«Das Monster ist gefrässig»
Die Übermacht monopolistischer Tech-Plattformen gefährdet unsere Demokratie. Was Politik, CMOs und jeder einzelne tun kann, um das Ruder herumzureissen, erklärt Medienwissenschaftler Prof. Dr. Martin Andree im Interview und fragt: Worauf warten wir eigentlich noch?

m&k: Martin Andree, mit ihren Büchern zeichnen Sie ein düsteres Bild für die Zukunft unserer Demokratie. Was ist das grösste Problem – und wie konnte es so weit kommen?
Martin Andree: Das grösste Problem ist, dass die europäischen Demokratien die Monopolisierung öffentlicher Güter durch die US Tech-Monopolisten zugelassen haben. Öffentliche Güter sind die, die für unsere Existenz eigentlich unverzichtbar sind – wie unsere modernen Medien, also Social Media, Video, Audio, Messenger etc. Wer sie monopolisiert, hat unendliche Möglichkeiten, die Abhängigkeiten erpresserisch auszunutzen. Und genau das passiert schon jetzt.
Ihr neues Buch «Krieg der Medien» beginnt mit einem Zitat von Jan Delay und Udo Lindenberg: «Alles ist im Arsch Und alles ist am Ende Und alles was du noch sagst Ist, ‚Hätte, würde, könnte‘, ja Mann Erst wars egal, weil es Immer irgendwie geht Man hat nie etwas getan, aber Jetzt ist es zu spät.» Klingt, als sei der «Krieg der Medien» längst entschieden…
Ich beschreibe das im Buch als «Opossum-Strategie»: Das Opossum stellt sich tot, wenn es angegriffen wird. Wir stellen uns bei den Dark Tech- Unternehmen und ihren Monopolen auch seit mindestens zehn Jahren tot. Spätestens 2013, als bekannt wurde, dass die Dark Tech Unternehmen unsere Daten an die US-Geheimdienste weitergegeben hatten, musste jedem klar gewesen sein, dass es hier ein riesiges Problem gab. Wir dachten wie das Opossum: Das Raubtier verzieht sich wieder. Aber es ist seitdem nur zu gigantischer Grösse ausgewachsen – weil wir einfach geschlafen haben.
In ihrem Buch «Big Tech muss weg» von 2023 schrieben Sie, wir hätten noch bis 2029 Zeit, gegenzusteuern. Das war aber noch vor der Trump- Regierung. Was hat sich seitdem geändert?
Dass die Dark Tech Unternehmen ihre Macht auch in der politischen Sphäre einsetzen würden, habe ich 2023 bereits richtig vorhergesagt. Tatsächlich kam der politische Übergriff aber schneller und radikaler. Geändert hat sich grundsätzlich wenig – die Dark Tech Konzerne haben immer eine antidemokratische, libertäre Ideologie verfolgt. In fünfzig Jahren werden die Menschen eher sagen: «Wie konnten die Menschen damals so doof sein und das nicht merken?» Die Libertären haben ihre Pläne nie geheim gehalten – wenn man «The Sovereign Individual», ein Kultbuch in den Tech-Ökosystemen, liest, dann kommt einem das kalte Grausen. Hier war 1997 schon das Drehbuch ausformuliert, nach dem die Demokratie heute zerstört wird. Übrigens nannten die Autoren den erwünschten antidemokratischen Systemwechsel damals schon «Informationskrieg». Wenn Menschen sich jetzt über den Titel meines Buchs erschrecken, sage ich: «Ich hab‘ das nicht erfunden.»
Die Plattformen kontrollieren die politische Meinungsbildung und untergraben den Wettbewerb – inwiefern?
Etwa 60 Prozent der massenmedialen Aufmerksamkeit sind heute in der digitalen Welt. Diese wird fast vollständig durch die Tech-Monopole kontrolliert, vor allem durch Alphabet (Google, Youtube) und Meta (Facebook, Instagram). Diese Unternehmen entscheiden darüber, wer welche Informationen zu sehen bekommt. Jeder, der ein wenig davon versteht, wie Tech-Unternehmen ihr Geld verdienen, weiss, dass Traffic-Manipulation kein Epiphänomen ist – im Gegenteil, diese Unternehmen verdienen ihr Geld auf der Grundlage von Traffic-Manipulation. Es ist schon irre, wie blind die Menschen dem Neutralitätsversprechen der Plattformen glauben. Und es ist noch irrer, dass gerade die verstrahlten rechten «Selbstdenker», die hinter allen analogen Medien ständig miese Eliten, Zensurkartelle und dunkle Verschwörungen am Werk sehen, ausgerechnet der übelsten Elite unserer Zeit, den Tech-Oligarchen nämlich, wie eine Horde blinder Schafe folgen.
«Wenn wir etwas ändern wollen, müssten wir jetzt das Ruder herumreissen.»
«Wir haben den Schuss noch nicht gehört», schreiben Sie. Wollen wir ihn nicht hören?
Unter den Bedingungen der Monopole ist es so, dass wir metaphorisch gesprochen alle mit Dark Tech im Bett liegen. Das ist ja nicht nur bei den Nutzern so, sondern in allen Feldern unserer Gesellschaft: Marken, Handel, Start-ups, Mittelstand, Fernsehen, Publisher, Film. Wo ich hinkomme, erzählen mir alle: «Echt total schlimm, diese Tech Konzerne.» Wenn ich dann sage: «Dann tut doch was dagegen», kommt oft: «Jaaaaaaa, unsere Mitglieder sind da zwiegespalten, denn sie hängen ja auch von dem Traffic ab. Deswegen wäre es denen lieber, das nicht so an die grosse Glocke zu hängen.» Derselbe Konflikt führt übrigens zu kognitiver Dissonanz. Die Menschen wissen, dass das falsch, sogar schizophren ist. Aber sie haben unter Monopolbedingungen keinen echten Ausweg. Deswegen verdrängen sie das Thema.
Welche Rolle spielt KI in diesem Prozess?
In der Perspektive meiner Forschung ist KI «nur» eine Verlängerung und Dynamisierung von Prozessen, die wir seit Jahren und Jahrzehnten beobachten. Also vor allem: Die totale Entwertung von Content. Da würde ich sogar provokativ sagen: Content hatte doch schon davor 80 bis 90 Prozent des Werts verloren. Da ist KI «nur» noch der Genickschuss. Aber hier auch dieselbe Monopolisierung. Dieselben Enteignungsprozesse. Und dieselbe Verschiebung der Wertschöpfung, weg von den Inhalten und hin zu der reinen monopolistischen Zugangsgewährung.
Inwieweit haben Marketing und CMOs die Möglichkeit, etwas zu verändern?
Wenn die CMOs schlau wären, würden sie verstehen, dass die oben beschriebene Mechanik – also: Verschiebung der Wertschöpfung weg von den Inhalten hin zu monopolistischer Zugangsgewährung – für ihr Geschäftsmodell mittelfristig genauso tödlich sein wird wie schon jetzt für Rundfunkanbieter oder Verleger. Ein Beispiel: Nach der Analyse der Beratung Oliver Wyman verdienen schon jetzt 30 Prozent aller Hersteller kein Geld mehr auf Amazon. Denn Amazon saugt immer mehr Wertschöpfung aus den Transaktionen. Wenn der Amazon-Monopol-Vampir den letzten Blutstropfen ausgesaugt hat, wirft es dich weg – denn es hat über Jahre alle Daten gesammelt, kann also sofort die stärksten Brands und Bestseller kopieren. Schon jetzt hat Amazon mehr als 140 Eigenmarken. Dark Tech ist ein Krokodil, es ist hungrig, und es wird immer weiter fressen. Wem es gerade noch gut geht und meint, er bleibe mittelfristig verschont, der muss schon arg naiv sein. Jetzt können wir uns noch gemeinsam wehren. Je mehr potenzielle Mitstreiter vom Krokodil verschlungen werden, desto schwieriger wird es, sich zu wehren.
Wann haben Sie gemerkt, dass es bedrohlich wird – und inwieweit können Sie durch Ihre Initiativen etwas verändern?
Meine erste wissenschaftliche Publikation zu den digitalen Monopolen war 2010, ich habe 2012 in der Presse dazu publiziert – aber es hat wirklich niemanden interessiert. Der Diskurs gehörte den coolen Digitalevangelisten. Die Gesellschaft ist erst etwa zehn Jahre später aufgewacht, nachdem Musk sich Twitter kaufte und zu seiner persönlichen Propaganda-Maschine umbaute. Momentan entdeckt auch die Politik das Thema, aber viel zu langsam. Die Dark Tech Konzerne machen jetzt den Sack zu. Wenn wir etwas ändern wollen, müssten wir jetzt das Ruder herumreissen.
Unser Titelthema ist «Effizienz». Die US-Plattformen sind für viele Werbungtreibende ein effizienter Kanal und versprechen schnelle Performance. Warum ist das falsch gedacht?
Die Effizienz würde ich rundweg bestreiten. Aus allen Ecken höre ich immer dasselbe – nämlich einen starken Einbruch der Werbewirkung. Noch schlimmer: Weil grosse Teile des digitalen Funnels mittlerweile durch KI ausgesteuert werden, wissen die Verantwortlichen oft noch nicht mal mehr, woran das liegt. Und noch schlimmer: Im Gegensatz zu früher werden die Metriken der Tech-Konzerne nicht durch externe Studien auditiert. Wir haben keinerlei neutrales Monitoring dieser Werte. Auch hier ist es wie mit der KI: Es blinkt alles toll, aber wir haben kein Verständnis mehr, wie dieser ganze Kram zustande gekommen ist. Wir sind komplett entmündigt. Und deswegen ist es sogar auf eine zynische Art konsistent, wenn Zuckerberg ankündigt, er will sich jetzt das ganze Agenturgeschäft einverleiben. Wenn wir es nämlich selbst nicht mehr kapieren, braucht man uns auch nicht mehr.
Welche politischen oder rechtlichen Massnahmen wären besonders dringlich?
Wir wissen, wie man Monopole entflechtet und Wettbewerb ermöglicht. Wir könnten die Plattformen zwingen, offene Standards zu verwenden. Youtuber könnten ihre Inhalte mit demselben Klick auf einem Dutzend konkurrierender Plattformen publizieren. Sie wären nicht mehr gefangen im Knast von Youtube – und die Plattformen würden um die besten Inhalte konkurrieren. Mehr Geld würde bei den Creatoren landen, weniger bei den Plattformen. Ferner können wir Plattformen öffnen – so dass auch wieder Traffic ausserhalb der Silos möglich wird. Zuletzt können wir Platt- formen verbieten, mit strafbaren Inhalten wie Verleumdung, Rassismus, Diskriminierung Geld zu verdienen. Ich habe gemeinsam mit Karl-Nikolaus Peifer einige Vorschläge sehr konkret ausformuliert (mstv2go.de). Bisher hat die Politik nicht den Mut gehabt, solche Vorschläge umzusetzen.
Was kann jeder und jede von uns denn selbst tun?
Wir können natürlich Alternativen verwenden wie Mastodon oder Ecosia – aber wir müssen in die politische Aktion kommen. Hier geht es um die freien Medien. Ein funktionierender öffentlicher Diskurs ist die Grundlage unserer Demokratie. Da lohnt es sich schon, zu kämpfen.
Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft schauen: Wie sieht das Szenario aus?
Wir verhalten uns wie ein Vogel, der solange im Käfig gesessen hat, dass er sich gar nicht mehr vorstellen kann, diesen zu verlassen, und das, obwohl die Tür sperrangelweit offensteht. Denn ein Aufstand gegen Trump und Tech hat ja riesige Potenziale. Wir würden die digitalen Zukunftsmärkte nicht einfach kampflos den US-Monopolisten überlassen und könnten hier in Europa richtig durchstarten. Und wir retten nebenbei noch unsere Demokratie. Da muss man doch umgekehrt fragen: Worauf warten wir eigentlich noch?
Prof. Dr. Martin Andree unterrichtet Medienwissenschaft an der Universität zu Köln. Er forscht seit mehr als 15 Jahren zur Macht der grossen Tech-Konzerne und ist Verfasser von acht Büchern. Bekannt wurde Andree durch den «Atlas der digitalen Welt», die erste ganzheitliche wissenschaftliche Vermessung der digitalen Welt (2020). Für seinen Bestseller Big Tech muss weg erhielt er den Günter-Wallraff-Sonderpreis für Pressefreiheit und Menschenrechte. Andree ist Gründer des Digitalunternehmens AMP Digital Ventures GmbH mit Fokus auf Full Funnel Beratung und Implementierungen.
Neueste Bücher
Big Tech muss weg (2023) |Die Digitalkonzerne zerstören Demokratie und Wirtschaft – wir werden sie stoppen; Analyse digitaler Monopolbildung und die Folgen für Demokratie und Wirtschaft. Campus Verlag
Krieg der Medien (2025)| Dark Tech und Populisten übernehmen die Macht; Politischer Essay über die Bedrohung von Demokratie und Medienfreiheit. Campus Verlag

