Das Prinzip Köppel
Aufgefallen Zur Europäisierung von Politik und Medien braucht es Journalisten, die den Sprung über die Grenze wagen und dort ihre andere Sicht der Dinge artikulieren.
Kolumne Zur Europäisierung von Politik und Medien braucht es Journalisten, die den Sprung über die Grenze wagen und dort ihre andere Sicht der Dinge artikulieren.Zu den beliebten Allgemeinplätzen gehört die Rede von einer «europäischen Öffentlichkeit», die leider immer noch fehle. Deshalb wirke die «europäische Idee» derzeit so ausgezehrt und ergreife kaum die Massen. So hiess es erst gerade wieder, als die Wahl zum EU-Parlament von mehr als der Hälfte der Stimmbürger ignoriert wurde.Es gibt gute Gründe für die Vermutung, dass eine solche grenzüberschreitende Öffentlichkeit eine Chimäre ist, die lediglich den Wünschen von Hardcore-Propagandisten der europäischen Integration entspringt. Mit der Wirklichkeit moderner Massenmedien hat sie jedenfalls nichts zu tun. Der Versuch, mit The European eine europäische Zeitung zu schaffen, ist am Markt gescheitert. Und der deutsch-französische TV-Nischenkanal Arte hält sich nur, weil er als öffentlich-rechtliches Unternehmen die Zuschauer-Zurückhaltung ignorieren kann.
Abgesehen vom sehr überschaubaren transnationalen Spartenpublikum, das sich mit Financial Times, Wallstreet Journal Europe und Herald Tribune vor allem über Ökonomisches unterrichtet, gilt also: Die Information übers Zeitgeschehen ist trotz Massentourismus, Universalisierung von Konsum- und Populärkultur und supranationaler Institutionen nach wie vor an nationale Kommunikationsräume und Medien gebunden. Letztere sind bestimmt von Sprache, aber auch durch kulturspezifische Informationsinteressen und Präsentationsformen. Die bisherigen nationalen Öffentlichkeiten lassen sich nicht zu einem medialen Europudding verrühren.
Auf die Dauer folgenreicher als solche Integrationsfantasien sind jene Fälle, in denen einzelne Journalisten in anderen Ländern arbeiten und dort den Austausch zwischen verschiedenen Medienkulturen fördern. Beim Berliner Springerblatt Die Welt, das seit zwei Monaten einen Schweizer Chefredaktor hat, lässt sich solches beobachten: Roger Köppel macht sich immer deutlicher sichtbar, und das gerade auch durch seine Lust, die deutschen Verhältnisse mit schweizerischem Blick zu betrachten. Gewohntes erscheint plötzlich fremd. Was man Achsel zuckend hinzunehmen gewohnt war, erweist sich plötzlich als provozierend, während anderes, das im deutschen Skandalisierungszirkus die immer gleichen Reflexe auslöst, gelassener betrachtet wird.
Ein Beispiel: Köppel hat sein Blatt nicht nur auf einen in Deutschland sonst kaum artikulierten europaskeptischen Kurs gebracht und riskiert dabei sogar einen Zusammenstoss mit den publizistischen Grundsätzen seines Verlags. Noch klarer wird sein anderer Blick, wenn der neue Chefredaktor gegen die elitäre Arroganz zu Felde zieht, mit der das deutsche Establishment es rundweg ablehnt, das eigene Volk über grundlegende politische Alternativen abstimmen zu lassen. Als deutscher Untertan hat man schon fast vergessen, dass der Souverän selber darüber bestimmen könnte und sollte, was seine Zukunft einschneidend verändern kann. «Der» Schweizer hingegen findet sich nicht damit ab, dass Politiker rotzfrech erklären: Eine Volksabstimmung über den Entwurf für eine europäische Verfassung komme schon deswegen nicht in Frage, weil diese dabei ja abgelehnt werden könnte!
Publizistische Grenzgängerei zeigt in diesem Fall drastisch, mit welchen Schwundformen politischer Teilhabe man sich nördlich des Bodensees eingerichtet hat. So wird die Konfrontation mit dem Nachbarn, der anders tickt, produktiv. Hoffen wir also, dass immer mehr Kolleginnen und Kollegen ihre Arbeitsplätze auch über Grenzen hinweg verlagern. Das stiftet die einzige europäische Öffentlichkeit, die zu wünschen sich lohnt: Einen Binnenmarkt der Erfahrungen und Meinungen, der auf Vielfalt als Quelle von Unruhe und Herausforderung setzt – und nicht auf politisch korrekte Einfalt.
> Heribert Seifert ist Medien- und Kulturkorrespondent der NZZ in Deutschland.
Abgesehen vom sehr überschaubaren transnationalen Spartenpublikum, das sich mit Financial Times, Wallstreet Journal Europe und Herald Tribune vor allem über Ökonomisches unterrichtet, gilt also: Die Information übers Zeitgeschehen ist trotz Massentourismus, Universalisierung von Konsum- und Populärkultur und supranationaler Institutionen nach wie vor an nationale Kommunikationsräume und Medien gebunden. Letztere sind bestimmt von Sprache, aber auch durch kulturspezifische Informationsinteressen und Präsentationsformen. Die bisherigen nationalen Öffentlichkeiten lassen sich nicht zu einem medialen Europudding verrühren.
Auf die Dauer folgenreicher als solche Integrationsfantasien sind jene Fälle, in denen einzelne Journalisten in anderen Ländern arbeiten und dort den Austausch zwischen verschiedenen Medienkulturen fördern. Beim Berliner Springerblatt Die Welt, das seit zwei Monaten einen Schweizer Chefredaktor hat, lässt sich solches beobachten: Roger Köppel macht sich immer deutlicher sichtbar, und das gerade auch durch seine Lust, die deutschen Verhältnisse mit schweizerischem Blick zu betrachten. Gewohntes erscheint plötzlich fremd. Was man Achsel zuckend hinzunehmen gewohnt war, erweist sich plötzlich als provozierend, während anderes, das im deutschen Skandalisierungszirkus die immer gleichen Reflexe auslöst, gelassener betrachtet wird.
Ein Beispiel: Köppel hat sein Blatt nicht nur auf einen in Deutschland sonst kaum artikulierten europaskeptischen Kurs gebracht und riskiert dabei sogar einen Zusammenstoss mit den publizistischen Grundsätzen seines Verlags. Noch klarer wird sein anderer Blick, wenn der neue Chefredaktor gegen die elitäre Arroganz zu Felde zieht, mit der das deutsche Establishment es rundweg ablehnt, das eigene Volk über grundlegende politische Alternativen abstimmen zu lassen. Als deutscher Untertan hat man schon fast vergessen, dass der Souverän selber darüber bestimmen könnte und sollte, was seine Zukunft einschneidend verändern kann. «Der» Schweizer hingegen findet sich nicht damit ab, dass Politiker rotzfrech erklären: Eine Volksabstimmung über den Entwurf für eine europäische Verfassung komme schon deswegen nicht in Frage, weil diese dabei ja abgelehnt werden könnte!
Publizistische Grenzgängerei zeigt in diesem Fall drastisch, mit welchen Schwundformen politischer Teilhabe man sich nördlich des Bodensees eingerichtet hat. So wird die Konfrontation mit dem Nachbarn, der anders tickt, produktiv. Hoffen wir also, dass immer mehr Kolleginnen und Kollegen ihre Arbeitsplätze auch über Grenzen hinweg verlagern. Das stiftet die einzige europäische Öffentlichkeit, die zu wünschen sich lohnt: Einen Binnenmarkt der Erfahrungen und Meinungen, der auf Vielfalt als Quelle von Unruhe und Herausforderung setzt – und nicht auf politisch korrekte Einfalt.
> Heribert Seifert ist Medien- und Kulturkorrespondent der NZZ in Deutschland.
