Aufgespiesst: Social Zwang – Dabeisein ist nicht alles

Werbewoche-Redaktorin Anne-Friederike Heinrich über die herbeigeredete Notwendigkeit, im Social Web mitzumischen.

Ich finde das Social Web ja toll. Twitter, Facebook, Blogs, Youtube, Flickr, Xing, sensationell. Längst gilt es als Common Sense, dass bald weg vom Fenster ist, wer das Potenzial des Social Web nicht nutzt – für Selbstdarstellung, Werbung oder clevere PR, zum Connecten, Sharen und Verlinken. Einzig: Authentisch muss er sein, der Auftritt im sozialen Netz. Und das ist auch schon der Knackpunkt. Denn wie ist man authentisch, begeisternd, überraschend, wenn man gar keine Lust zum Twittern, Bloggen und Podcasten hat? Wenn einem die Zeit zu schade ist, um auch noch am Wochenende zu schauen, was andere über einen schreiben – zu monitoren, wie das der Neudeutsche nennt? Ich finde das Social Web ja toll. Aber es könnte doch sein, dass es Menschen gibt, denen all das Daten- und Meinungsausgetausche im Web nichts sagt. Oder zu viel ist. Die lieber Kollegen in der Beiz oder die Nachbarin am Gartenzaun nach Hoteltipps, den bequemsten Schuhen oder den coolsten Autos fragen. Leuchten in den Augen und Begeisterung in der Stimme inklusive. Wäre das schlimm?

Aber nein, nix da, alle müssen mitmachen! Sonst geht’s bachab. Meint jedenfalls ein 16-Jähriges Büebli, das bei der Goldbach Mediarena 2011 im Kaufleuten auf der Bühne stand. Und ein guter Querschnitt durch die ganze Schweizer Medien-, PR- und Werbebranche hört gebannt zu, staunt und denkt: «Mol, der Bub hat recht.» Stolz eröffnet der Digital Native den ahnungslosen Alten, er habe seit Jahren keine Zeitung in der Hand gehalten. Die Informationen, die ihn wirklich interessieren, lässt er sich von Tools aus dem Netz fischen. Reicht ihm das nicht, fragt er Freunde, die seine Interessen teilen. Vermutlich per SMS, während die Betreffenden neben ihm sitzen. Wieder staunt die Digital-Immigrants-Gemeinde, kichert und schiebt verlegen mit dem Finger auf dem iPhone herum: «Müssen wir Alten in Zukunft auch so sein?» Um Himmels willen! Wir reden von sozial und weltumspannend, von einem Netz, das verbindet und zusammenhält – sehen aber junge Menschen, die mit dem Smartphone herumspielen, statt mit dem Kollegen aus Fleisch und Blut nebendran zu reden, Manager, die junge Mütter umrennen, weil sie auf ihr iPad starren. Für mich erzählt das von Abkapselung und Fachidiotisierung. Klar kann man heute überall auf der Welt Freunde finden. Aber darf man darüber die vergessen, die nebenan wohnen? Klar muss man den Informationseingang selektieren und bündeln. Aber ist es sinnvoll, die Datenmasse so zu entschlacken, dass sie einseitig wird? Wie soll man denn auf neue Ideen kommen, wenn man nur noch gezielt das konsumiert, was einen ohnehin schon interessiert? Vielleicht kann dem Bürschchen auf der Kaufleutenbühne mal jemand erklären, dass es das Besondere an der guten alten Papierzeitung ist, dass man alles rasch durchblättert, auch wenn einen nur der Sport interessiert. Dass es Spass macht, bei einer Internetrecherche auf Daten zu treffen, die man nicht erwartet hat. Wenn das Gehirn auf der Schnellstrasse zur gewünschten Information am Wegesrand Wissen aufschnappt, bereichert das und lässt den Blick über den Tellerrand hinausblitzen. Vielleicht sollten wir in dem ganzen Gehyper mal Luft holen: Statt 24 Stunden am Tag alle medialen Kanäle befüllen und observieren zu wollen, könnten wir das Smartphone einmal weglegen und unserem Gesprächspartner wieder ins Gesicht schauen. So bekommen wir mindestens so viel von der Welt mit, wie wenn wir dauernd linken, sharen und uns connecten. Vielleicht sogar mehr. Vielleicht nicht ganz so schnell. Wäre das schlimm? Die Bernet-Studie «Web 2.0» hat gezeigt, dass 60 Prozent der Schweizer Unternehmen gar keine Ressourcen für Social-Media haben. Desaströs? Logisch. Sie denken ja jetzt erst darüber nach, dass sie bei der grossen Bewegung mitmischen könnten. Weil alle sagen, man müsse dabei sein. Muss man? Nicht unbedingt. Nur, wer wirklich ein Social-Media-Passionate ist oder einen beschäftigt, kann auch ein guter Social Webber sein. Weil er Menschen mag, weil er versteht, wie das Social Web tickt, weil er sich authentisch verhält. Und weil er beurteilen kann, an welchem Platz sich das Unternehmen in diesem riesigen Netz einnisten könnte. Gewinnbringend. Sie spinnen also nicht, wenn Sie noch nicht ver«web»t sind. Besser zweimal nachdenken, als sich trotz grossem Zeitaufwand in einem übel riechenden Shitstorm wiederzufinden.

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