis Widerstand leistete. Sechs Jahre nach dieser – unterdessen von einer Fachkommission bestätigten – Enthüllung legt der Historiker zusammen mit dem Journalisten Frank Böckelmann nun seine Generalabrechnung mit der Gütersloher Grossmacht vor.Sie beginnt 2002, genauer: mit dem Rausschmiss des damaligen CEO Thomas Middelhoff. Die gängige Begründung lautete bekanntlich, die Frau des Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn habe seinen Abgang betrieben, um die Macht in der Familie zu halten. Falsch, sagen Fischler/Böckelmann. Sie meinen zu wissen, «was hinter den Kulissen geschah». Und fragen, ob jene Journalisten, welche obige offizielle Leseart verbreiteten, «das Klischee der weiblichen Macht hinter der Macht nicht bloss bemühten, um andere Vorgänge zu verdecken». Verdecken? Hat sich die Journaille erneut unbewusst mit Bertelsmann verschworen, um falsche Legenden zu verbreiten wie damals bei der Mär vom Widerstandsverlag?
Die Autoren behaupten, Middelhoff habe nicht gehen müssen, weil Reinhard oder Liz Mohn um die Kontrolle ihres Konglomerats fürchteten. Sie zitieren vielmehr einen Artikel der Washington Post über fingierte Geschäfte von AOL in den USA, an denen Bertelsmann beteiligt war und wo Middelhoff im Aufsichtsrat sass. Der komme darin zwar gar nicht vor. Doch wenige Tage nach der Veröffentlichung dieser Enthüllungsgeschichte sei Middelhoff geschasst worden. Laut den Autoren keine blosse Koinzidenz, denn Bertelsmann fürchtete um seinen guten Ruf und ums globale Geschäft.
Da sie nirgends schlüssig belegt wird, bezeichnet die Welt diese These – wie das ganze Buch – als «groteske Verschwörungstheorie». Glaubt man hingegen den Autoren, so hat ihre investigative Rekonstruktion dieses Falls «allerhöchste Plausibilität». Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.
Überzeugender als die Analyse gestriger Aktualitäten ist jene der Firmenhistorie. So wird etwa die Legitimation der Expansionsphilosophie von Reinhards Vater Heinrich Mohn ausgeleuchtet. Da dieser bald schon nicht mehr nur religiöse Bücher druckte, konnte er seinen Geschäftsgeist nicht länger mit dem Glauben rechtfertigen – und erfand jene ethische Überhöhung, die Bertelsmann bis heute betreibt und kennzeichnet.
Zwar belegen viele Beispiele die permanente Umdeutung des Profitstrebens als Wirken fürs Allgemeinwohl, besonders durch die unternehmenseigene Stiftung. Im anklagenden Unterton und den diversen unnötigen Seitenhieben steckt jedoch jenes antikapitalistische Ressentiment der 70er-Jahre, das einem die Lektüre des an sich aufschlussreichen Werks letztlich doch vergällt.
> Bertelsmann – Hinter der Fassade des Medienimperiums von Frank Böckelmann und Hersch Fischler. Eichborn Verlag, Frankfurt a.M. 2004.
352 Seiten, 38 Franken.
Oliver Classen

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