Cannes – eine Bilanz

Kommentar Das Niveau am Werbefestival war dieses Jahr zwar nur durchschnittlich. Die besten Spots bestachen allerdings durch brillante Einfachheit.

Kommentar Das Niveau am Werbefestival war dieses Jahr zwar nur durchschnittlich. Die besten Spots bestachen allerdings durch brillante Einfachheit.Was uns nach Cannes unter dem Strich bleibt, ist klar: ein neuer Held namens Pius Walker. Im Verhältnis zur Agenturgrösse hat noch keine hier zu Lande so viele Löwen gewonnen und Shortlist-Platzierungen erreicht wie der Zürcher Werber. Das Niveau der helvetischen Einreichungen jedenfalls hob Walker stark an.  
Für das Festival als Ganzes betrachtet gilt jedoch – so bemerkten es aufmerksame Cannes-Chronisten –, dass das Level durchschnittlich war. Unter den Siegerarbeiten gab es mehr Sauglattismen als in anderen Jahren, und grundsätzlich wurde mehr spass- und pointenorientierte Werbung ausgezeichnet.
 
Eine weitere Tendenz zeigte sich bei der Werbung für Umweltanliegen – diese Arbeiten kamen um einiges entkrampfter und nicht länger mit erhobenem Zeigefinger daher, erlaubten sich sogar manchmal ironische Töne. Gleichzeitig wollte man keinen Krieg auf der Leinwand sehen – der x-Box-Spot für das Spiel Gears of War, ausgezeichnet mit dem Silver Lion in der Kategorie «Best Use of Music», wurde massiv ausgepfiffen. Auffallend, dass die weiteren im Rennen liegenden Spielkonsolen-Spots das Wohlwollen der Jury gar nicht erst fanden. Ganz allgemein sah man viel weniger dieser offensichtlich Post-Production-lastigen Arbeiten auf dem Treppchen.
 
Vielmehr lebten viele Siegerspots von ihrer brillanten Einfachheit, wie beispielsweise die Apple-Commercials, in welchen in einem Dialog je ein Schauspieler den PC und der andere den Mac spielt. Eine Arbeit, wie sie durchaus bei uns hätte erfunden werden können. Die grossen Kisten vom Format des Apple-1984-Spots, des Perrier-Löwen von Jean-Paul Gould, des Fussballspiels Good vs. Evil von Tarzem, des WWF-Catwalk-Spots mit dem herumspritzenden Blut oder der Playstation-Menschenpyramide, von denen in einem Jahrzehnt noch gesprochen wird, fehlten dieses Jahr gänzlich.
 
Und man muss sagen, dass das Festival seit der Übernahme durch E-Map vor drei Jahren klar an Professionalität gewonnen hat. Neben der spürbar besseren Betreuung von Delegierten und Pressevertretern geht damit wohl oder übel auch ein Streben nach noch mehr Grösse einher, was von einigen als Hang zum Gigantismus abgetan wird. Das diesjährige Motto «The more you see, the more ideas you have» darf jedoch auch von den ärgsten Kritikern nicht in Frage gestellt werden.
 
Dass das Gebotene etwas kostet, ist klar. Wer sich aber über die knapp viertausend Franken beklagt, welche für das Festival zu berappen sind, entlarvt sich selbst. Der Preis ist gerechtfertigt – man muss das Programm allerdings aktiv nutzen. Nur um einen oder zwei Tage Filmchen zu schauen und Party zu machen, dafür ist der Preis definitiv zu hoch. So repräsentiert das Festival auch die aktuelle Entwicklung der Werbebranche an und für sich. Sie ist kein Reservoir mehr für Paradiesvögel und Partypeople, sondern eine Industrie, die von anderen Industrien ernst genommen werden will. 
 
Beat Fritsch, Mitarbeiter der Werbewoche

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