Bin ich Rassist?

Aufgefallen Neben holländisch inspirierten Selbstzweifeln hegt unser Autor auch einen frommen Weihnachtswunsch an die Journaille.

Kolumne Neben holländisch inspirierten Selbstzweifeln hegt unser Autor auch einen frommen Weihnachtswunsch an die Journaille.Manchmal freut man sich zu früh über einen Zugewinn an Vernunft und Aufklärung. Wer in den ersten Wochen nach der Ermordung des Provokateurs Theo van Gogh Zeitungen las und die Fernsehberichterstattung verfolgte, konnte glauben, dass der Selbstkorrekturmechanismus der Medien doch funktioniert: Plötzlich entdeckten linke wie betont liberale Blätter, dass das beredte Beschweigen vorzivilisatorischer Sitten und Bräuche in manchen muslimischen Migrantenmilieus wohl eine falsche Auslegung des Toleranzgebots war.Und auf der anderen Seite des politisch-publizistischen Spektrums gab es nicht bloss schrille Kulturkampfappelle, sondern auch differenzierende Einsichten, die den Weg frei machen könnten für eine Integrationspolitik, die Zuwanderern keine Selbstaufgabe abverlangt. Offenbar sass der Schock über die Bluttat von Amsterdam so tief, dass selbst hart gesottene Ideologen bereit waren, lieb gewonnene Gewissheiten zu korrigieren.
Beide Phänomene liessen mich hoffen, dass die eigene Zunft die Welt doch nicht nur im Tunnelblick sieht. Seit ein paar Tagen plagen mich aber bereits wieder Zweifel. Denn nachdem die erste Erschütterung verflogen ist, liest man jetzt wieder all jenen gruseligen Unfug, den man gerade überwunden glaubte. Und die eben erst entdeckten Missstände werden wieder Normalität. Die niederländische Parlamentarierin Ayaan Hirsi Ali etwa lebt immer noch im Untergrund. Die Polizei sieht sich ausser Stande, der gewählten Volksvertreterin so viel Schutz zu gewähren, dass sie ihrer politischen Arbeit nachgehen und ein Privatleben führen kann. Ein Skandal, der noch über die infame Morddrohung gegen den Schriftsteller Salman Rushdie hinausgeht, wird hier doch die Basis des politischen Systems erschüttert, auf dem Westeuropa ruht.
Und die Medien? Ein paar betretene Berichte, der eine oder andere pflichtschuldige Kommentar, das wars auch schon. Stattdessen ist bereits wieder die hohe Zeit der Muslimversteher und Antirassismuswarner angebrochen. Ein überregionales deutsches Blatt druckt zum Beispiel seitenlange Episteln mit Mahnungen, jetzt nicht in «Islamophobie» zu verfallen. Der mühsam genug erreichte Realismus bezüglich der Probleme in respektive mit Migrantenmilieus steht schon wieder unter Verdacht.
Natürlich fehlen einschlägige «Experten» nicht, die mit entsprechend alarmistischen «Studien» den Fluss der Fördergelder sichern müssen. Eine davon will belegen, dass 60 Prozent der Bevölkerung der Ansicht seien, in Deutschland lebten bereits zu viel Ausländer. Wie dem auch sei: Fest steht, dass man nicht mal über eine «Belastungsgrenze» reden darf, die zwischen gesellschaftlich integrierbarer und riskanter Zuwanderung zu unterscheiden versucht. Den ultimativen Blödsinn lieferte eine grüne Berliner Ministerin: Um die Integration der Muslime zu fördern, sei den deutschen Kindern Islamunterricht zu erteilen. Gerade so, als habe in Amsterdam ein fanatisiertes Christenkind einen frommen Sufi erschlagen, weshalb man ihm und seinesgleichen mehr über den Islam erzählen müsse.
Selbst dieser Vorschlag, der auf ein unbefangenes Gemüt wirkt wie eine Harald-Schmidt-Parodie, wird schon wieder achselzuckend hingenommen. Offenbar ist der Reflex nur kurzzeitig auszusetzen, welcher Journalisten sich Migranten gegenüber vor allem als Anwalt und Beschützer fühlen lässt. Während bei der medialen Reaktion auf Rechtsextremismus jeder Volontär gern vom «Extremismus, der aus der Mitte der Gesellschaft kommt», schwafeln darf, gilt mit Blick auf muslimische Migranten ein Totalverbot, Zusammenhänge zwischen Extremismus und Milieu herzustellen.
Natürlich sind Pauschalurteile nicht erlaubt, wohl aber genaue Nachfragen, vor allem dann, wenn es so viele Anlässe dafür gibt wie dieser Tage. Oder meine ich das vielleicht nur, weil ich im Grunde auch ein Rassist bin?
> Heribert Seifert ist Medien- und Kulturkorrespondent der NZZ in Deutschland.

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