Beam me down, Klausi!

Kolumne Ende Januar mutiert Davos alljährlich zum alpinen Raumschiff. Heuer erweiterte WEF-Gründer Klaus Schwab sein virtuelles Reich ins zweite Leben des Internets. Eine entlarvende Expansion.

Kolumne Ende Januar mutiert Davos alljährlich zum alpinen Raumschiff. Heuer erweiterte WEF-Gründer Klaus Schwab sein virtuelles Reich ins zweite Leben des Internets. Eine entlarvende Expansion. Eine zweite Chance will jeder. Oder besser noch ein allzeit verfügbares anderes Ich. Und zwar am liebsten gleich und immer wieder. Dieses Verlangen ist so alt wie die Menschheit und verbindet uns über alle Grenzen und Kulturen hinweg. Stoffe zur Befriedung dieses Grundbedürfnisses sind Geschichten und Charaktere mit Identifikationspotenzial, wie sie die Literatur Jahrtausende schon liefert. Der Film bietet dafür seit bald 100 Jahren eine weitere, schier unerschöpfliche Quelle. Und nun also das per definitionem unendliche Internet.Anders als in Büchern oder im Kino kommt man dort gleich zur Sache. Und die ist – wie fast alles im Dotcom-Reich – im Kern kommerzieller (und nicht etwa künstlerischer) Natur. Darüber täuscht auch der hübsche Name der dreidimensionalen Online-Parallelwelt «Second Life» (SL) nicht hinweg. Denn bereits auf der Einstiegsseite finden sich direkt unter dem Logo Basisfunktionen wie «Buy Linden Dollars» (die Währung des zweiten Lebens), «Own Virtual Land» oder «View LindeX» (eine Art interner Börsenindex), die sofort den Geschäftsgeist aus der Flasche lassen. Daran ändert auch die Emanzipation und Partizipation suggerierende Eigenwerbung «Your World. Your Imagination» nichts. Im Gegenteil: Bald werden es die Jungs vom kalifornischen Linden Lab ihren Vorgängern von Myspace und Youtube nämlich nachmachen und sich ihre Plattform von einem Medienmulti vergolden lassen.
Die Mutter aller internetten Selbsterfindungswelten ist vom Spiel- längst zum Marktplatz mutiert. «US-Dollar spent last 24h: $ 1,215,748» rapportierte die Homepage am 21. Februar stolz. Kein Wunder, eröffnen nach dem Sex- und Glücksspielgewerbe nun auch etwas seriösere Dienstleister massenweise SL-Zweigstellen. Vorletzte Woche annoncierte gar die erste Schweizer Werbeagentur einen SL-Ableger. Auch Mathias Döpfner räumte im Handelsblatt kürzlich ein, SL sei «kein zweckfreier Zeitvertreib, sondern Big Business». Und der Vorstandschef der Axel Springer AG muss es ja wissen, schliesslich verlegt er mit Avastar die erste rein virtuelle Zeitung – im SL fürs SL. Für einen eigenen Avatar jedoch fehlt nach eigenem Bekunden dem Online-Avantgardisten Döpfner «die Zeit».
Nicht so Klaus Schwab. Obwohl als Gründer und Veranstalter des World Economic Forum (WEF) ebenfalls kaum unterbeschäftigt, ergriff der selbst ernannte Weltverbesserer im Rahmen des Davoser Jahrestreffens 2007 seine zweite Chance zur (Pseudo-)Öffnung des exklusiven Wirtschaftsklubs: SL-Einwohner konnten ihm via Adam Reuters, SL-Korrespondent der gleichnamigen Nachrichtenagentur, Fragen stellen, die ein Schwab-Avatar beantwortete.
 
Verkauft wurde diese PR-Aktion vollmundig als programmatische «Erweiterung der Davoser Konversation» – auch von willfährigen Medienpartnern. Dabei hatte sie (wie schon das 2003 auf Druck von Kritikern lancierte so genannte Open Forum) auch blosse Feigenblattfunktion. Diesmal sollte mit den trendigen Mitteln des Web 2.0 vom Kerngeschäft des WEF abgelenkt werden.
Und das heisst heute wie ehedem «Connecting and Enabling Big Business» (Financial Times). Einen gemeinsamen Nenner von Online-Parallelwelt und Davoser Raumschiff gibt es also dennoch. Allerdings lautet dieser weder Transparenz noch Partizipation, sondern ganz einfach Etikettenschwindel.
> Oliver Classen ist Pressesprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern.

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