Blackbox Africa

Kolumne Die Medienrealität kontrastiert auf dem Schwarzen Kontinent stark mit dem Alltag. Eindrücke aus Ghana.

Kolumne Die Medienrealität kontrastiert auf dem Schwarzen Kontinent stark mit dem Alltag. Eindrücke aus Ghana. Die Vorwarnung: Ich bin kein Afrikakenner. Ich möchte bloss die Frage aufwerfen, was wir, die halbwegs am Weltgeschehen interessierten und halbwegs gebildeten Leserinnen und Leser in der Schweiz, noch über Afrika erfahren. Wie kontrastiert die Medienrealität mit den eigenen gesammelten Eindrücken, wenn man Gelegenheit hatte, ein Land des Schwarzen Kontinents kennen zu lernen – in meinem Fall Ghana? Um das zur Diskussion zu stellen, sollte man womöglich gar nicht zu sehr Experte sein. Gerade mal zehn Tage lang war ich unterwegs, nicht nur in der Hauptstadt Accra, sondern auch im Hinterland – als Gast, eingeladen zu drei Podiumsgesprächen mit ghanaischen Journalisten. Es ging um Pressefreiheit. Der Anlass: Ghana hat vor 50 Jahren als erster Staat Schwarzafrikas die Unabhängigkeit errungen und war damals Keimzelle der panafrikanischen Bewegung. Heute gehört das Land zu jener Hand voll Staaten auf dem Kontinent, in denen die Demokratie halbwegs funktioniert. Es geht wirtschaftlich aufwärts, und Journalisten müssen nicht um ihr Leben bangen, wenn sie eine freche Lippe riskieren.
Die Medienrealität Afrikas, das wissen wir alle, besteht im Wesentlichen aus Katastrophen, Kriegen und Krankheiten: Aids ist bekanntlich ein Problem, mit dem nicht wir, sondern die Afrikaner sich herumschlagen. Dafür haben wir es mit BSE, Sars und Vogelgrippe zu tun – auch wenn die offiziellen Statistiken eine ganz andere Sprache sprechen.
Was in Vergessenheit zu geraten droht, ist das Alltagsleben, mit dem die grosse Mehrzahl der Menschen in Afrika zurechtkommen muss: eine unvorstellbare Armut, keine Trinkwasserversorgung, vielerorts kein Strom oder zumindest ständig Stromausfälle, keine Kanalisation. Millionen sind in Bretterverschlägen und Wellblechbehausungen in grossen, gesichtslosen Städten auf engstem Raum zusammengepfercht. Nur wenige Menschen können unter den gegebenen Umständen produktiv sein. Unzählige, vor allem Frauen, müssen sich als fliegende Händlerinnen irgendwie durchschlagen, indem sie am Strassenrand ein paar Kaugummi, Nüsse oder Bananen verkaufen.
Es erschien mir daher ziemlich abgehoben, um nicht zu sagen deplatziert, unter solchen Bedingungen über Pressefreiheit diskutieren zu müssen. Aber auch da lohnt sich ein zweiter Blick, weil Medienrealität und Erlebtes so gar nicht zusammenpassen wollen: Folgt man dem Ranking von Reporters sans frontières, so ist Ghana in Sachen Pressefreiheit eines der fünf afrikanischen Musterländer. Im weltweiten Vergleich von 168 Ländern nimmt es Platz 34 ein – und rangiert damit vor Frankreich (35), Italien (40), Spanien (41) und den USA (53).
Doch wie sieht die gelebte Pressefreiheit aus? Immerhin, jeder darf sagen, was er will. Aber bei genauerem Hinsehen sind die Presseprodukte, trotz bemerkenswerter Vielfalt, Verlautbarungspostillen.
Und so scheint es auch hinter den Kulissen zuzugehen: Als wir in Tamale unsere Podiumsdiskussion, zu welcher der Journalistenverband die Medienschaffenden eingeladen hat, beginnen wollen, taucht der Gouverneur auf. Der Provinzpolitiker funktioniert die Veranstaltung in seine eigene Pressekonferenz um. Er verkündet eine Stunde lang, welche Anstrengungen in dieser Region zu den 50-Jahr-Feiern unternommen würden. Er lockt die Journalisten mit Zuckerbrot («meine Partner und Freunde»), er droht mit der Peitsche («wir kennen namentlich alle Störer, und wir werden gnadenlos gegen sie vorgehen»), und er befiehlt den Kameraleuten des lokalen TV-Senders, welche Passagen seiner Rede sie gefälligst mitzuschneiden hätten, als handle es sich um seine eigene PR-Crew.
Kurz bevor wir in Ghana gelandet sind, wurde der Vorsitzende eines regionalen Journalistenverbands ermordet. Über Täter und Tatmotive war zum Zeitpunkt unserer Abreise noch nichts bekannt. Noch lässt sich hoffen, dass der Mord wenigstens nicht politisch motiviert war – anders als bei den jüngsten Exekutionen von Reportern in Russland, über die unsere westlichen Politiker so grosszügig hinwegsehen (allen voran der deutsche Ex-Bundeskanzler Schröder, der bekanntlich Putin für einen «lupenreinen Demokraten» hält und sich obendrein nicht nur von Gazprom, sondern auch von Ringier fürstliche Beraterhonorare zahlen lässt).
Ich war zum ersten Mal auf dem Schwarzen Kontinent, und mir wurde schmerzlich bewusst, wie sehr uns inzwischen – trotz oder wegen der Globalisierung – Reporter wie Ryszard Kapuscinski oder Werner Holzer fehlen, Beobachter, die sich auskennen, die sich verständigen können und die sich nicht zu schade dafür sind, auch in schäbigen Quartieren abzusteigen, um den Alltag einzufangen.
Pressefreiheit ist leider nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung, um zu erfahren, was auf der Welt los ist. Wir selbst, die Leser, Hörer und Zuschauer, müssen womöglich tiefer in unsere Tasche (und seltener nach Gratisprodukten wie 20 Minuten, heute oder cash daily greifen), damit wir erfahren, was in Afrika und anderswo wirklich passiert. Sonst werden die Erbsenzähler unter den Mediengewaltigen weitere Korrespondentenposten wegrationalisieren – in der leider gar nicht so irrigen Annahme, dass die meisten von uns «es» eben doch nicht so genau wissen wollen.
Stephan Russ-Mohl leitet das Europäische Journalismus-Observatorium der Universität Lugano.

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