Bouchats Schamblatt
Gastkommentar Mit der Gratiszeitung Le Matin bleu wolle Edipresse nicht nur die Nichtleser bekehren, sondern auch die eigenen Journalisten, befürchtet Jürg Altwegg.
Gastkommentar Mit der Gratiszeitung
Le Matin bleu wolle Edipresse nicht nur die Nichtleser bekehren,
sondern auch die eigenen Journalisten, befürchtet Jürg Altwegg.Den Tarif hat Théo Bouchat ausgerechnet in
der Verbandszeitschrift journalists.ch durchgegeben. Bouchat ist ein
Journalist mit feinem Gespür für den Markt und für Themen und bei
Edipresse für die Lancierung der Gratiszeitung Le Matin bleu zuständig.
Sie wird ab Ende Oktober an Westschweizer Pendler und Passanten
verteilt. «Nichtleser» nennt sie Bouchat. Ihn, den Nichtleser, will er
erschliessen – und zugleich auch seine Journalisten erziehen.
Denn eigentlich sind sie schuld, dass man nun auch in der kultivierten
Romandie etwas so Ungeheuerliches wie eine Gratiszeitung auf die
Geleise bringt. Bouchat nennt die Journalisten «Meisterdenker»
(und erst noch «selbst ernannte») und fordert von ihnen eine
«Gewissensprüfung». «Denn die wirkliche Debatte ist nicht finanzieller
Art», schreibt Bouchat. Natürlich nicht: Wer ein Pendlerblatt macht,
verfolgt hehre kulturpolitische Ziele. Und dass er dies tut, ist den
Journalisten zuzuschreiben, welche die «Bedürfnisse der Nichtleser»
ignoriert und jene der «traditionellen Leser» (gemeint sind die
zahlenden) «nicht immer befriedigt haben».
Angesichts solcher Prinzipien, die Bouchat im Niemandsland und
Spannungsfeld zwischen Nichtlesern und Meisterdenkern beschwört, könnte
man fast denken, der Mann habe unlautere Absichten. Oder vermuten, die
panische Angst, die er den Journalisten vor dem neuen Nullmedium
unterstellt, sei nichts im Vergleich zur Scham des Edipresse-Verlegers,
der mit Le Matin bleu nicht Geld verdienen, sondern bloss seine
verlorenen Schäfchen noch vor dem Winter ins Trockene bringen will.
Blau gegen Orange: Dass das neue Gratis- sein boulevardeskes
Bezahlmutterblatt konkurrenzieren wird, gehört zum Kalkül. Die
Nullnummer von Le Matin bleu
ist denn auch nicht ohne. Keine Kommentare von Meisterdenkern. Der
Stoff wird aus Agenturberichten aufbereitet – nach dem bekannten Muster
für Nichtleser.
Die Ausgabe datiert vom 7. Oktober, einem Freitag. Mit dem
entsprechenden TV-Programm. Doch im Sportteil wird die Übertragung von
Schweiz–Frankreich angesagt. Nicht die Junioren sind gemeint. Und auf
der Seite eins ist vom Spiel «heute abend» die Rede.
Vielleicht erfindet man so die Zeitung von morgen. Ähnlich subtil ist
die Bildlegende der Titelseite: «In Bern werden die Fans der dreizehnte
Spieler der Mannschaft von Köbi Kuhn sein.» Wir wollen den Kollegen vom
Gratisblatt keinesfalls unterstellen, dass sie Fussball für ein Spiel
mit zwölf Spielern halten. Vermutlich ist ihr zwölfter Mann einfach nur
der Köbi …
Mit solch vielschichtigen Verwirrspielen und intellektuellen
Anforderungen, vor die sie ihre Nichtleser stellen, sind sie jedenfalls
auf dem einzig richtigen Weg: Edipresse wird seinen blauen Matin wohl
bald am Kiosk verkaufen müssen.
Le Matin bleu wolle Edipresse nicht nur die Nichtleser bekehren,
sondern auch die eigenen Journalisten, befürchtet Jürg Altwegg.Den Tarif hat Théo Bouchat ausgerechnet in
der Verbandszeitschrift journalists.ch durchgegeben. Bouchat ist ein
Journalist mit feinem Gespür für den Markt und für Themen und bei
Edipresse für die Lancierung der Gratiszeitung Le Matin bleu zuständig.
Sie wird ab Ende Oktober an Westschweizer Pendler und Passanten
verteilt. «Nichtleser» nennt sie Bouchat. Ihn, den Nichtleser, will er
erschliessen – und zugleich auch seine Journalisten erziehen.
Denn eigentlich sind sie schuld, dass man nun auch in der kultivierten
Romandie etwas so Ungeheuerliches wie eine Gratiszeitung auf die
Geleise bringt. Bouchat nennt die Journalisten «Meisterdenker»
(und erst noch «selbst ernannte») und fordert von ihnen eine
«Gewissensprüfung». «Denn die wirkliche Debatte ist nicht finanzieller
Art», schreibt Bouchat. Natürlich nicht: Wer ein Pendlerblatt macht,
verfolgt hehre kulturpolitische Ziele. Und dass er dies tut, ist den
Journalisten zuzuschreiben, welche die «Bedürfnisse der Nichtleser»
ignoriert und jene der «traditionellen Leser» (gemeint sind die
zahlenden) «nicht immer befriedigt haben».
Angesichts solcher Prinzipien, die Bouchat im Niemandsland und
Spannungsfeld zwischen Nichtlesern und Meisterdenkern beschwört, könnte
man fast denken, der Mann habe unlautere Absichten. Oder vermuten, die
panische Angst, die er den Journalisten vor dem neuen Nullmedium
unterstellt, sei nichts im Vergleich zur Scham des Edipresse-Verlegers,
der mit Le Matin bleu nicht Geld verdienen, sondern bloss seine
verlorenen Schäfchen noch vor dem Winter ins Trockene bringen will.
Blau gegen Orange: Dass das neue Gratis- sein boulevardeskes
Bezahlmutterblatt konkurrenzieren wird, gehört zum Kalkül. Die
Nullnummer von Le Matin bleu
ist denn auch nicht ohne. Keine Kommentare von Meisterdenkern. Der
Stoff wird aus Agenturberichten aufbereitet – nach dem bekannten Muster
für Nichtleser.
Die Ausgabe datiert vom 7. Oktober, einem Freitag. Mit dem
entsprechenden TV-Programm. Doch im Sportteil wird die Übertragung von
Schweiz–Frankreich angesagt. Nicht die Junioren sind gemeint. Und auf
der Seite eins ist vom Spiel «heute abend» die Rede.
Vielleicht erfindet man so die Zeitung von morgen. Ähnlich subtil ist
die Bildlegende der Titelseite: «In Bern werden die Fans der dreizehnte
Spieler der Mannschaft von Köbi Kuhn sein.» Wir wollen den Kollegen vom
Gratisblatt keinesfalls unterstellen, dass sie Fussball für ein Spiel
mit zwölf Spielern halten. Vermutlich ist ihr zwölfter Mann einfach nur
der Köbi …
Mit solch vielschichtigen Verwirrspielen und intellektuellen
Anforderungen, vor die sie ihre Nichtleser stellen, sind sie jedenfalls
auf dem einzig richtigen Weg: Edipresse wird seinen blauen Matin wohl
bald am Kiosk verkaufen müssen.
Jürg Altwegg ist Medien- und Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf.
