«D Friburgera» muss expandieren

Der neue FN-Chefredaktor Marcel Waeber rüstet für eine (Zeitungs-)Schlacht bei Murten

Der neue FN-Chefredaktor Marcel Waeber rüstet für eine (Zeitungs-)Schlacht bei MurtenVon Christophe Büchi Die Freiburger Nachrichten werden von der Berner Zeitung hart bedrängt. In dieser Lage gibt es für die deutschsprachige Tageszeitung des Kantons Freiburg nur eins: noch professioneller werden. Mit einem neuen Chefredaktor wollen die Freiburger dem Berner «Panzergeneral» und Medienboss von Graffenried Einhalt gebieten.
«D Friburgera», wie die Freiburger Nachrichten (FN) von ihren Lesern liebevoll genannt wird, hat einen neuen Chef. Der
58-jährige Marcel Waeber löst den bisherigen Chefredaktor Walter Buchs ab, der ins Glied zurücktritt. Waeber ist für den neuen Job wie geschaffen: als waschechter Deutschfreiburger, der jahrelang beim Tages-Anzeiger gedient hat, bringt er einen hundertprozentig freiburgischen «Pedigree» mit, ist aber auch in der Welt herumgekommen. Als Aviatikspezialist hat er keine Angst vor Bruchlandungen, und als Bergsteiger ist er sich an Gratwanderungen gewöhnt: gute Voraussetzungen für den neuen Job.
Der gestandene Dienstredaktor wurde, wie andere Jahrgänger auch, von der TA-Media im Zeichen des (vom Freiburger Roger de Weck initiierten) Jugendkults vorzeitig zum «freiwilligen» Ruhestand gedrängt. Dies geschah natürlich ganz auf Tagi-Art, mit Honigbrot statt mit Peitsche: die Konditionen waren einfach so gut, dass man nicht Nein sagen konnte. Der Frühpensionierte hatte aber keine Lust, aufs Altenteil zu gehen. Am 30. April hatte er beim Tagi den letzten, am 1. Mai bei den Freiburger Nachrichten den ersten Arbeitstag – und dies am Tag der Arbeit, für viele Schweizer ein Tag ohne Arbeit.
Wird der Schnauf
wohl reichen?
Bei den FN wartet Arbeit auf Waeber. Die einzige Tageszeitung des deutschsprachigen Kantonsteils kommt zwar in ihrem Einzugsgebiet – Sensebezirk (um Tafers und Düdingen), Seebezirk (Murten) und ein Teil der Stadt Freiburg – auf eine Reichweite von 53 Prozent. Aber mit einer Auflage von nur 16900 Exemplaren ist sie an der unteren Grenze des für eine Tageszeitung Lebensnotwendigen.
Zwar bezieht sie ihre nationalen und internationalen Seiten von der Solothurner Zeitung, so dass sie sich ganz auf die lokale und regionale Berichterstattung konzentrieren kann. Dies erlaubte ihr in den letzten Jahren, rentabel zu arbeiten und ihren Aktionären regelmässig eine Dividende – und ein gutes Essen inklusive Trinken – zu servieren. Dennoch operiert die Zeitung in einer Zitterzone, in der die Luft sehr dünn ist. Kein Wunder, dass im schönen Freiburgerland immer wieder die Frage gestellt wird, wie lange es dauert, bis der «Friburgera» der Schnauf ausgehe.
Kommt hinzu, dass das Freiburgerland längst nicht mehr ein eingezäuntes Gärtchen ist. «Mach us üsserm Ländli, i de Not äs Wändli», heisst es im Senslerlied: aber das Wändli gibt es nicht mehr. So wurden die Blumenbeete im Garten der FN in den letzten Jahren mehr und mehr von einem Bären aus der Nachbarschaft plattgedrückt. Die Berner Zeitung BZ, von der die Rede ist, hält sich seit längerem eine eigene Freiburger Redaktion, die bis zu drei Seiten täglich produziert.
Der BZ kommt die sozioökonomische Entwicklung zugute. So ist das reformierte Murtenbiet historisch stark mit Bern verbunden. Zudem verwächst Deutschfreiburg immer mehr mit der Region Bern – eine Entwicklung, die durch den Bau der Autobahn A 1 über Murten und Payerne noch beschleunigt wird.
Die Berner stehen einfach früher auf
Die Berner Zeitung hat natürlich einen anderen Tiger im Tank als die FN. So ist die BZ in Murten schon frühmorgens bei den Abonnenten, während die FN erst mit der Post kommt. Auch ist die BZ natürlich einiges umfangreicher als die FN.
Wie kann sich der kleine Freiburger David gegen den Berner Goliath behaupten? Für Chefredaktor Marcel Waeber gibts nur eins: «Wir müssen noch professioneller werden.» Dies bedeutet unter anderem, dass die Zeitung leserfreundlicher werden solle: «Wir waren lange Zeit sehr textlastig. Ich will mindestens 25 Prozent Bildanteil.» Vor allem aber: Die Regionalberichterstattung muss noch dichter werden, und dies zuerst im Seebezirk. Nicht umsonst unterhält die FN heute eine eigene Redaktionsstelle in Murten.
Kommt es zur Neuauflage der Schlacht bei Murten?
In der Tat wird die Schlacht zwischen FN und BZ wahrscheinlich in Murten und Region entschieden. Die Freiburger, die hier einst zusammen mit den Bernern den Burgunderherzog Karl den Kühnen bezwangen, geben die neue Schlacht von Murten gegen die Truppen des Berner «Panzergenerals» von Graffenried noch nicht verloren. Gewiss, ein erstes Scharmützel ging letztes Jahr zu Gunsten der BZ aus: Die Berner schnappten sich den zweimal wöchentlich erscheinenden Murtenbieter, den die FN auch gerne gehabt hätte. Aber die Freiburger trösten sich mit der Devise: «Nous avons perdu une bataille, non pas la guerre.»
«Beweisen, dass wir den
Preis wert sind»
Waeber wie auch Verlagsdirektor Paul Stritt sind jedenfalls überzeugt, dass die FN in ihrem Einzugsgebiet sich nicht nur behaupten, sondern sogar etwas wachsen kann. Am Donnerstag erscheint «d Friburgera» ja bereits in einer Grossauflage, die ingesamt 56000 Leser erreicht. Auch hat sich das einstige CVP-Blatt in den letzten Jahren zur politisch und konfessionell offenen und ökumenischen Forumszeitung gewandelt, was die Absatzchancen erhöht. Und vielleicht können die Freiburger sogar im nahen bernischen Grenzgebiet etwas grasen. Nicht umsonst führt die FN eine Rubrik «Bernische Nachbarschaft» – wie Du mir, so ich Dir!
Aber ist das Blatt mit 16900 Exemplaren Auflage und 38000 Lesern auch bei einem kleinen Wachstum nicht einfach zu klein? Marcel Waeber zur WerbeWoche: «Die Auflage ist nicht alles. Ich bin überzeugt, dass wir Zukunft haben. Aber wir müssen natürlich beweisen, dass wir unseren Preis wert sind.» Die beiden Vorgänger Waebers auf dem FN-Chefredaktorenstuhl waren Quereinsteiger: Waeber ist der erste «in der Wolle gefärbte Journalist» – ein Zeichen der Zeit!
Ungleiche SchwesternDer zweisprachige Kanton Freiburg ist in der glücklichen Lage, zwei Tageszeitungen zu besitzen: La Liberté für den welschen Kantonsteil und die Freiburger Nachrichten für Deutschfreiburg. Beide werden in der von Klosterfrauen betriebenen Paulus-Druckerei in Freiburg gedruckt. Die Redaktionen liegen auf dem gleichen Stockwerk. Doch gibt es da eine kleine Subtilität, denn der rechtliche Status der beiden Schwesterzeitungen ist nicht derselbe. Während La Liberté dem Paulus-Verlag direkt gehört, werden die FN von einer Aktiengesellschaft herausgegeben, die früher vor allem die Deutschfreiburger CVP-Kreise und heute ein breites Spektrum Deutschfreiburgs repräsentiert. Der Paulus-Verlag ist im Fall der FN also nur Mandant und Drucker.

More articles on the topic