Swiss Creator Choice Award: Wenn 3,4 Milliarden Views entscheiden

Der Swiss Creator Choice Award bringt eine neue Jury-Logik in die Schweizer Werbung: sieben Creators, zehn Spots, drei Podestplätze. In den Google-Räumlichkeiten an der Europaallee wurde nicht nach Fachjury-Reflex entschieden – sondern nach Aufmerksamkeit, Unterhaltungswert und dem Gefühl für die Plattform.

Es ist ein geschäftiger Morgen in den Google-Räumlichkeiten an der Zürcher Europaallee. Während sich im Hintergrund unzählige «Zooglers» – die Mitarbeitenden von Google Zürich – ihren Weg zur Kaffeebar bahnen und der typische Tech-Campus-Buzz in der Luft liegt, herrscht im Eventbereich eine knisternde Spannung. Hier geht es heute nicht primär um Algorithmen, sondern um das Urteil von Menschen, die das Internet wie ihre Westentasche kennen. Die Frage des Tages prangt als grosse Zahl auf dem Bildschirm: 3,4 Milliarden.

Ist es ein Preisgeld? Sind es Minuten? Nein. Es ist die Anzahl der Views, die die siebenköpfige Jury gemeinsam auf sich vereint. Die Botschaft ist unmissverständlich: Wer hier sitzt, ist Experte für Aufmerksamkeit.

Und genau diese Aufmerksamkeit ist der Kern des neuen Formats: Am 23. Januar wurde erstmals der Swiss Creator Choice Award vergeben – als Auszeichnung für die besten YouTube-Werbespots des Jahres 2025 in der Schweiz. Die Grundlage bildete eine Shortlist von zehn Clips, zusammengestellt durch einen Algorithmus, der Paid Views, organische Reichweite, Zuschauerbindung, Klicks und Sentiment berücksichtigte. Den finalen Entscheid aber fällte keine klassische Fachjury – sondern Creators.

Die Jury der Millionen: Sieben Creators, sieben Blickwinkel

Die Zusammenstellung der Jury liest sich wie ein «Who is Who» der Schweizer Creator-Szene. Und spätestens beim genaueren Hinsehen wird klar: Das ist keine Influencer-Runde fürs Foto – das ist ein Gremium aus Persönlichkeiten, die die Sprache der Plattform nicht nur sprechen, sondern bauen.

Mitten im Geschehen steht Alessandra Spataro, die auf YouTube über eine Million Abonnenten erreicht. Sie ist längst mehr als Creatorin: Best-Seller-Autorin (Ich gegen mich) und Regisseurin bei Spataro Media GmbH. Ihre Inhalte entwickelten sich von Tutorials hin zu Self-Love & Lifestyle. Und genau diese Mischung aus Persönlichkeit & Strategie schärft auch ihren Blick auf Werbung.

Neben ihr bringt Kyurin Diary eine akademische Tiefe in die Runde. Auf YouTube folgen ihr 544’000 Abonnenten. Ihre Welt: asiatische Popkultur, K-Beauty und das «Glow up» – kombiniert mit einem zweiten Leben als Doktorandin in Neurowissenschaften. Eine Creatorin, die Trends nicht nur fühlt, sondern auch analytisch auseinandernehmen kann.

Für das Handwerkliche – im wahrsten Sinne des Wortes – steht Thispronto (Oluyomi Scherrer). Auf YouTube hat er 316’000 Abonnenten, auf TikTok eine Reichweite von über 16 Millionen Followern. Der gelernte Koch aus Bern wurde mit seinem Markenzeichen weltbekannt: Zutaten auf einem iPad zu schneiden. Er bewertet Bildsprache und Schnittrhythmus wie kaum ein anderer.

Die Popkultur wird durch alishquiche (Alisha de Munk) vertreten. Auf YouTube kommt sie auf 228’000 Abonnenten. Die selbsternannte «Switzerdutch girl» und Co-Autorin des «Content Creator’s Compass» ist tief in Disney, Avatar und BookTok verwurzelt. Sie versteht, wie emotionale Bindungen entstehen – nicht über Argumente, sondern über Welten, Figuren, Gefühle. Eine Kernkompetenz, wenn Werbung plötzlich nicht mehr wie Werbung wirken soll.

Ebenfalls Teil der Expertenrunde ist Mrs Flury (Doris Flury), der auf YouTube 137’000 Abonnenten folgen. Als Ernährungswissenschaftlerin hat sie sich mit gesunden, familienfreundlichen Rezepten eine Marke aufgebaut, die von Kochbüchern bis zu einem eigenen Online-Shop reicht. Ihr Blick: Was funktioniert wirklich im Alltag – und wie wird daraus Content, der trotzdem Begehrlichkeit erzeugt?

Komplettiert wird das Gremium durch zwei Sport- und Action-Spezialisten. Modern Goalkeeping (Mike Bolvin) bringt auf YouTube 2,29 Millionen Abonnenten mit – und ist auch auf TikTok mit 7,6 Millionen Followern eine globale Wucht. Seine Marke Gripmode ist dabei längst Teil des Content-Universums. Und dann ist da Michaela Carrot (Michaela Scalisi), der auf YouTube 39’700 Abonnenten folgen: ehemalige Eiskunstläuferin, Pionierin des «Wild Ice Skating» – eine visuell starke Nische zwischen Sport, Natur und Cineastik.

Hitzige Debatten über Hooks und Emotionen

Diese sieben Profis hatten eine klare Mission: Aus einer Shortlist von zehn Werbespots – vorab datenbasiert ermittelt – die besten drei zu küren. Bewertet wurden Kreativität und Unterhaltungsfaktor. Doch schnell wurde klar: Das ist keine Kür, sondern echte Jurierarbeit.

Statt der geplanten Stunde debattierten die Creators Stunden lang leidenschaftlich. Sie analysierten die «Hooks», die ersten Sekunden, die fesseln müssen. Sie diskutierten Farbsättigung, Tonalität, Timing, Authentizität. Und sie sprachen über das, was im Meetingraum manchmal schwer messbar ist – aber draussen in der Community sofort entschieden wird: Ob etwas ehrlich wirkt.

«Wir haben diskutiert, warum wir glauben, dass eine bestimmte Anzeige auf einem bestimmten Platz sein sollte», hiess es aus der Runde.

Die Gewinner: Von Finanzen bis zur Weihnachtserbse

Die Preisverleihung zeigte eindrücklich, dass auf YouTube ganz unterschiedliche Ansätze funktionieren – solange sie die Mechanik der Plattform ernst nehmen.

Bronze ging an die WIR Bank für ihre VIAC App (Säule 3a). Die Jury lobte vor allem die dynamische Umsetzung: schnelle Animationen, klarer Einstieg, ein verständlicher Zugang zu einem eigentlich komplexen Finanzthema. Der Spot zeigte, dass auch trockene Inhalte auf der Plattform funktionieren, wenn das Editing sitzt und der Fokus sofort da ist.

Dann wurde es emotional. Silber sicherte sich Coop mit dem Weihnachtsspot «Grosses liegt im Kleinen». Hier bewies der Detailhändler, dass Storytelling der direkteste Weg ins Herz bleibt. Kyurin Diary zeigte sich im Jury-Talk tief beeindruckt: «Ich fand es krass, dass sie es geschafft haben, dass man Mitleid hat mit einer Erbse.» Die Jury war sich einig: Coop hatte Alltagsprodukte in unvergessliche Charaktere verwandelt – und genau das bleibt hängen.

Gold für den wackelnden Tisch

Der unbestrittene Sieger des Abends aber war Galaxus Schweiz. Mit dem Weihnachtsspot «Der Tisch wackelt» holte sich der Onlinehändler Gold.

Warum Galaxus? Alessandra Spataro brachte es auf den Punkt: «Ich habe es einfach sehr authentisch gefunden und sehr kreativ.» Der Spot sei nicht überinszeniert – «nicht dieses riesige komplizierte Video» –, sondern treffe mit Ehrlichkeit und Humor genau den Kern der Zielgruppe.

Die Creators schätzten, dass Galaxus offensichtlich verstanden hat, wie man Community abholt. «Authentisch sein, nicht sein wollen, was man nicht ist», so Spataro. Die Follower merken sofort, wenn eine Marke nicht ehrlich ist.

Der Gastgeber: Marco Krättli über den «Basecamp»-Spirit

Am Rande des Events ordnete Marco Krättli, Senior Industry Manager bei Google Schweiz, die Bedeutung des Awards ein. Für ihn ist dieser Preis der Beweis für eine neue Symbiose von Plattform und Kreativität. «Die Idee war, dass wir jene, die sich am meisten mit der Plattform auseinandersetzen – nämlich die Creators – entscheiden lassen: Was macht ein richtig gutes Werbemittel im Schweizer Markt aus?», erklärte Krättli.

Er betonte, dass Creators auf Details achten, die reinen Marketing-Teams oft entgehen: «Das sind ganz viele spontane, subjektive Faktoren, die über die Analytics hinausgehen.» Krättli selbst sieht in YouTube eine Plattform von unglaublicher Tiefe. «Man kann sich kurz inspirieren lassen, aber vor allem stundenlang in Themen vertiefen», sagte er. Diese Faszination für das Ökosystem, in dem sich Creators und Werbetreibende finden, treibt ihn an.

Fazit: Cupcakes statt Millionen

Während die Google-Mitarbeitenden im Hintergrund weiter ihren Kaffee holten, endete der Event mit einer pragmatischen Note. Da die Marketing-Teams der Gewinner-Marken nicht persönlich anwesend sein konnten, wurde ihnen der Preis nachgesendet – in Form einer grossen Lieferung YouTube-Cupcakes.

Der erste Swiss Creator Choice Award hat vor allem eines gezeigt: In einer Welt voller Hochglanz sehnt sich das Publikum – und die Jury der Profis – nach Echtheit. Ob man Finanzprodukte erklärt oder Erbsen zum Weinen bringt: Wer die Sprache der Creators spricht, gewinnt.

Oder wie es Alessandra Spataro den Marken als finalen Tipp mitgab: «Es lohnt sich wirklich. Brands unterschätzen YouTube oft.» Galaxus hat das verstanden – und dafür gab es Gold.

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