Aufgespiesst: WOM! Ein grandios gescheiterter Selbstversuch

Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über Mund-zu-Mund-Propaganda, Neudeutsch: WOM.

Heute, da die soziale Vernetzung bis zum Nachttischchen und in die Badewanne reicht, ist WOM der letzte Schrei. Für alle Outsider: WOM heisst «Word of Mouth», gemeint ist Mund-zu-Mund-Propaganda. Wenn man schon die intimsten Details seines Lebens mit der digitalen Fangemeinde teilt, warum dann nicht auch den schnöden Alltag? Also: Frau Dättwyler testet allerlei Zeugs und erzählt dann online Herrn Hürrlimann und tausend anderen Hürrlimännern, welche Confi sie heute zmörgelet hat oder mit welchem Duschgel sie wie geduscht hat, wie ihre Katze das neue Katzenfutter fand oder welchen Reis sie für ihr Risotto verwendet hat und wie es gelang. Für die freigiebigen Infos belohnt wird Frau Dättwyler mit den Produkten, die ihr kostenlos zugeschickt werden.

Ich fand die Idee verlockend: Da bekomme ich also Schoggi, Duschgel, Babynahrung, Chäschüechli und alles andere mögliche Feine und Brauchbare, darf es kostenlos testen und das Einzige, was ich dafür tun muss, ist, meine Meinung dazu kundgeben. Ganz ehrlich und ungeschönt. Das kann ich, das mach ich. Dachte ich. Und soll ich Ihnen was sagen: Nach diesem Selbstversuch finde ich WOM zum Schreien!

Duschen nonstop

Zuerst bekam ich zwölf Duschgels à 250 ml zugeschickt, dazu 50 Duschgelproben und Postkarten, die ich an Nachbarn und Freunde verteilte. Ich freute mich, vor allem auf die vielen gut duftenden, entspannenden Duschstunden. Und dann kam der Haken: Bereits nach einer Woche sollte ich meine Meinung zu den insgesamt 3000 ml Duschgel äussern, und zwar dezidiert nach Sorte und aufgefächert nach Dutzenden Eigenschaften, die man eigentlich nur nach einem mehrtägigen Nonstop- Dusch-Härtetest beurteilen kann. Selbst für eine Vielduscherin wie mich eine Knacknuss. Schliesslich bin ich kein Nauplius!

Mein Mann half in dieser Not sehr verlässlich beim Verbrauch und etwas weniger verlässlich bei der Beurteilung der Duschmittel. Selbst unser knapp Zweijähriger packte mit an, schäumt halt ordentlich, das Zeug. Meine Kolleginnen, nach ihrer Meinung zu den Proben gefragt, liessen mich zumeist im Stich: «Warte mal, wo habe ich die hingelegt …?» Mein Gott, und was soll ich jetzt erzählen??

Test mit Magenschmerzen

Ähnlich erging es mir mit Apérogebäck, für dessen Test ich mich angemeldet hatte. Für insgesamt 40 Franken sollte ich bestimmte Produkte eines Herstellers einkaufen, Rückerstattung des Kaufpreises nach der Endbewertung. Haben Sie schon einmal 14 Tage lang nur von Chäschüechli, Schinkengipfeli, Bruscetta und Pizzabrötchen gelebt? Das ist kein Spass, sage ich Ihnen. Und wenns dann bereits nach dem ersten Bissen zu den Ohren oder sonstwo wieder rauskommt – was solls: Ein guter WOMmer isst weiter. Wurgs. Wenigstens wusste ich in diesem Fall, was ich schreibe. Schliesslich ist Ehrlichkeit beim WOMmen oberstes Gebot.

Ausserdem wusste ich: Ich WOMme nie wieder. Lieber kaufe ich ein feines Duschgel oder ein neues Convenience-Produkt, probiere es ganz insgeheim und genau dann, wenn ich es will, aus, ohne dass jemand davon etwas weiss. Und freue mich dran, statt diesem Stress mit den ständigen Mails «Frau Heinrich, sie haben noch keinen Testbericht verfasst …» standhalten zu müssen. Nun aber – alle Duschgels sind leer und alle Chäschüechli gegessen – kehrt nicht etwa unser geliebter Hausfrieden ein. Nein, ich werde ständig aufgefordert, Katzenfutter zu testen. Dabei habe ich nicht nur keine Katze, sondern auch nicht einmal die leiseste Absicht, jemals einen Haustiger in unseren vier Wänden zu dulden. Ich bin ein WOMmer, lasst mich hier raus!!!

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