Das gedruckte Web

Gastkommentar Nirgends ist die Publizierlust grösser als im Internet. Medienhäuser versuchen von der Gratisarbeit der Netznutzer zu profitieren, schreibt Nick Lüthi.

Gastkommentar Nirgends ist die Publizierlust grösser als im Internet. Medienhäuser versuchen von der Gratisarbeit der Netznutzer zu profitieren, schreibt Nick Lüthi.
Im Prinzip ist es zu spät. Ein Blick auf die Rubrikenmärkte zeigt: Online hat die Nase vorn, Print hinkt hinterher und droht bald ganz abgehängt zu werden. Bemühungen der Verleger, mit eigenen Plattformen die Abwanderung von Stellen-, Auto- und Immobilieninseraten aufzuhalten, sind in den seltensten Fällen erfolgreich; branchenfremde Anbieter haben längst dankend übernommen.Ein anderes Bild bei redaktionellen Inhalten: Hier gilt Papier weiter als angemessenes Medium für journalistische Beiträge aller Gattungen; Internet bleibt – wenigstens hier zu Lande – ein oft lästiges, weil Geld verschlingendes Anhängsel, das bestenfalls als Werbefenster fürs dazugehörige Printprodukt dient. Weder die Situation bei den Rubriken noch jene beim redaktionellen Content kann aus Verlegersicht befriedigen. Doch wie lassen sich Papier und Pixel (kommerziell) erfolgreich unter einen Hut bringen?
«Reverse Publishing» lautet eine mögliche Antwort. Erste Ansätze wie die Partnerschaft von Tamedia mit dem Online-Fahrzeugmarkt car4you.ch lassen sich bereits beobachten. Seit einem halben Jahr publizieren die Zürcher ein Gebrauchtwagenblatt, dessen Inhalt automatisch aus der Inseratedatenbank der Online-Plattform generiert wird. Le Temps prophezeit der neuen Zeitung eine Zukunft als «neue Bibel der Occasionsautos». Doch auch ohne Superlativ lässt sich am Car4you-Beispiel ablesen, wie eine solche Rückführung von Onlinecontent in Printprodukte aussehen kann.
Zentrale Motivation dafür ist natürlich die Reduktion des redaktionellen Aufwands aufs absolute Minimum. Erfasst werden die Inserate – sprich: der Zeitungsinhalt – von den verkaufswilligen Autobesitzern selbst; vor Drucklegung wird nur noch ein Kontrollblick über die Fahnen geworfen, die aufwändige Datatypistenarbeit entfällt. Einen ähnlichen Weg geht die Rheinische Post mit ihrer Beilage Opinio. Leserinnen und Leser verfassen auf der Webseite der Tageszeitung Beiträge zu beliebigen Themen, die besten werden schliesslich zweiwöchentlich als Opinio publiziert.
Zwar hält sich die Ressourcenoptimierung hier in Grenzen – die Bürgerjournalisten schreiben gratis, doch arbeiten rund zehn Redaktoren für die Beilage –, aber darum geht es bei dem Düsseldorfer Reverse-Publishing-Projekt auch nicht primär. Im Vordergrund steht Leserbindung. Und diese scheint schon nach wenigen Ausgaben Fortschritte zu machen. Jedenfalls haben die mehr als 500 registrierten Opinio-Schreiber seit der Lancierung im Februar bereits über 3000 Beiträge verfasst.
Die Car4you-Zeitung und Opinio zeigen vor allem eines: Die von Medienhäusern oft bejammerte Gratiskultur des Internets lässt sich auch produktiv nutzen. Genauso, wie Internauten erwarten, die Artikel ihres Leibblatts kostenlos am Bildschirm zu lesen, sind sie bereit, ohne Entgelt einen Aufwand zu leisten, den Verlage in bare Münze wandeln können. Eine Win-Win-Situation? Vielleicht. Die ersten Gehversuche an Krücken stimmen zumindest hoffnungsvoll.
> Nick Lüthi ist Medienjournalist in Bern mit langjähriger Online-
erfahrung.

More articles on the topic