Blüten und Perlen: «Sahnehäubchen aus Fleisch und Blut»
Sarah Pally, Linguistin und Partnerin bei der Agentur Partner & Partner, nimmt in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» die (Werbe-)Sprache unter die Lupe. Dieses Mal dreht sich alles um «Sahnehäubchen aus Fleisch und Blut».

KI ist längst zur Alltagsberaterin geworden. Sie zählt Kalorien, rät zur Scheidung oder hilft bei anderen Mitessern. Und sie arbeitet im Hintergrund kräftig mit. E-Mails sind nun fehlerfrei, makellos höflich und sehr unpersönlich. Oder Leute haben plötzlich Ideen, die man ihnen gar nie zugetraut hätte – oder wissen sehr selbstbewusst über ganz komplizierte Dinge Bescheid. «Ich habe mich beraten lassen», heisst es dann. Als ob auf das künstliche Imaginieren Verlass wäre. Aber für den Moment ist der Effekt ein positiver, die fremden Federn sehen zumindest recht überzeugend aus.
Auch Texter:innen bedienen sich natürlich bei der KI, denn ja, auch Texter:innen sind Menschen. Sie produziert prompt und pragmatisch vor sich hin. Optimal zum Anstossen von Ideen, zum Inputholen und zur sehr vorsichtig genossenen Recherche. Denn sie behauptet ungeniert mitunter ziemlichen Quatsch – aber das zumindest bemerkenswert glaubhaft. Perfekt für 80/20-Jobs, bei denen Richtigkeit und Haltung nebensächlich sind. Textarbeit gehört da aber nur bedingt dazu.
Irgendetwas – oder das gewisse Etwas?
Dazu kommt: KI ist per definitionem Durchschnitt, sie ist künstliche Imitation. Und produziert also durchschnittliche Texte – durchschnittlich kreativ, originell, berührend. Für Texte, bei denen Mittelmass reicht, reicht also auch KI. Als Texter:in ist es aber dein Beruf, zumindest hin und wieder überdurchschnittlich aber immer verlässlich korrekt zu sein. Auch Haltung, also eine Mischung aus Meinung und Persönlichkeit, ist beim Texten nicht zu unterschätzen – und eine Maschine darum zu bitten, ist absurd. Aber auch hier ist sie nicht verlegen.
Ob der Durchschnitt von der Maschine oder einem Menschen kommt, spielt also keine Rolle. Das heisst aber auch, dass der Mensch ab sofort nur noch für das Überdurchschnittliche zuständig ist. Allerdings ist Überdurchschnittlichkeit gar nicht immer relevant. Manchmal ist Fehlerfreiheit wichtiger als kreatives Feuerwerk. Manchmal ist Tempo wichtiger als Gänsehaut. Anders gesagt: irgendetwas ist manchmal wichtiger als das gewisse Etwas. Dann macht es eben die KI. Aber halluzinierter Quatsch ist nie wichtiger als echte Recherche. Und imitierte Haltung ist eben keine. Aber auch wenn es nicht immer ein Sahnehäubchen – und schon gar keine Kirsche obendrauf – braucht: wenn, dann bitte aus Fleisch und Blut.
Heute keine Liebe für dich
Also zurück zur Frage, ob es nicht nerve, ständig KI-Texte zu lesen: Nein. Maschinelles Mittelmass stört mich sogar bedeutend weniger als menschliches. Und falls ich überhaupt merke, dass ein Text von der KI stammt, wird mir in diesem Moment bewusst, dass (absichtlich) wenig Energie und Sorgfalt in das gesteckt wurde, was ich da gerade lese: heute also keine Liebe für mich. Und das sagt halt auch etwas aus.
