Day will Kreativität demokratisieren
Marcel Walzl und Annette Häcki haben Jung von Matt Limmat verlassen und machen nun ihr eigenes Ding: «Day Partners» will Unternehmen darin unterstützen, Kommunikationslösungen selbst zu entwickeln. Mit einem systematischen Kreationsprozess, Inputs von Expert:innen und KI-Tools.
Bei der Agentur «Do-Ad-Yourself» ist der Name Programm. In einem detailliert geplanten Prozess leitet das neu gegründete Unternehmen Teams an, Kampagnen und Kommunikationslösungen aktiv mitzugestalten. Und das unabhängig von der konzeptionellen Erfahrung. Denn jeder Mensch ist kreativ und kann dieses Potenzial mit der richtigen Herangehensweise freisetzen lassen – so die Überzeugung von Day.
Agenturerfahrung trifft auf Innovations-Mindset
Annette Felicitas Häcki, vorher Managing Creative Director bei Jung von Matt Limmat und Marcel Walzl, bisheriger Client Service Director derselben Agentur, haben Day gemeinsam ins Leben gerufen. Annette Häcki zählt zu den strategiestärksten Kreativen der Schweiz und war vor Jung von Matt in den Geschäfts- und Kreativleitungen der Agenturen Rod und Wunderman Thompson tätig. Zudem ist sie Co-Gründerin des Gislerprotokolls und Keynote-Speakerin. Marcel Walzl kommt aus dem Spitzensport und war vor Jung von Matt bei der WWP Group tätig. Beide verbinden langjährige Agenturerfahrung mit einem Innovations-Mindset.

Fokus beschleunigt den Prozess
Zwar biete Day dasselbe Leistungsspektrum wie eine Agentur, sei aber keine. Denn Marketingteams werden befähigt, ihrer eigenen Kreativität zu vertrauen und Kommunikationslösungen selbst zu entwickeln, statt den Kreationsprozess auszulagern. Das unternehmensinterne Knowhow fliesst bei dieser Herangehensweise direkt in die Konzeption ein, der Brand Fit wird sichergestellt und Missverständnisse werden verhindert. Zentral ist dabei der Fokus: «Wir arbeiten mit unseren Kund:innen während mehreren Tagen live und vor Ort», erklärt Marcel Walzl. «Diese Fokussierung befeuert die Kreativität und beschleunigt den gesamten Prozess».
KI als Co-Pilotin
Day bindet Expert:innen diverser Fachrichtungen in den Kreationsprozess ein. Diese tragen mit ihrer Perspektive dazu bei, ein umfassendes Verständnis für die jeweilige Fragestellung zu entwickeln und fundierte Entscheidungen zu treffen. Zum Netzwerk gehören Personen wie Philipp Zutt von Zutt & Partner, Experte für Neuromarketing und Emotionalisierung, die KI-Expertin Sophie Hundertmark, die 18-jährige Amélie Galladé, Gen Z, Social-Media und Content-Expertin sowie viele weitere.
Wichtige Co-Pilotin ist auch die KI: Diese komme in der Ideation-Phase genauso zum Einsatz wie beim Testing. Neben dem Fokusmodul, in welchem komplexe Fragestellungen beantwortet werden, lässt sich die Day-Methode mit Sprints, Sparrings und Trainings auch punktuell und sogar projektunabhängig einsetzen. Die Inhalte sind so vielfältig wie das Netzwerk von Day. Hinter allem steht die Philosophie, Menschen zu empowern. Annette Häcki erklärt: «Unsere Herangehensweise demokratisiert Kreativität und legt sie in die Hände von vielen statt von wenigen.»
INTERVIEW
«Wir setzen konsequent und kompromisslos um, was uns vorschwebt»
Im Interview mit Werbewoche.ch verraten Annette Felicitas Häcki und Marcel Walzl, weshalb sie ihre Positionen bei Jung von Matt Limmat aufgaben, um ein eigenes Businessmodell zu starten, und warum Day keine Agentur ist.
Werbewoche.ch: Wie ist die Idee entstanden, sich mit Day selbstständig zu machen?
Marcel Walzl: Wir haben beide viele Jahre in Agenturen gearbeitet. Und immer wieder überlegt, was man optimieren und besser machen kann. Wie verändern sich die Kund:innenbedürfnisse, wie die Technologie? Diese Fragen begleiten uns schon lange
Annette Häcki: Dabei sind uns drei Dinge aufgefallen. Zum einen, dass sich die Antworten von uns beiden decken. Zum andern: Wenn die Prozesse einer Agentur so sind, wie sie für uns idealerweise sein müssten, ist es ein komplett neues Business- und Arbeitsmodell, das es so noch nicht gibt. Und schliesslich: Die rasante Entwicklung der AI passt zu unserer Vision.
Walzl: So lag es nahe, nicht in den bestehenden, durchaus komfortablen Positionen weiterzuarbeiten und dort Veränderungen anzustossen. Sondern etwas Neues zu starten und konsequent und kompromisslos umzusetzen, was uns vorschwebt. Day ist deshalb auch keine Agentur.
Häcki: Obwohl wir das gleiche Leistungsspektrum abdecken. Doch die Vorgehensweise ist komplett anders. Wir sehen Day als Creative Consultancy oder Creative Coaching – wenn man denn ein Label will.
Sie haben beide eine sichere Position in einer grossen und renommierten Agentur verlassen. Wie fühlt sich das an?
Häcki: Wir blicken mit viel Dankbarkeit zurück. Etwas Wehmut ist natürlich auch dabei, schliesslich haben wir dort mit Menschen zusammengearbeitet, die wir sehr schätzen – in der Agentur genauso wie auf Kund:innenseite.
Walzl: Ich schätze zum Beispiel dich sehr. Zum Glück ziehen wir nun zu zweit weiter.
Häcki: Haha, danke gleichfalls!
Walzl: Ganz im Ernst: Die Menschen sind zentral. Die Grösse und Bedeutung der Agentur, genauso wie die sichere Position dort, spielen für uns hingegen keine Rolle. Wir sind beide weder prestige- noch sicherheitsgetrieben. Was uns vereint ist ein innovatives Mindset und eine positive und optimistische Grundhaltung.
Häcki: Deshalb sind wir jetzt voller Vorfreude. Die Gründung fühlt sich befreiend an. Und den Weg gemeinsam zu gehen, ist für uns beide das absolute Wunschszenario.
Walzl: Wir kennen uns sehr gut, haben viele Jahre zusammengearbeitet, vertrauen uns zu 100 Prozent und haben ein sich optimal ergänzendes Profil. Und, was uns wichtig ist, die gleichen Werte.
Erklären Sie bitte das Konzept von Day.
Walzl: Bei Day glauben wir daran, dass jeder Mensch kreativ ist. Und dass sich dieses Potential mit der richtigen Herangehensweise freisetzen lässt. So ist auch der Name unseres Unternehmens entstanden: Day steht für Do-Ad-Yourself.
Häcki: Wenn wir eine Aufgabenstellung erhalten, befähigen wir unsere Kund:innen mit einem minutiös geplanten und orchestrierten Kreationsprozess, selbst kreativ zu werden und Lösungen auszuarbeiten.
Walzl: Es ist doch eigentlich absurd: Marketing-Expert:innen kennen ihr eigenes Unternehmen sehr gut, genauso wie die Bedürfnisse des Marktes. Und doch wird die Konzeption von Kommunikationslösungen oft ausgelagert.
Häcki: Bei Day werden Marketing-Expert:innen stattdessen bestärkt, ihrer eigenen Kreativität zu vertrauen und sie sinnstiftend einzusetzen. So fliesst ihr Know-how direkt in die Lösungsentwicklung ein und der Brand Fit wird sichergestellt.
Walzl: Zudem arbeiten wir mit einem Netzwerk renommierter Expert:innen und Unternehmen zusammen. Sie bringen eine Perspektive ein, die für die jeweils vorliegende Aufgabenstellung zentral ist.
Häcki: Wir arbeiten zum Beispiel eng mit den Innoarchitects in Bern zusammen, die Unternehmen bei der Innovation und Transformation begleiten, Zutt & Partner, die sich dem Neuromarketing und der wissenschaftlichen Steuerung von Emotionen verschrieben haben, oder mit Weirather, Wenzel & Partner (WWP), einer der führenden europäischen Sportmarketing-Agenturen. Zudem gehören Personen zu unserem Netzwerk wie die Moderatorin Annina Campell, mit der wir ein Präsentationstraining anbieten, die AI-Spezialistin Sophie Hundertmark oder die 18-jährige Amélie Gallade, die bei Aufgabenstellungen rund um die Gen Z eingebunden wird.
Walzl: Die Philosophie von Day ist es, unsere Kund:innen zu befähigen, so viel wie möglich selbst zu erlernen, zu verstehen und zu entwickeln. Und von wem kann man sich besser etwas abschauen als von den absoluten Profis auf einem Gebiet? Selbstverständlich gehören zum Netzwerk auch Expert:innen für UX/UI, Design, Media etc.
Welches sind die grössten Unterschiede zu der Arbeit, die Ihr vorher im Agenturalltag bewältigt habt?
Walzl: Da genügt ein einziges Wort: Fokus.
Häcki: Das ist wirklich ein Gamechanger. Fokus ist zentraler Teil unseres Prozesses und Fokus verändert alles. Obwohl es sich paradoxerweise entspannter anfühlt, bringt Fokus eine Beschleunigung mit sich. Weniger Hektik, mehr Konzentration und Impact.
Walzl: Je grösser eine Organisation, desto komplexer und zeitaufwändiger die Kommunikation und die Prozesse darin. Das ist kaum zu verhindern. Jetzt sind wir beide nahe dran an den Kund:innen und den Aufgaben. Wir können uns persönlich engagieren, statt viel Zeit in übergreifenden Meetings zu verbringen, was unsere Positionen mit sich gebracht haben.
Häcki: Im orchestrierten Kreationsprozess von Day ist Fokus ebenfalls das übergreifende Prinzip. Das trägt bedeutend dazu bei, die eigene Kreativität freizusetzen, gerade auch bei Personen, die bisher nicht konzeptionell gearbeitet haben.
Walzl: Bei allem was wir tun, fragen wir uns, wie wir unsere Kund:innen empowern können, möglichst viel selber zu machen. Das gesamte Unternehmen basiert auf dieser Philosophie. Und selbstverständlich unterscheiden wir uns da stark von Agenturen. Das Businessmodell ist komplett gegensätzlich.
Sich selbstständig zu machen, braucht Mut und birgt Risiken. Habt Ihr ab und an Angst vor der eigenen Courage? Wie geht Ihr damit um?
Annette: Uns ist bewusst, dass wir scheitern können. Das nimmt man in Kauf, wenn man ein Unternehmen gründet. Doch wir konzentrieren uns auf die Chancen, die sich bieten und auf die Freude an der gemeinsamen Vision. Wir haben daher keine Angst vor dem eigenen Mut, ich würde sogar sagen wir sind stolz darauf.
Marcel: Es kommt uns zugute, dass wir zwei sehr positive Menschen sind und Vertrauen ins Leben haben. Ohne geht’s nicht. Zudem ist der gemeinsame Austausch für uns sehr wertvoll. Und natürlich haben wir ein familiäres und berufliches Netzwerk, das uns in unserem Weg bestärkt.
Annette: Das klingt jetzt sehr nach Hopplahopp, einfach mal machen. Und die Chuzpe, zu kündigen und loszulaufen, stand sicher am Anfang unseres Weges. Inzwischen sind umfangreiche Kalkulationen und ein Businessplan dazugekommen. Zudem haben wir uns eng mit befreundeten Unternehmer:innen und Marketeers ausgetauscht, was enorm wertvoll war, um unsere Vision zu validieren und zu konkretisieren. All das trägt dazu bei, den Mut nicht nur zu haben, sondern ihn auch zu behalten.
Kommt ihr beide aus unternehmerischen Familien oder ist es komplettes Neuland?
Marcel: Meine Eltern sind Unternehmer:innen aus der Tourismusbranche. Ihre Dienstleistungsmentalität hat mich geprägt, und diese ist für unsere Branche ebenfalls wichtig. Als ich ihnen mitgeteilt habe, dass ich gemeinsam mit Annette ein Unternehmen gründe, haben sie zudem direkt eine Flasche Prosecco aufgemacht und auf uns angestossen.
Annette: Dass unsere Familien hinter uns stehen und uns bestärken, ist vielleicht sogar wichtiger als die Tatsache, dass sie selbst Unternehmer:innen sind. Obwohl ich zugeben muss, dass auch ich aus einer Unternehmer:innen-Familie stamme… Vielleicht ist das tatsächlich entscheidend, gute Frage.
Marcel: Das alleine vermutlich nicht, doch es ist ein wichtiger Faktor. Weil wir von klein auf gelernt haben, unternehmerisch zu denken. Aber im Prinzip ist es ganz einfach: Entweder will man Unternehmer:in sein, oder man bevorzugt das Angestelltenverhältnis. Das eine ist nicht besser als das andere, es ist eine Frage der persönlichen Präferenz.


