Darf man das?

Kolumne Kommt es beim Süddeutschen Verlag zu einer Auktion, droht das grösste Trauerspiel der Tagespresse in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Kolumne Kommt es beim Süddeutschen Verlag zu einer Auktion, droht das grösste Trauerspiel der Tagespresse in der deutschen Nachkriegsgeschichte.Bei den Besitzern der Süddeutschen Zeitung, dem  Flaggschiff der deutschen Tagespresse schlechthin, geht derzeit mal alles wieder drunter und drüber. Was in früheren Zeiten schon einmal den Süddeutschen Verlag mitsamt seinem  Renommiertitel in ernste Not gebracht hat, setzt sich, einer inneren Logik folgend, fort: Zuviele Köche verderben den Brei. Im Fall der Süddeutschen sind es die fünf Eignerfamilien, die sich bis auf den heutigen Tag über die strategische Ausrichtung ihres Unternehmens nicht grün sind. Seit längerem schon wurde deshalb die Dauerfrage eines Verkaufs bebrütet. Jetzt scheint immerhin klar: Vier von fünf Familien wollen den Verkauf.In der Vergangenheit hatten Renditedenken und das Unterlassen notwendiger Finanzspritzen während der Krisenjahre der deutschsprachigen Presse den Verlag schon mal über Monate hinweg haarscharf an der Nachlassstundung vorbei schlittern lassen. Die Frage drängt sich geradezu auf, ob man derart mit bewährten Kommunikationsinstrumenten der Demokratie verfahren darf, selbst wenn diese, oder gerade weil sie privatwirtschaftlich aufgebaut sind.
Vor fünf Jahren wurden die Weichen gestellt für den heute tobenden Zank um den Verkauf des Verlages, und die Frage «Darf man das?» stellt sich erneut. Denn noch lange ist nicht klar, ob die Süddeutsche in publizistisch und verlegerisch verantwortungsvolle Hände übergehen wird. Dem Flaggschiff täte es bestimmt gut, würde etwas Ruhe einkehren. Denn seit im Jahre 2002 die Südwestdeutsche Medienholding (u.a. Stuttgarter Nachrichten) von den Familien für 150 Millionen Euro mit 18,75 Prozent als sechste Partnerin mit ins Boot geholt worden war und so dem SZ-Verlag in letzter Sekunde die Pleite erspart blieb, ist in München immer mal wieder der Teufel los. Denn die Hardliner der SWMH drängen gnadenlos auf Gewinnoptimierung. So geriet etwa die Schliessung der SZ-Ausgabe Nordrhein-Westfahlen, einer anerkannt erfolgreichen Speerspitze gegen die Regionaltitel von Neven DuMont und der WaZ-Gruppe, für die dort Beschäftigten zur menschlichen Tragödie. Auch das Jugendmagazin Jetzt verschwand. Ihren Aufschrei bekräftigten irritierte Jugendliche gar mit öffentlichen Protesten. Auf Drängen der SWMH wurden praktisch sämtliche Regionalredaktionen der SZ geschlossen. Zeitweise ging das Gerücht, die SWMH habe die SZ zu einer reinen Regionalzeitung zurücksparen wollen. Doch das Gewicht der Marke Süddeutsche Zeitung war stärker, und man entschied sich für Überregionales und erweiterte die Auslandberichterstattung, wo man kostengünstig mit anderen Medienhäusern (zum Beispiel Tages-Anzeiger) zusammenarbeiten konnte.
Mit dem forschen Kurs kam auch dessen operativer Held, CEO Klaus Lutz, ins Spiel, der mit geschickten Nebengeschäfts-Modellen, vorab mit der weitherum beachteten (und kopierten) Buchedition SZ-Bibliothek, für Furore und Neid in der Branche sorgte. Als Lutz im vergangenen Herbst begann, auch eine SZ-Weinedition (mit aus der Schweiz importierten Tropfen) zu verkaufen, rümpfte die Redaktion schon mal die Nase darüber, wieviel Markendehnung dem Titel wohl noch zuträglich sei. Nichts desto trotz sind dem umtriebigen Lutz die Hände gebunden, solange die Eigentumsfrage nicht geklärt ist. Der auf dieses Frühjahr angedachte Launch einer SZ am Sonntag bleibt damit auf ungewiss verschoben. So kann die SZ  publizistisch nicht den nötigen Schub geben. Zudem soll die SWMH vom SZ-Verlag allein für das vergangene Geschäftsjahr ein Gewinnziel von 72 Millionen Euro gefordert haben. Da bleibt nicht mehr viel Spielraum.
Es ist längstens klar, dass die SWMH die Mehrheit am SZ Verlag anstrebt und auf ihre Vorkaufsrechte pocht. Hinter ihr steht die Medien-Union, die in Süddeutschland zwar nicht viel von sich reden macht, doch für ihr auf lange Sicht angelegtes Kalkül bekannt und nicht immer geheuer ist. So führte denn bis vor kurzem kein Geringerer als der eigene Geschäftsführer Oliver C. Dubber in Eignerangelegenheiten im Lenkungsauschuss und später im Aufsichtsrat eine führende Rolle.
Unterdessen sind aber weitere Stricke gerissen. Die Preisvorstellungen der Eignerfamilien (über 1 Milliarde Euro) übersteigen jene der SWMH (750 Millionen Euro). Die SWMH hat ihre Vertreter zurückgezogen. Die Hamburger Zeit vermutet, dass eine Auktion wahrscheinlich werde. Damit wären nebst interessierten Verlagen (WaZ, Holzbrinck beziehungsweise Schweizer Verlage) auch den Heuschrecken Tür und Tor geöffnet. Würden diese zuschlagen, könnte der Fall als grösstes Trauerspiel der deutschen Tagespresse in die deutsche Nachkriegsgeschichte eingehen.
René Worni ist Medienredaktor der Werbewoche.

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